EU-Kommission: Tiktok birgt Suchtgefahr - Strafe droht Von Ann-Kristin Wenzel, dpa

06.02.2026 12:16

Auf Tiktok kann man stundenlang Videos anstarren, ohne irgendwas zu
tun. Das könnte gegen EU-Recht verstoßen, findet die EU-Kommission.
Eine neue Runde im Konflikt mit Big Tech?

Brüssel (dpa) - Die Online-Plattform Tiktok verstößt nach den
vorläufigen Ergebnissen einer EU-Untersuchung gegen europäisches
Recht. Das teilte die zuständige EU-Kommission in Brüssel mit.
Konkret geht es dabei um suchtfördernde Mechanismen - zum Beispiel um
stark personalisierte Empfehlungen und das ununterbrochene
automatische Abspielen von Videos. Die Behörde kündigte an, das
bereits eingeleitete Verfahren gegen Tiktok weiter voranzutreiben.

«Abhängigkeit von sozialen Medien kann schädliche Auswirkungen auf
die sich entwickelnden Gehirne von Kindern und Jugendlichen haben»,
kritisierte die zuständige Vizepräsidentin Henna Virkkunen. Es gehe
darum, europäische Regeln durchzusetzen, um Bürgerinnen und Bürger
online zu schützen. 

Eine Tiktok-Sprecherin teilte mit: «Die vorläufigen Ergebnisse der
Kommission stellen unsere Plattform kategorisch falsch und völlig
haltlos dar. Wir werden alle notwendigen Schritte unternehmen, um
diese Ergebnisse mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln
anzufechten.»

Die Brüsseler Behörde untersucht derzeit verschiedene große
Online-Plattformen. Bei großen Tech-Unternehmen, aber auch der
US-Regierung sorgt das teilweise für große Verärgerung. 

Verfahren könnte für Tiktok teuer werden

Tiktok hat nun die Möglichkeit, sich gegen die Vorwürfe zu
verteidigen und könnte theoretisch auch Änderungen an seinen
Funktionen vornehmen, um die Bedenken der EU auszuräumen. 

Sollte keine einvernehmliche Lösung gefunden werden, könnte es für
Tiktok teuer werden. Die EU-Kommission könnte dann formell einen
Verstoß gegen das sogenannte Gesetz über digitale Dienste (Digital
Services Act, kurz DSA) feststellen und eine Strafe verhängen. Diese
könnte sich auf bis zu sechs Prozent des jährlichen Konzernumsatzes
belaufen.

Das soll sich bei Tiktok ändern

Die vorläufige Untersuchung fordert zum Beispiel diese Anpassungen: 

* die Einführung wirksamer «Bildschirmzeitpausen». Tiktok hole
Nutzer derzeit auch nachts, wenn sie nicht online seien, mit
Benachrichtigungen immer wieder auf die Plattform zurück. Derzeitige
Zeit-Beschränkungen seien außerdem leicht zu umgehen.
* Änderungen daran, welche Inhalte den Nutzern empfohlen werden.
* Deaktivieren des «Infinite Scrolling». Damit ist gemeint, dass
beim Scrollen in einem Dienst ständig neue Inhalte geladen werden,
ohne dass der Nutzer zu Pausen gezwungen ist.

Gehirn im «Autopilot-Modus»

Die EU-Kommission hält fest, dass die Gestaltung von Tiktok die
Nutzer ständig mit neuen Inhalten «belohne» und dadurch den Drang
fördere, weiter zu scrollen. Das versetze das Gehirn in einen
«Autopilot-Modus». «Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass
dies zu zwanghaftem Verhalten führen und die Selbstkontrolle der
Nutzer beeinträchtigen kann.» 

Die vorläufige Einschätzung ist Teil einer größeren Untersuchung zu
r
Online-Plattform Tiktok. Die Kommission prüft seit Februar 2024 unter
anderem, ob der Online-Riese Jugendliche genug schützt. Tiktok gehört
dem chinesischen Mutterkonzern ByteDance. Das US-Geschäft wurde an
eine neue Firma mit US-amerikanischen Investoren übergeben. 

Manche Kritiker werfen Tiktok auch vor, dass der Algorithmus
bestimmte politische Strömungen wie die AfD in Deutschland bevorzuge
oder kritische Themen wie Menschenrechte in China unterdrücke. Die
Kurzvideo-App hat nach eigenen Angaben monatlich mehr als 135
Millionen aktive Nutzer.

Verfahren gegen US-Unternehmen empören US-Regierung

Auch gegen die US-Unternehmen X und Meta laufen Verfahren der
EU-Kommission. Als die EU Anfang Dezember auf Grundlage des DSA gegen
Elon Musks Plattform X eine Strafe von 120 Millionen Euro wegen
Transparenzmängeln verhängte, reagierte die US-Regierung scharf: Sie
sprach von Zensur und verhängte Einreiseverbote gegen einen der
Architekten der Digitalgesetze sowie andere Europäer. 

Die heftige Reaktion konnte auch als Drohung in Richtung Brüssel
verstanden werden, keine weiteren Maßnahmen gegen die US-Tech-Riesen
zu ergreifen. Außenminister Marco Rubio schrieb zur Begründung der
Einreisesperren auf X, es würden gezielt amerikanische Plattformen
attackiert. Man sei bereit, die Liste zu erweitern, wenn es keine
Kurskorrektur gebe.

Diskussion um Altersgrenzen in europäischen Ländern

In der EU muss man derzeit grundsätzlich 13 Jahre alt sein, um
soziale Medien zu nutzen: Ab diesem Alter können Jugendliche der
Nutzung ihrer Daten zustimmen. Auch Tiktok schreibt vor, dass
Jugendliche mindestens 13 Jahre alt sein müssen, um einen Account
anzulegen. Einige Länder wollen aber strengere Regeln: Die
französische Nationalversammlung hat für ein Nutzungsverbot sozialer
Netzwerke für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren gestimmt. Der
Text muss noch in der anderen Parlamentskammer abgestimmt werden. 

Das Europäische Parlament stimmte vergangenes Jahr mit deutlicher
Mehrheit für die Forderung nach einem EU-weiten Mindestalter von 16
Jahren. Jugendliche ab 13 Jahren könnten nach der Vorstellung der
Abgeordneten unter elterlicher Aufsicht soziale Netzwerke nutzen. Der
verabschiedete Bericht hat aber bislang keine bindende Wirkung. Die
Europäische Kommission hat bisher keinen Vorschlag zu einer
Altersgrenze gemacht.