Social-Media-Verbot für Kids? Wohin sich die Debatte dreht Von Jörg Ratzsch, dpa

16.02.2026 17:14

Scrollen ohne Ende, Suchtverhalten - viele Kinder und Jugendliche
kommen kaum noch weg vom Smartphone. Ein Social-Media-Verbot scheint
näher zu rücken. Wie könnte das aussehen?

Berlin (dpa) - Die Debatte über ein mögliches Social-Media-Verbot f
ür
Kinder und Jugendliche nimmt in Deutschland Fahrt auf. Aus der SPD
kommt jetzt ein Vorschlag, wie das technisch umgesetzt werden könnte.
Auch die CDU beschäftigt sich am kommenden Wochenende mit dem Thema
bei ihrem Parteitag. 

Aktuelle Umfragedaten der Krankenkasse DAK zeigen ein zunehmendes
Suchtverhalten bei Kindern und Jugendlichen. Im vergangenen Herbst
wies demnach gut ein Viertel eine riskante oder gar suchtkranke
Nutzung sozialer Medien auf.

Führende Sozialdemokraten veröffentlichten am Wochenende ein Papier
mit konkreten Vorschlägen zur Umsetzung eines Verbots. Darin schlagen
sie vor, Altersbeschränkungen für den Zugang zu
Social-Media-Plattformen technisch mit der sogenannten Wallet, der
digitalen Brieftasche auf dem Smartphone, zu verknüpfen. 

Zugang über Perso auf dem Smartphone 

Am 2. Januar 2027 soll die Wallet in Deutschland starten. Nutzer
sollen ab dann den Personalausweis, Führerschein und andere Dokumente
auf dem Smartphone speichern können und müssen die Plastikkarten
nicht mehr mitführen. Im Netz, etwa beim Schließen von
Handyverträgen, aber auch in der analogen Welt bei Polizeikontrollen,
soll man sich dann mit der Wallet auf dem Smartphone ausweisen
können.

Wie das konkret aussehen könnte

Die Idee aus der SPD: Wer ein Instagram- oder Tiktok-Konto
einrichtet, muss über die Wallet sein Alter nachweisen. Bis 14 ist
ein Zugang ausgeschlossen, von 14 bis 16 gibt es diesen nur ohne
algorithmisch gesteuerte Feeds und mit «kindgerechte(n)
Voreinstellungen», die «Endlos-Scrollen» ausschließen.

Für alle ab 16, auch Erwachsene, sollen Algorithmen, die Videos oder
andere Inhalte vorschlagen, automatisch ausgeschaltet sein und müssen
bewusst aktiviert werden. Bei Jugendlichen ab 14 ohne eigene Wallet
könnten die Eltern über ihre Wallet den Zugang freischalten.

Grundsätzlich wäre es denkbar und möglich, eine Altersprüfung mit
Hilfe der Wallet umzusetzen, sagte ein Sprecher des
Bundesdigitalministeriums auf Nachfrage in Berlin. 

EU-Regeln müssen beachtet werden 

Allerdings müsste die Bundesregierung dabei das europäische Gesetz
über digitale Dienste (Digtial Services Act - DSA) beachten. Denn
ausgerechnet die beliebten Plattformen YouTube, Instagram, Tiktok,
Snapchat und Co. fallen unter den DSA. 

Deutschland darf den großen Plattformen also gar keine zusätzlichen
Pflichten, etwa zur Alterskontrolle, auferlegen - das müsste auf
EU-Ebene entschieden werden. Im EU-Gesetz heißt es bisher explizit,
die Anbieter seien nicht verpflichtet, zusätzliche personenbezogene
Daten zu verarbeiten, um das Alter von Nutzenden festzustellen. 

Wie genau eine nationale Altersgrenze aussehen könnte, die mit den
bisherigen Vorgaben kompatibel ist und auch vor Gericht standhält,
ist noch unklar. Die EU-Kommission würde daher zwar eine europäische
Lösung bevorzugen, berät aber noch über das Für und Wider eines
Verbots. 

Alle blicken auf Australien - Teenager greifen zu Tricks

Die Debatte über Verbote und Beschränkungen läuft auch in Deutschland

immer stärker, seit Australien im Dezember als erstes Land ein
Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hat. Umgesetzt
wird es dort über Altersnachweise per Pass oder Führerschein, aber
auch über eine Altersabschätzung per Gesichtserkennung. Diese wird
allerdings Medienberichten zufolge durch Tricks wie viel Schminke,
künstliche Wimpern, gerunzelte Stirn oder Geschwister, die in die
Kamera schauen, umgangen.

In Deutschland stellte die DAK nach einer Befragung von 10- bis
17-Jährigen und deren Eltern im vergangenen Herbst bei etwa 350.000
Kindern und Jugendlichen eine pathologische (krankhafte) Nutzung
sozialer Medien fest. Das waren rund 6,6 Prozent. Dazu kamen rund
21,5 Prozent, deren Nutzung als riskant eingestuft wird - nach 21,1
Prozent im September/Oktober 2024.

CDU diskutiert über Altersgrenze 16 

Auch die Kanzler-Partei CDU diskutiert über mögliche Verbote. Für den

anstehenden Parteitag liegt ein Antrag aus dem Landesverband
Schleswig-Holstein vor. Der empfiehlt, das Mindestalter für die
Nutzung von Instagram, Tiktok, Facebook und Co. auf 16 Jahre
festzusetzen, «begleitet von einer verpflichtenden
Altersverifikation». Das australische Modell könne als Vorbild für
eine ähnliche Gesetzesinitiative in Deutschland dienen.

Die Bundesländer hatten bereits über den Bundesrat die
Bundesregierung dazu aufgefordert, ein Gesetz auf den Weg zu bringen,
das «Social-Media-Schutzräume für Kinder und Jugendliche unter 16
Jahren» vorsieht.

Konkrete Maßnahmen in Deutschland wohl nicht vor Sommer

Das politische Pendel scheint also in Richtung Verbot und
Beschränkungen einer Social-Media-Nutzung für Kinder und Jugendliche
zu schwingen. Konkrete Maßnahmen sind aber frühestens von Sommer an
zu erwarten. Bis dahin soll eine von der Bundesregierung eingesetzte
Expertenkommission Empfehlungen zu dem Thema vorlegen. 

Gegenwind und kritische Töne

Doch es gibt auch Gegenwind. Skeptisch äußert sich das Büro der
Bundesdatenschutzbeauftragten, Louisa Specht-Riemenschneider. Ein
Verbot würde «alle Plattformen über einen Kamm scheren» und auch
kleinere Netzwerke oder speziell für junge Nutzer konzipierte
Angebote mit unverhältnismäßigen Hürden belegen, so ein Sprecher de
r
Behörde zum «Handelsblatt».

Auch Juso-Chef Philipp Türmer äußerte sich skeptisch. «Es wird so
getan, als ließen sich junge Menschen von Plattformen fernhalten. Das
wird in der Praxis selten vollständig funktionieren, Jugendliche sind
klug und finden Wege», sagte der Vorsitzende des SPD-Nachwuchses dem
«Spiegel». Er nahm zugleich die Plattformen stärker in die Pflicht.
»Ich bin klar dafür, die Plattformen konsequent in die Verantwortung
zu nehmen«, betonte Türmer.

Erziehungswissenschaftler der Universität Nürnberg-Erlangen hatten
auf andere Aspekte hingewiesen. Ein Verbot würde gleich mehrere
Grundrechte tangieren, sagte etwa Schulpädagogik-Professor Franco Rau
und nannte die Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit und das Recht
auf digitale Teilhabe. «Ich halte wenig davon, junge Menschen dann
mit 16 unvorbereitet in die Social-Media-Welt zu entlassen. Damit
wären neue Probleme vorprogrammiert», fügte er hinzu.

Seine Kollegin Jane Müller verwies darauf, dass auch politische
Bildung mittlerweile in den sozialen Medien stattfinde. «Wenn wir
Jugendlichen diese Informationsquelle entziehen würden, wäre das ein
demokratiepolitisches Eigentor.»