Ischinger: Deutschland als «Brückenbauer» bei Atomschirm
01.02.2026 09:23
Die Krise im Verhältnis zwischen den USA und Europa hat die
Diskussion über eine eigene europäische nukleare Abschreckung neu
entfacht. Welche Rolle könnte Deutschland dabei spielen?
Berlin (dpa) - Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz,
Wolfgang Ischinger, wirbt für eine stärkere Beteiligung Europas an
der atomaren Abschreckung der Nato und sieht dabei eine besondere
Rolle Deutschlands. Frankreich und Großbritannien könnten mit ihren
Atomwaffen deutlich stärker als bisher an dem bisher weitgehend von
den USA getragenen nuklearen Schutzschirm des transatlantischen
Bündnisses beitragen, sagte Ischinger der Deutschen Presse-Agentur.
«Wenn so etwas stattfinden würde, wäre das an die Russen, an die
Amerikaner, an die Chinesen ein Zeichen europäischer
Selbstbehauptung.»
Europäische Atomwaffen nur als Ergänzung zu amerikanischen
Deutschland könne dabei die Rolle eines «Brückenbauers» zwischen
Europa und den USA einnehmen, der sicherstelle, dass solche
Überlegungen «in Washington nicht in den falschen Hals geraten»,
sagte Ischinger. «Denn es könnte ja sein, dass die Amerikaner sagen:
Ach, die verbünden sich jetzt mit den Franzosen, dann sind unsere
Atomwaffen als Abschreckung nicht mehr nötig. Das muss man
verhindern.»
Großbritannien und Frankreich sind die beiden einzigen europäischen
Atommächte. Die nukleare Abschreckung der Nato basiert aber
weitgehend auf den Atomwaffen der USA, von denen Schätzungen zufolge
noch etwa 100 fest in Europa stationiert sein sollen. Der
französische Präsident Emmanuel Macron hatte Deutschland und anderen
EU-Partnern bereits 2020 während der ersten Amtszeit von US-Präsident
Donald Trump Gespräche über eine europäische Kooperation bei der
atomaren Abschreckung angeboten. In Deutschland stieß er damit aber
zunächst auf kaum Resonanz.
Ischinger kritisiert Merkel und Scholz
«Ich habe persönlich nicht verstanden, warum nicht schon Kanzlerin
Merkel (CDU) oder Kanzler Scholz (SPD) ihre Berater oder den
Generalinspekteur der Bundeswehr nach Paris geschickt haben mit dem
Auftrag: «Prüft bitte ernsthaft, was die Franzosen hier
vorschlagen»», sagte Ischinger. «Ich glaube, das sollte jetzt
stattfinden. Und zwar nicht nur als deutsch-französische Initiative.»
Solche Gespräche müssten aber vertraulich und «nicht auf dem
Marktplatz» geführt werden. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte
das Gesprächsangebot Macrons nach seinem Amtsantritt im Mai
angenommen.
