EU-Chefdiplomatin: Brauchen Debatte zu atomarer Abschreckung
10.02.2026 16:03
Ist auf den US-Atomschirm in alle Ewigkeit Verlass? Der politische
Kurs von US-Präsident Donald Trump lässt manch einen in der EU
zweifeln.
Brüssel (dpa) - Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas hat sich kurz vor
der Münchner Sicherheitskonferenz für eine offene Debatte über
europäische atomare Abschreckungskapazitäten ausgesprochen. «Ich
verstehe, woher diese Diskussionen kommen, und ich finde, wir müssen
diese Diskussionen führen», sagte Kallas im Gespräch mit der
Deutschen Presse-Agentur und anderen großen Nachrichtenagenturen.
Hintergrund sei die Tatsache, dass das transatlantische Bündnis
«nicht mehr das ist, was es einmal war».
Zugleich warnte Kallas vor einfachen Schlussfolgerungen. «Meine
persönliche Ansicht ist: Wenn wir überall auf der Welt mehr
Atomwaffen haben, werden wir nicht in einer friedlicheren Welt leben
- und auch nicht in einer weniger gefährlichen», betonte sie. Es
müsse daher ein Gleichgewicht bewahrt werden.
Die frühere Regierungschefin Estlands verwies auch darauf, dass die
EU in all diesen Fragen von den Mitgliedstaaten abhängig sei. «Aber
wir sind definitiv bereit, uns mit den Mitgliedstaaten an diesen
Diskussionen zu beteiligen», sagte sie.
Angesichts der Krise in den Beziehungen zwischen den USA und Europa
hatte zuletzt unter anderem EVP-Chef Manfred Weber dazu aufgerufen,
die Idee eines europäischen nuklearen Schutzschirms stärker
voranzutreiben. Der Vorschlag des französischen Präsidenten Emmanuel
Macron, dafür das französische Atomwaffenarsenal zur Verfügung zu
stellen, sei gerade vor dem Hintergrund der «neuen Entwicklungen in
den USA» ein «großzügiges Angebot», sagte der CSU-Politiker in Za
greb
nach einem Spitzentreffen der Europäischen Volkspartei, in der sich
die konservativen Parteien Europas zusammengeschlossen haben.
Atommacht Frankreich
Macron hatte Deutschland und anderen EU-Partnern bereits 2020 während
der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump Gespräche über eine
europäische Kooperation bei der atomaren Abschreckung angeboten. Bei
der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stieß er aber auf genauso
wenig Resonanz wie bei ihrem Nachfolger Olaf Scholz (SPD).
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte sich dagegen bereits im
Wahlkampf zu Gesprächen darüber bereit erklärt und das bei seinem
Antrittsbesuch in Paris als Bundeskanzler im vergangenen Mai
bekräftigt.
Frankreich ist seit dem Austritt Großbritanniens am 31. Januar 2020
die einzig verbliebene Atommacht der EU. Macron fordert seit langem,
dass sich Europa unabhängiger von der Supermacht USA machen sollte -
auch um strategisch autonom handeln zu können.
