«Europasinfonie» vereint Musiker aus zwölf Ländern
24.02.2026 05:00
Es soll zusammenklingen, was zusammengehört. Musikerinnen und Musiker
aus zwölf europäischen Ländern vereinen sich bei einer
«Europasinfonie». Die Streicher sitzen in Dresden, Flötisten in
Mailand.
Dresden (dpa) - Die Technik macht es möglich: Musiker können
miteinander harmonieren, auch wenn sie gar nicht gemeinsam auf einer
Bühne stehen. Mit einer «Europasinfonie» soll dafür ein
wohlklingender Beweis erbracht und zugleich Musikgeschichte
geschrieben werden. Musikerinnen und Musiker aus zwölf Ländern bilden
2027 ein virtuelles Orchester und werden für ein Konzert in Dresden
aus verschiedenen europäischen Städten in Echtzeit zugeschaltet,
teilten die federführenden Dresdner Sinfoniker mit. Schon bald geht
es los.
Posaunen aus Estland, das Schlagwerk steht in Belgien
In die Instrumentengruppen teilten sich namhafte Orchester. Die
Dresdner Sinfoniker stellen die Streicher. Das Estnisches
Nationalsinfonieorchester steuert Tuba und Posaunen bei. Die Flöten
sitzen im Orchestra Sinfonica di Milano in Italien, die Trompeten
beim No Borders Orchestra aus Serbien und die Klarinetten im Athens
State Orchestra aus Griechenland. Brussels Philharmonic (Belgien)
stellt das Schlagwerk, das Mozarteum Salzburg und die Tschechische
Philharmonie bringen Chöre ein.
Auch das Orquesta Sinfónica de Madrid (Fagotte), die Pannon
Philharmonic (Ungarn/Hörner), die Sinfonia Varsovia (Polen/Oboen) und
die Birmingham Contemporary Music Group (Klavier/Celesta und Harfe)
wirken an dem grenzüberschreitenden Projekt mit - obwohl sie bis zu
2.200 Kilometer voneinander entfernt sind. Möglich wird das durch
eine speziell dafür entwickelte Übertragungstechnik mit extrem
geringen Latenzen als Voraussetzung für gemeinsames Musizieren via
Internet.
«Europasinfonie» soll drei Uraufführungen umfassen
Unter Leitung des Italiener Andrea Molino sollen drei für die
«Europasinfonie» geschriebene Werke im Juni 2027 in Dresden
uraufgeführt und per Satellit in alle Welt übertragen werden. In
Bälde beginnt der Kompositionswettbewerb. Von Anfang Mai bis Ende
Juli dieses Jahres können Beiträge eingereicht werden. Eine
internationale Jury will Anfang Oktober die Gewinner bekanntgeben.
Sie erhalten jeweils Preisgelder von 14.000 Euro. Das Projekt wird
durch die Europäische Kommission gefördert.
Die «Europasinfonie» soll aber mehr als ein einmaliges Konzert sein.
Geplant ist der Aufbau eines Netzwerks von Hochschulen mit
sogenannten Low-Latency-Studios in ganz Europa. Low Latency
(Reaktionszeit) ist entscheidend für Echtzeitanwendungen.
Musikstudenten, Orchester und Komponisten sollen sich über
Ländergrenzen virtuell verbinden. Auf diese Weise will man
internationale Projekte ermöglichen und durch Verzicht auf Flugreisen
auch den ökologischen Fußabdruck der Musikbranche reduzieren, hieß
es.
«Europasinfonie» soll musikalischer Brückenschlag sein
«Für den Zusammenhalt in Europa ist die 'Europasinfonie' - gerade in
der heutigen Zeit - ein extrem wichtiges Projekt. Die beteiligten
Spitzenorchester machen vor, wie über kulturelle Zusammenarbeit
Brücken geschlagen werden», sagte Sinfoniker-Intendant Markus Rindt
der Deutschen Presse-Agentur. Die Dresdner Sinfoniker seien ein
«Orchester der Experimente und Wagnisse»: «Unser Antrieb ist immer
die Neugierde auf andere Musiker, andere Kulturen und Geschichten.
Die 'Europasinfonie' zeigt einen Weg, wie Musiker in Zukunft leichter
zueinander finden und voneinander lernen.»
«Schon vor 20 Jahren haben wir davon geträumt, Musik ohne Begrenzung
durch Zeit und Raum aufzuführen. Jetzt sind die technischen
Möglichkeiten greifbar. Die 'Europasinfonie' macht einen unserer
großen Träume wahr», bekannte Rindt. Mit ihr entstehe «ein neues
Instrument, ein neuartiger Klangkörper»: «Für Komponistinnen und
Komponisten eröffnet das vollkommen neue Möglichkeiten - es wird
spannend zu sehen, wie sie mit Raum, Distanz, Synchronität oder auch
Verschiebungen umgehen werden.»
Projekt verbindet kulturelle Strahlkraft und technische Exzellenz
«Dass dieses außergewöhnliche europäische Kulturprojekt von Dresden
ausgeht, erfüllt mich mit großer Freude. Die Dresdner Sinfoniker
zeigen, wie aus Sachsen heraus Impulse für ganz Europa entstehen
können. Die Europasinfonie verbindet kulturelle Strahlkraft mit
technischer Exzellenz - und stärkt damit den europäischen Gedanken in
einer Zeit, in der wir ihn besonders brauchen», zollte der sächsische
EU-Parlamentarier Oliver Schenk (CDU) dem Vorhaben Lob.
Die Dresdner Sinfoniker entstanden Ende der 1990er Jahre und spielen
ausschließlich zeitgenössische Musik. Sie setzen sich aus
Musikerinnen und Musikern mehrerer europäischer Orchester zusammen
und kommen in unterschiedlichen Besetzungen für spezielle Projekte
zusammen. Oft ist damit auch eine politische Botschaft verbunden.
2017 protestierten sie etwa musikalisch an der Grenze zwischen Mexiko
und den USA gegen die von US-Präsident Donald Trump geplante Mauer.
2013 führten sie im Westjordanland eine Symphonie für Palästina mit
Kollegen aus arabischen Ländern auf.
