Willkommen oder diskriminiert? EU-Bürger in Deutschland Von Basil Wegener, dpa

03.03.2026 10:03

Millionen Menschen aus anderen EU-Staaten leben in Deutschland - aus
welchen Gründen? Und warum ziehen es viele vor, das Land nach einiger
Zeit wieder zu verlassen?

Berlin (dpa) - Warum kommen Menschen aus anderen EU-Staaten nach
Deutschland - und warum gehen sie wieder? Eine neue, großangelegte
Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung analysiert die Zu- und
Abwanderung aus EU-Staaten. Erstmals seit 15 Jahren überstieg der
Wegzug aus Deutschland demnach zuletzt leicht den Zuzug aus den
anderen EU-Staaten - ein Überblick:

Wie viele Ausländer aus anderen EU-Staaten leben in Deutschland?

Zuletzt waren es etwa 5,1 Millionen Menschen (Ende 2023) - 37 Prozent
der in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländer. Bis 2017
waren Südeuropäerinnen und -europäer in der Mehrheit. Seit 2018 sind

die Menschen aus Südosteuropa die größte Gruppe, allein 910.000
Menschen haben die rumänische Staatsangehörigkeit. Mit 888.000
Personen sind die Polen die zweitgrößte Gruppe. Es folgen Italien,
Bulgarien und Kroatien. Zuletzt gab es laut Studie erstmals seit 15
Jahren mehr Fort- als Zuzüge von EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern, die
Experten sprechen von einem negativen Abwanderungssaldo von rund
34.000 Personen. In einer Befragung der Forscher denkt rund ein
Drittel der Befragten über Abwanderung nach.

Was sind Gründe, Deutschland wieder zu verlassen? 

Hauptmotive der Abwanderung sind der Studie zufolge hohe Wohn- und
Lebenshaltungskosten - aber auch mangelndes Gefühl der Zugehörigkeit
in Deutschland. Für die Studie waren unter anderem Ausländerinnen und
-Ausländer aus anderen EU-Staaten in sozialen Netzwerken ausfindig
gemacht und befragt worden, da die Datenlage eine klassische
repräsentative Umfrage nicht erlaubte. Auch Faktoren wie
Diskriminierung oder Arbeitslosigkeit spielen demnach eine Rolle,
aber eine geringere. 2,7 Millionen EU-Bürgerinnen und EU-Bürger sind
in Deutschland erwerbstätig, 1,7 Millionen davon aus ost- und
südosteuropäischen Ländern.

Fühlen sich die Menschen in Deutschland willkommen?

«Diskriminierungserfahrungen prägen für viele EU-Bürgerinnen den
Integrationsprozess in Deutschland», stellen die Studienautoren des
Tübinger Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung fest. Auch in
Behörden fänden «subtile Formen der Ausgrenzung» statt, ebenso auf

dem Wohnungsmarkt oder im Alltag. Von Sprachbarrieren oder
kulturellen Zuschreibungen seien besonders Menschen aus Rumänien und
Bulgarien sowie Sinti und Roma betroffen. Die Studie spricht dabei
auch von «Antislawismus und Antiziganismus» in Deutschland - dies
bekämen Betroffene zu spüren. 

Wie sind Wohn- und Arbeitsbedingungen?

Die Studie stellt im Zusammenhang mit Diskriminierung vor allem der
Südosteuropäer fest, dass Ausländerinnen und Ausländer oft in
prekären Lagen lebten. Mietbelastungen seien oft hoch, Betroffene
würden bei der Wohnungssuche nicht selten benachteiligt. Dagegen
helfen demnach vor allem Sprachkenntnisse und soziale Netzwerke,
insbesondere Landsleute. Der Anteil der EU-Staatsangehörigen mit
geringer Qualifizierung hat sich auf zuletzt rund 33 Prozent erhöht.
29 Prozent gelten als hochqualifiziert.

Mit welchen Zielen kommen die Menschen nach Deutschland?

Rund 26 Prozent der Teilnehmer der Social-Media-Befragung sagten, sie
seien nach Deutschland gekommen, weil sie mit ihrem Partner/ihrer
Partnerin zusammengezogen seien. Bei 24 Prozent lag ein konkretes
Jobangebot vor. 17 Prozent kamen wegen Ausbildung oder Studium.
Weitere wichtige Migrationsmotive waren finanzielle Gründe (14
Prozent) oder die Möglichkeit, sich im Rahmen der EU-Freizügigkeit in
Deutschland niederzulassen (13 Prozent). Rund 10 Prozent gaben an,
hergekommen zu sein, um einen Job zu suchen. Bei Personen aus Nord-
und Westeuropa fielen ein konkretes Jobangebot (31 Prozent) und
Partner-Zusammenzug (32 Prozent) besonders ins Gewicht, bei Personen
aus Südosteuropa dominierten finanzielle Gründe (24 Prozent).

Wie steht es mit der Arbeitslosigkeit und den Perspektiven?

Insgesamt ist die Zahl der arbeitslosen Bürger aus anderen EU-Staaten
in Deutschland von 2011 bis 2023 von 117.000 auf 219.000 gestiegen.
Dies betrifft hauptsächlich EU-Staatsangehörige aus den
südosteuropäischen EU-Ländern, vor allem bis 2016 auch die
Zugewanderten aus den osteuropäischen Beitrittsländern. Der Schlüssel

für beruflichen Aufstieg, soziale Teilhabe und eine langfristige
Bleibeperspektive seien Deutschkenntnisse - doch EU-Bürgerinnen und
EU-Bürger hätten in Deutschland häufig keinen ausreichenden Zugang zu

Sprachkursen und Orientierung.

Wie bewertet die Regierung die Ergebnisse?

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Integration sowie
für Antirassismus, Natalie Pawlik (SPD), fordert weniger Hürden. Sie
hebt die Sprachbarrieren und die Diskriminierung hervor, die viele
EU-Bürgerinnen und EU-Bürger in Deutschland täglich erlebten. «Wer

nach Deutschland kommt, arbeitet und unsere Gesellschaft
mitgestaltet, hat das Recht auf echte Teilhabe.» 

Pawlik kritisierte die von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU)
vorangetriebene Einschränkung des freiwilligen Zugangs zu
Integrationskursen auf Staatskosten, die bereits zuvor auf Kritik
gestoßen war. Pawlik forderte unter anderem besseren Zugang zu
Sprachkursen. «Wir können es uns nicht leisten, ein Drittel der
EU-Bürgerinnen und -Bürger durch schlechte Bedingungen wieder zu
verlieren», so die SPD-Politikerin.