Kühler Konter: Spöttelnder Nato-Chef lässt EU-Politiker kalt

27.01.2026 16:19

«Träumt weiter!» und «Viel Glück!» - Mit Spott attackiert Mark
Rutte
die Idee eines auch bei der Verteidigung unabhängigen Europas. Die
Replik von EU-Seite ist deutlich.

Brüssel (dpa) - Kann sich Europa in Verteidigungsfragen aus der
Abhängigkeit von den USA lösen? Die EU-Kommission von Ursula von der
Leyen hat nach spöttischen Kommentaren von Nato-Generalsekretär Mark
Rutte klargestellt, dass sie an ihrer Politik für mehr
Eigenständigkeit festhalten will. «Wir sind entschlossen, dafür zu
sorgen, dass wir zunehmend widerstandsfähiger und unabhängiger
werden», sagte eine Sprecherin in Brüssel. Man arbeite daran, die
Abhängigkeit und die Verwundbarkeit zu verringern. Spaniens
Außenminister José Manuel Albares äußerte sich bei einem Besuch in

Brüssel ähnlich und warb für den Aufbau einer europäischen Armee.

Rutte hatte zuvor vor Mitgliedern der Ausschüsse für Außen- und
Verteidigungspolitik des Europaparlaments mit spöttischem Unterton
deutlich gemacht, dass er eine weitgehende Abnabelung von den USA
nicht für richtig halte. Der Niederländer sagte: «Wenn hier jemand
glaubt, die Europäische Union - oder Europa insgesamt - kann sich
ohne die USA verteidigen: Träumt weiter! (...) Das können wir nicht.»

Als Grund nannte Rutte insbesondere die Kosten für den Aufbau eines
nuklearen Schutzschirms, der dem der USA entspricht. Diejenigen, die
dafür werben, sollten es vergessen, sagte er. Dafür müssten die
Europäer nicht fünf, sondern sogar zehn Prozent ihres
Bruttoinlandsproduktes in Verteidigung investieren.

Rutte warnte, der nukleare Schutzschirm der USA sei letztlich der
Garant der Freiheit. «Viel Glück» wünschte er ironisch denjenigen,

die diesen verlieren wollten. Zugleich wies Rutte darauf hin, dass
aus seiner Sicht auch die USA die Europäer brauchten. Die Vereinigten
Staaten seien auch in der Nato, um selbst sicher zu sein. Dazu
gehörten ein sicherer euro-atlantischer Raum, eine sichere
Arktisregion und ein sicheres Europa.

Diskussion auch über europäische Armee

Für Diskussionen sorgten in Brüssel auch kritische Äußerungen Rutte
s
zu der zuletzt wieder verstärkt diskutierten Idee, eine Art
europäische Armee schaffen, die im Zweifelsfall auch unabhängig von
den US-dominierten Nato-Strukturen operieren könnte. Dies sei
natürlich Sache der europäischen Staaten, das zu entscheiden. Er
denke allerdings, dass es dabei zu viel Doppelung kommen würde, sagte
er.

Wörtlich fügte Rutte in Richtung von Befürwortern der Idee hinzu:
«Ich wünsche Ihnen viel Glück, wenn Sie das tun wollen.» Für ein

solches Projekt müssten zusätzliche Frauen und Männer in Uniform
gefunden werden und es werde die Dinge komplizierter machen. «Ich
glaube, Putin würde das lieben. Also: Überlegen Sie es sich noch
einmal», sagte er.

Diesen Äußerungen widersprach am Dienstag Spaniens Außenminister
Albares deutlich. Er sagte in Brüssel: «Wir müssen zu einer
europäischen Armee kommen.» Ihm sei sehr bewusst, dass man so etwas
nicht von heute auf morgen umsetze, aber wenn die Europäer sogar in
Einsatzgebieten außerhalb Europas in Koalitionen aktiv sein könnten,
werde dies auch innerhalb Europas möglich sein.

Man wolle weiterhin daran arbeiten, die transatlantischen Beziehungen
so stark wie möglich zu halten und dafür zu sorgen, dass sie für
beide Seiten von Nutzen bleiben, betonte Albares. Was die
militärische Abschreckung betreffe, sei aber sehr klar, dass die
amerikanische Regierung eine neue Sicht auf die transatlantische
Sicherheit habe. «Deshalb ist es wichtiger denn je, dass wir unsere
Abschreckung selbst in der Hand haben», sagte er.