EU und Indien wollen riesige Freihandelszone aufbauen Von Ansgar Haase und Dirk Godder, dpa

27.01.2026 13:14

Nach Brasilien & Co jetzt Indien: Die EU hat die Verhandlungen für
ein weiteres großes Freihandelsabkommen abgeschlossen. Wird es nun
wieder Proteste geben?

Neu-Delhi (dpa) - Die EU und Indien haben sich auf ein Abkommen für
eine riesige neue Freihandelszone verständigt. Die bei einem
Gipfeltreffen in Neu-Delhi verkündete Einigung sieht vor,
Handelsbarrieren und Zölle abzubauen, um den Austausch von Waren und
Dienstleistungen anzukurbeln. Dies soll das Wachstum und
Arbeitsplätze fördern und zugleich unerwünschte Abhängigkeiten von

anderen Staaten reduzieren. 

Vor dem Hintergrund der aggressiven Zoll- und Handelspolitik von
US-Präsident Donald Trump sowie dem zunehmenden Machtstreben Chinas
gilt der Aufbau der neuen Freihandelszone zudem auch als geopolitisch
bedeutsamer Schritt. Die Verhandlungen über das Abkommen waren
bereits 2007 begonnen worden. Es soll nun möglichst noch in diesem
Jahr unterzeichnet werden und dann schnell in Kraft treten. 

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sagte bei der Zeremonie zum
Abschluss der Verhandlungen: «Die EU und Indien schreiben heute
Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten
Demokratien der Welt.» Man schaffe eine Freihandelszone mit zwei
Milliarden Menschen, von der beide Seiten wirtschaftlich profitieren
würden. Zudem werde das Signal in die Welt gesandt, dass
regelbasierte Zusammenarbeit weiterhin hervorragende Ergebnisse
liefere. Indiens Premierminister Narendra Modi sagte, Menschen auf
der ganzen Welt bezeichneten das Abkommen als «die Mutter aller
Handelsdeals». Auch von der Leyen nannte es so. 

Markt mit fast zwei Milliarden Menschen 

Durch die Einigung mit Indien feiert die EU schon den zweiten großen
Erfolg in der Handelspolitik in diesem Jahr. Erst vor etwas mehr als
einer Woche hatten von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa
in Südamerika das rund ein Vierteljahrhundert verhandelte
Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien,
Uruguay und Paraguay unterzeichnet. 

Das nun mit Indien vorgesehene Abkommen ist zwar weniger umfassend,
weil zum Beispiel Produkte wie Rindfleisch, Geflügelfleisch, Reis und
Zucker von der Liberalisierung ausgenommen sind. Angesichts der Größe
des indischen Marktes wird es dennoch eines der wichtigsten sein, die
bislang vereinbart wurden. 

Indien ist noch vor China mit mehr als 1,45 Milliarden Einwohnern das
bevölkerungsreichste Land der Welt. In der EU leben rund 450
Millionen Menschen. Gemeinsam repräsentieren beide Seiten nahezu ein
Viertel des weltweiten BIP und der Weltbevölkerung. 

Autobauer können auf Zollabbau hoffen 

Angaben der EU zufolge könnte von dem Abkommen insbesondere die
deutsche Autoindustrie profitieren, da Indien den Import von
Fahrzeugen aus der EU bislang mit Zöllen von bis zu 110 Prozent
belastet. Diese sollen nun zumindest für 250.000 Fahrzeuge pro Jahr
schrittweise auf 10 Prozent gesenkt werden, während sie für Autoteile
nach fünf bis zehn Jahren vollständig abgeschafft werden. Auch Zölle

von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, 22 Prozent auf Chemikalien und
11 Prozent auf Pharmazeutika würden weitgehend beseitigt, heißt es. 


Zudem betont die EU, dass sich auch für europäische Landwirte neue
Chancen in Indien eröffnen. Demnach werden etwa indische Zölle auf
Wein bei Inkrafttreten des Abkommens auf 75 Prozent gesenkt und
später dann auf bis zu 20 Prozent reduziert. Die Zölle auf
verarbeitete Agrarprodukte wie Brot und Süßwaren von bis zu 50
Prozent sollen ganz abgeschafft werden. Ähnliche Proteste wie beim
Mercosur-Abkommen sind deswegen nicht zu erwarten - vor allem auch,
da das Abkommen mit Indien für hiesige Landwirte sensible Bereiche
nicht einbezieht. 

EU sieht enormes Potenzial 

Zum Potenzial der Handelsbeziehungen zwischen der EU und Indien
teilte die EU mit, es werde erwartet, dass das Abkommen bis 2032 zu
einer Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien führen werde, indem
Zölle auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Warenexporte nach Indien
abgeschafft oder gesenkt würden. Insgesamt würden die Zollsenkungen
Einsparungen von rund vier Milliarden Euro pro Jahr an Abgaben auf
europäische Produkte ermöglichen. Nach EU-Angaben sind bereits heute
mehr als 6.000 europäische Unternehmen in Indien vertreten. 

Eine EU-Beamtin in Brüssel sagte, der Handel mit Indien mache bislang
nur rund 2,5 Prozent des gesamten EU-Warenhandels aus - im Vergleich
zu knapp 15 Prozent bei China. Trotz vergleichsweise hoher Zölle auf
indischer Seite sei der Handel zwischen der EU und Indien in den
letzten zehn Jahren bereits um fast 90 Prozent gewachsen. Zu den
wichtigsten Exporten Indiens in die EU-Länder gehören Maschinen,
Haushaltsgeräte, Chemikalien, Metallplatten, Mineralerzeugnisse und
Textilien. 

Signal an Trump 

Als äußerst relevant wird das Abkommen zudem auch angesehen, weil die
Handelsbeziehungen zu den USA wegen der Zollpolitik von US-Präsident
Trump zuletzt unberechenbar geworden sind. Betroffen davon ist neben
der EU auch Indien. Auf Importe aus Indien erheben die USA inzwischen
Zölle in Höhe von 50 Prozent, einschließlich der 25 Prozent wegen
Handelsgeschäften des Landes mit Russland. 

Von der Leyen sagte bereits in der vergangenen Woche: «Wir
entscheiden uns für fairen Handel statt für Zölle. Für Partnerschaf
t
statt Isolation.» Die EU wolle Nachhaltigkeit statt Ausbeutung und
meine es ernst mit der Risikominderung und der Diversifizierung von
Lieferketten. 

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt Mitte Januar stark
für den Abschluss der Verhandlungen geworben. Mehr als 2.000 deutsche
Unternehmen seien heute schon in Indien aktiv, und immer mehr
indische Unternehmen investierten auch in Deutschland, sagte er bei
einem Treffen mit Modi. 

Unterzeichnung des Abkommens steht noch aus

Wann das Abkommen unterzeichnet wird, ist derzeit noch unklar. Grund
ist, dass der Vertragstext noch rechtlich überprüft und in alle
Amtssprachen der EU übersetzt werden muss. Anschließend muss er zudem
noch von den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt
werden.

Wirtschaftsvertreter forderten am Dienstag Tempo. «Nach der
politischen Abschlusserklärung müssen die nächsten Schritte zügig
folgen, damit das Abkommen schnell in Kraft treten kann», mahnte
Wolfgang Niedermar vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).
Die deutsche Industrie erwarte starke Impulse durch das Abkommen -
vor allem für Schlüsselsektoren wie Maschinenbau, Chemie,
Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrt, aber auch für die
Automobilindustrie und ihre Zulieferer. 

Hildegard Müller vom Verband der Automobilindustrie sagte, auch wenn
nicht sämtliche Hindernisse abgebaut würden, sei der erfolgreiche
Abschluss der Verhandlungen ein wichtiger Schritt für das Exportland
Deutschland. Damit werde ein dringend benötigter verbesserter
Marktzugang in einem weltweit zunehmend protektionistischen Umfeld
umgesetzt.