Wie realistisch ist ein europäischer Atom-Schirm? Von Michael Fischer, dpa

16.02.2026 17:27

Kanzler Merz hat das französische Angebot angenommen, über einen
europäischen Nuklearschirm zu reden. Worum geht es dabei genau?

Berlin (dpa) - Europa will unabhängiger von den USA werden -
wirtschaftlich und vor allem auch militärisch. Auf der Münchner
Sicherheitskonferenz ist so deutlich geworden wie nie zuvor, dass man
sich nicht mehr auf die USA als alleinige Schutzmacht verlassen will.
Was muss nun dafür genau getan werden? Ein Kernpunkt ist die nukleare
Verteidigung. An keiner Stelle ist Europa so abhängig von den USA wie
hier.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Deutschland und anderen
EU-Partnern bereits 2020 während der ersten Amtszeit von US-Präsident
Donald Trump Gespräche über eine europäische Kooperation bei der
atomaren Abschreckung angeboten. Bei der damaligen Kanzlerin Angela
Merkel (CDU) stieß er aber auf genauso wenig Resonanz wie bei ihrem
Nachfolger Olaf Scholz (SPD). Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat
das Angebot jetzt angenommen.

Wie funktioniert die atomare Abschreckung aktuell?

Sie basiert derzeit hauptsächlich auf den US-Atomwaffen, von denen
Schätzungen zufolge noch etwa 100 in Europa stationiert sein sollen,
einige davon auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Im Ernstfall
sollen die in Büchel stationierten Bomben von Kampfjets der
Bundeswehr eingesetzt werden - das sieht die sogenannte nukleare
Teilhabe der Nato vor. 

Welche Rolle spielen die europäischen Atomwaffen derzeit?

Die Nuklearwaffen der beiden einzigen Atommächte Frankreich und
Großbritannien, das der EU nicht mehr angehört, fungieren bei der
nuklearen Abschreckung der Nato derzeit lediglich als relativ
unbedeutende Ergänzung. In der aktuellen Diskussion geht es nun um
eine Stärkung dieser europäischen Komponente, nicht um einen
separaten Schutzschirm. Das Nato-Abschreckungssystem mit den
US-Atomwaffen soll grundsätzlich erhalten bleiben.

Wie groß ist Frankreichs Atomwaffen-Arsenal?

Nach Schätzungen des Friedensforschungsinstituts Sipri verfügen die
USA über 1.770 einsatzbereite Atomwaffen; Frankreich über 280 und
Großbritannien über 120. Konkret hat Frankreich unter anderem vier
Atom-U-Boote und kann mit seinen Rafale-Kampfjets die gut 50
Marschflugkörper des Landes mit Nuklearsprengköpfen abschießen.

Was müsste für einen europäischen Schutzschirm getan werden?

Es wären vermutlich riesige Investitionen erforderlich, Schätzungen
gehen bis in den dreistelligen Milliardenbereich. Wie ein solcher
Schirm organisiert werden könnte, ist unklar. Theoretisch könnte
Frankreich einfach garantieren, seine Atomwaffen auch zum Schutz
europäischer Interessen einzusetzen. Auch eine Stationierung auf dem
Gebiet von EU-Partnern wie Deutschland, Polen oder im Baltikum wäre
denkbar, um die Reichweite der Waffen nach Russland zu verkürzen. 

Aus französischer Sicht müssten die Waffen aber unter strikter
französischer Kontrolle bleiben, ihre Lagerorte von französischen
Streitkräften geschützt werden und der «rote Knopf» für den Einsa
tz
bei Frankreichs Staatschef verbleiben. Das wiederum dürfte für die
europäischen Partner ein Problem sein.

Auch eine Einbindung der britischen Atomwaffen wäre denkbar, auch
wenn Großbritannien kein EU-Mitglied ist.

Wie steht Merz zum Angebot Macrons?

Der CDU-Chef hatte sich anders als seine Vorgänger bereits im
Wahlkampf zu Gesprächen darüber bereit erklärt und das bei seinem
Antrittsbesuch in Paris als Bundeskanzler im Mai bekräftigt. Als
Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) im vergangenen Sommer eine
deutsche Führungsrolle in der Diskussion forderte, bremste er aber
zunächst. Es handele sich um eine Aufgabe, «die sich allenfalls in
der sehr, sehr langen Perspektive hier stellt, weil es da doch eine
große Zahl von Fragen zu beantworten gilt».

Seit der Grönland-Krise, die das Vertrauen zwischen den Europäern und
den USA massiv beschädigt hat, geht Merz offensiver mit dem Thema um.
Ende Januar sagte er erstmals öffentlich, dass es Gespräche über
einen europäischen Atomschirm gebe. Auf der Münchner
Sicherheitskonferenz konkretisierte er, dass er auf Spitzenebene mit
Macron darüber spreche.

Ist sich die Koalition einig?

Nur so halb. Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil befürwortet die
Gespräche mit Frankreich. Verteidigungsminister Boris Pistorius,
Parteifreund von Klingbeil und in der Regierung für die deutsche
Beteiligung an der nuklearen Abschreckung zuständig, ist skeptischer.
Er warnte in München vor Doppelstrukturen und Doppelbemühungen.

Warum ist die Diskussion eine Gratwanderung?

Weil sie die USA verärgern und zu einem Rückzug der US-Atombomben
führen könnte nach dem Motto: Dann schützt euch doch selbst gegen
russische Atomraketen! Andererseits könnte sich Trump auch unabhängig
von der europäischen Debatte für einen Abzug der US-Atomwaffen
entscheiden. Dann wäre Europa der atomaren Bedrohung aus Russland
schutzlos ausgeliefert.

Wird Deutschland am Ende selbst Atombomben beschaffen?

Das ist nach aktueller Vertragslage nicht möglich. Deutschland hat
sich in zwei völkerrechtlich bindenden Verträgen verpflichtet, keine
eigenen Atomwaffen zu besitzen: im sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag
im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung sowie im
sogenannten Atomwaffensperrvertrag von 1970. Letzterer sieht vor,
dass nur die offiziellen Atommächte USA, Russland, China, Frankreich
und Großbritannien Nuklearwaffen besitzen dürfen.

Allerdings gibt es schon Stimmen in Europa, die für eine Abweichung
von dem Vertrag sind. Der rechtskonservative polnische Präsident
Karol Nawrocki plädiert für eine atomare Bewaffnung seines Landes.
«Der Weg zu einem polnischen Atompotenzial - bei allem Respekt für
internationale Regelungen - ist der Weg, den wir gehen sollten.»