Wie dringlich ist ein europäischer Atomschirm? Von Michael Fischer, dpa

01.02.2026 13:30

Der französische Präsident hat schon 2020 eine stärkere europäische

Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung vorgeschlagen. Die
Resonanz war lange sehr zurückhaltend. Das ändert sich jetzt.

Berlin (dpa) - Die Krise im Verhältnis zwischen den USA und Europa
hat die Diskussion über eine eigene europäische nukleare Abschreckung
neu entfacht. EVP-Chef Manfred Weber rief die Staats- und
Regierungschefs der EU am Wochenende bei einem Treffen konservativer
Spitzenpolitiker in Zagreb auf, die Idee durch Gespräche
voranzutreiben. Auch der Vorsitzende der Münchner
Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, plädiert für eine stärkere

Nutzung der Atomwaffen Frankreichs und Großbritanniens zur
Abschreckung vor allem Russlands - aber als Teil des bestehenden
Nato-Schutzschirms. 

«Wenn so etwas stattfinden würde, wäre das an die Russen, an die
Amerikaner, an die Chinesen ein Zeichen europäischer
Selbstbehauptung», sagt der frühere Top-Diplomat Ischinger der
Deutschen Presse-Agentur. Er sieht dabei eine besondere deutsche
Rolle. Die Umsetzung solcher Pläne wäre aber langwierig und nicht
ohne Risiko.

Wer hat die Debatte angestoßen?

Der französische Präsident Emmanuel Macron plädierte schon 2020
während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump für mehr
europäische Souveränität in den Bereichen Wirtschaft und
Verteidigung. Den EU-Verbündeten bot er Gespräche über eine
europäische nukleare Abschreckung auf Basis der französischen
Atomwaffen an. 

Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte davon aber
nichts wissen. Auch ihr Nachfolger Olaf Scholz (SPD) hatte kaum
Interesse. Der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte
dagegen schon im Wahlkampf Sympathien für Macrons Idee und erklärte
sich nach seinem Amtsantritt zu Gesprächen bereit.

Warum nimmt die Diskussion nun an Fahrt auf?

Weil in Europa die Zweifel an der Verlässlichkeit der USA als atomare
Schutzmacht seit Beginn der zweiten Amtszeit Trumps vor einem Jahr in
dramatischer Weise gewachsen sind. Nicht erst seit dem Konflikt mit
den USA um die zu Dänemark gehörende Insel Grönland reift die
Erkenntnis, dass Europa seine Abhängigkeiten auch von den USA
verringern muss. 

Merz forderte in der vergangenen Woche im Bundestag, dass die EU eine
eigenständige Macht in einer sich neu ordnenden Welt werden müsse.
Europa werde seine Vorstellungen nur dann durchsetzen können, «wenn
wir auch selbst die Sprache der Machtpolitik sprechen lernen». Was
das genau im militärischen Bereich bedeuten könnte, sagte er nicht.

Wie groß ist die Abhängigkeit von den USA?

Die atomare Abschreckung der Nato basiert derzeit fast ausschließlich
auf den US-Atomwaffen, von denen Schätzungen zufolge noch etwa 100 in
Europa stationiert sein sollen - einige davon auf dem Fliegerhorst
Büchel in der Eifel. Im Ernstfall sollen diese Bomben von Kampfjets
der Bundeswehr eingesetzt werden. Auch in Belgien, den Niederlanden,
Italien und in der Türkei sollen US-Atombomben lagern. Offizielle
Angaben gibt es dazu nicht.

Wie stark sind die europäischen Atommächte?

Die Atomwaffen Frankreichs und Großbritanniens, das der EU nicht mehr
angehört, fungieren bei der nuklearen Abschreckung der Nato derzeit
lediglich als Ergänzung. Nach Schätzungen des
Friedensforschungsinstituts Sipri verfügen die USA über 1.770 für den

Einsatz stationierte Atomwaffen, Frankreich über 280 und
Großbritannien über 120.

Wie könnte ein europäischer Schutzschirm aussehen? 

Für einen eigenständigen europäischen Schutzschirm, der die ganze EU

absichert, wären vermutlich riesige Investitionen erforderlich. Wie
er organisiert werden könnte, ist unklar. Theoretisch könnte
Frankreich öffentlich garantieren, dass es bereit wäre, seine
Atomwaffen zum Schutz europäischer Interessen einzusetzen. Auch eine
Stationierung französischer Atombomben in Deutschland oder in
östlichen EU-Mitgliedstaaten wäre denkbar - also näher an der
Hauptbedrohung Russland. 

Aus französischer Sicht müssten die Waffen aber unter strikter
französischer Kontrolle bleiben und ihre Lagerorte von französischen
Streitkräften geschützt werden. Präsident Macron hat klargestellt,
dass die Entscheidung über die französischen Atomwaffen bei
Frankreich und seinem Staatschef liegt. Das dürfte für die
europäischen Partner ein Problem sein. 

Worin liegen die Risiken der Diskussion?

Der Aufbau eines eigenständigen europäischen Nuklearschutzschirms
würde viele Jahre dauern. Das ist auch der Hauptgrund für die
zurückhaltende Debatte: Die USA sind als atomare Schutzmacht nicht so
einfach zu ersetzen. Es gibt auch Befürchtungen, dass Trump die
US-Atomwaffen abziehen könnte, wenn Europa zu stark über einen
eigenen Schutzschirm diskutiert. 

Davor warnt der frühere deutsche Botschafter in Washington,
Ischinger: «Es könnte ja sein, dass die Amerikaner sagen: Ach, die
verbünden sich jetzt mit den Franzosen, dann sind unsere Atomwaffen
als Abschreckung nicht mehr nötig. Das muss man verhindern», sagte
er. Aus seiner Sicht muss dringend dafür gesorgt werden, dass die
europäischen nuklearen Gedankenspiele «in Washington nicht in den
falschen Hals geraten». Dabei könnte Deutschland die Rolle eines
«Brückenbauers» zwischen Europa und den USA einnehmen.

Wie geht es jetzt weiter?

Merz hatte sich schon bei seinem Antrittsbesuch bei Macron zu
Gesprächen über eine gemeinsame nukleare Abschreckung bereiterklärt.

Am vergangenen Donnerstag sagte der CDU-Chef auf einer
Pressekonferenz dazu: «Diese Gespräche werden geführt. Das sind aber

Gespräche, die ganz am Anfang sind, und sie stehen auch nicht im
Widerspruch zur atomaren Teilhabe mit den Vereinigten Staaten von
Amerika.»

Der Chef der Europäischen Volkspartei (EVP), CSU-Vizechef Weber, der
am Freitag und Samstag bei einem Spitzentreffen der konservativen
Parteienfamilie mit Merz an einem Tisch saß, forderte verstärkte
Anstrengungen um eine europäische nukleare Abschreckung. Er sei
«absolut dafür», dass die Staats- und Regierungschefs der EU «sich

zusammensetzen und dann überlegen, wie diese Option der französischen
Atomwaffen für die europäische Sicherheit genutzt werden kann».

Könnte die Debatte zu einer deutschen Atombombe führen?

Das geben die internationalen Verträge nicht her. Im sogenannten
Zwei-Plus-Vier-Vertrag von 1990 mit den vier Siegermächten des
Zweiten Weltkriegs bekräftigten die damals noch zwei deutschen
Staaten den «Verzicht auf Herstellung und Besitz von und auf
Verfügungsgewalt über atomare, biologische und chemische Waffen». Sie

erklärten darüber hinaus, dass «auch das vereinte Deutschland sich an

diese Verpflichtungen halten wird». 

Außerdem erlaubt der Nichtverbreitungsvertrag über Atomwaffen
(Atomwaffensperrvertrag) von 1970 nur den fünf Staaten USA, Russland,
China, Frankreich und Großbritannien den Besitz von Atomwaffen.