Düsterer Kriegsjahrestag für Ukraine: EU kann nicht liefern Von Ansgar Haase, Andreas Stein und Ulf Mauder, dpa

24.02.2026 15:12

Seine Kriegsziele in der Ukraine hat Russland auch nach vier Jahren
nicht erreicht. Zum Jahrestag des Invasionsbeginns zeigt Kiew Trauer
und Tapferkeit - und Moskau seine Unerbittlichkeit.

Kiew/Brüssel/Moskau (dpa) - Die Ukraine ist unter düsteren Vorzeichen
in das fünfte Jahr ihres Kampfes gegen den russischen Angriffskrieg
gestartet. Wegen eines Vetos Ungarns konnte die EU nicht wie geplant
den finalen Beschluss für Finanzhilfen in Höhe von 90 Milliarden Euro
fassen. Zudem bekräftigte Ungarn gemeinsam mit der Slowakei seine
Blockade von neuen EU-Russland-Sanktionen. Moskau hingegen, das die
Invasion am 24. Februar 2022 begonnen hatte, räumte zwar ein, seine
Kriegsziele bisher nicht erreicht zu haben. Ablassen von seinen
Absichten will Russland aber nicht.

Eigentlich hätten zum Jahrestag die neuen Strafmaßnahmen in Kraft
treten und ein starkes Signal an Russlands Präsidenten Wladimir Putin
senden sollen. Den Druck spürt aber Russlands Kriegswirtschaft auch
so zunehmend - durch die bisherigen 19 Sanktionspakete der EU.

Angesichts der absehbaren Fortsetzung des Kriegs rief der ukrainische
Präsident Wolodymyr Selenskyj die Menschen im Land zum Durchhalten
auf. «Wenn wir uns an den Beginn der Invasion erinnern und auf die
heutige Situation blicken, können wir mit Fug und Recht sagen: Wir
haben unsere Unabhängigkeit verteidigt, wir haben unsere
Staatlichkeit nicht verloren», sagte das Staatsoberhaupt in einer
Videobotschaft. Putin habe seine Ziele nicht erreicht und die
Ukrainer nicht gebrochen.

Selenskyj: Ukraine verteidigt ihre Existenz

Zu den von US-Präsident Donald Trump initiierten Friedensgesprächen
sagte Selenskyj: «Fraglos wollen wir alle, dass dieser Krieg endet,
doch niemand lässt zu, dass die Ukraine zu existieren aufhört.» Es
werde alles dafür getan, damit die Kriegsjahre nicht umsonst waren. 

Selenskyj spielte damit darauf an, dass Trump ihn seit Monaten immer
wieder zu größeren Zugeständnissen in den Verhandlungen aufruft.
Besonders brisant ist dies, weil er gleichzeitig die US-Militärhilfen
für die Ukraine drastisch zurückgefahren hat. Geliefert werden in der
Regel nur noch Rüstungsgüter, die von Ländern wie Deutschland
finanziert werden.

EU-Spitze in Kiew sichert Ukraine Unterstützung zu

Unterstützung bekam Selenskyj von EU-Kommissionspräsidentin Ursula
von der Leyen und Ratspräsident António Costa, die gemeinsam mit
mehreren europäischen Staats- und Regierungschefs zum Jahrestag nach
Kiew gereist waren. Von der Leyen sagte, der Besuch solle zeigen,
dass Europa auch durch diesen harten Winter hindurch finanziell und
militärisch unerschütterlich zur Ukraine stehe.

Der nicht nach Kiew gereiste deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz
(CDU) warnte Ungarn und die Slowakei vor möglichen Konsequenzen ihrer
Blockade-Politik. «Das Schicksal der Ukraine ist unser Schicksal»,
erklärte Merz aus der Ferne vor einer geplanten Reise nach China. Der
Krieg könne nur mit gemeinsamer Stärke beendet werden.

Kritik an Ungarns Blockadehaltung

Von Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit konnte an diesem Dienstag
allerdings keine Rede sein. Dies wurde vor allem bei einem
EU-Ministertreffen in Brüssel deutlich, wo eigentlich das neue
90-Milliarden-Euro-Darlehen für die Ukraine hätte finalisiert werden
sollen. Ungarn warf der Ukraine dort erneut vor, aus politischen
Gründen die Durchleitung von russischem Öl durch die
Druschba-Pipeline zu blockieren und kündigte an, bis zur
Wiederaufnahme des Betriebs keine EU-Entscheidungen zugunsten der
Ukraine mitzutragen.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban schrieb in einem Brief
an Costa: «Fakten sind Fakten». Es gebe keine technischen Hindernisse
für eine Wiederaufnahme der Öltransfers über die Druschba-Pipeline
nach Ungarn. Die Regierung in Kiew machte Zerstörungen durch
russische Luftangriffe für den Lieferstopp verantwortlich. Zugleich
macht die Ukraine keinen Hehl daraus, Russlands Ölindustrie, die für
die Finanzierung des Kriegs wichtig ist, zu bekämpfen.

Kreml sieht Kriegsziele bisher nicht erreicht

Zum Jahrestag räumte Russland ein, seine anfänglich gesteckten
Aufgaben bisher nicht umgesetzt zu haben. Deshalb gehe der Krieg
weiter, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Zugleich sagte er, dass
Russland bereit sei, eine diplomatische Lösung bei den Verhandlungen
mit der Ukraine zu finden. «Jetzt hängt alles von den Handlungen des
Kiewer Regimes ab.» Russland habe seine Bedingungen auf den Tisch
gelegt, sie seien hinreichend bekannt.

Moskau verlangt etwa, dass Kiew seine Truppen auch aus jenen Teilen
des Gebiets Donezk abzieht, die unter ukrainischer Kontrolle stehen.
In Kiew lehnte Präsident Selenskyj das mehrfach kategorisch ab. Zwar
sollen die Verhandlungen nach ukrainischen Angaben womöglich noch
diese Woche in Genf wieder aufgenommen werden. Peskow bestätigte aber
weder einen Ort noch einen Termin. Die Gespräche gelten als
festgefahren.

Hunderttausende Tote bisher

Derweil ging das Töten in dem Krieg weiter. Selenskyj zufolge hat die
Ukraine seit 2022 rund 55.000 Soldaten verloren. Beobachter gehen von
weitaus höheren ukrainischen Verlustzahlen aus. Zudem sind nach
UN-Angaben seitdem mehr als 15.000 Zivilisten getötet worden. Für die
russische Seite gehen Schätzungen auf Grundlage russischer
öffentlicher Daten von etwa 220.000 getöteten Soldaten aus. Die
russische Führung äußert sich nicht zu den Verlusten.