So will die EU-Kommission europäische Produkte stärken Von Ann-Kristin Wenzel, dpa

04.03.2026 15:05

Brüssel will Arbeitsplätze in Europa halten, Unternehmen vor
chinesischer Übernahme schützen und klimafreundliche Produkte
stärken. Für wen soll «Made in Europe» gelten?

Brüssel (dpa) - Um Europas Wirtschaft auf Wachstumskurs zu bringen,
will die Europäische Kommission künftig in wichtigen Bereichen bei
öffentlichen Aufträgen «Made in Europe» zur Bedingung machen. Dabei

geht es unter anderem um Autos, Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen
sowie wichtige Baustoffe wie Zement und Aluminium. 

EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné stellte den Vorschlag für e
in
Gesetz zur Unterstützung der Industrie (Industrial Accelerator Act,
IAA) in Brüssel vor. Bevor er umgesetzt wird, müssen die europäischen

Mitgliedstaaten und das Parlament zustimmen. Besonders darüber, unter
welchen Bedingungen Produkte als «europäisch» zählen, gibt es seit

Monaten Diskussionen. 

Bundeskanzler Friedrich Merz will anders als Frankreichs Präsident
Emmanuel Macron europäische Präferenzen nur als letztes Mittel für
kritische, strategische Sektoren und Europas Handelspartner
berücksichtigen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)
kritisierte vorab noch mehr Bürokratie durch weitere
Beschaffungsvorgaben der EU. 

Knackpunkt 1: «Made in Europe»

Die Kommission schlägt nun vor, bei dem «Made in Europe»-Kriterium
auch bestimmte Nicht-EU-Staaten einzubeziehen: Länder, mit denen es
relevante Vereinbarungen gibt - etwa über Freihandelsabkommen zu
bestimmten Produkten oder bestimmten Finanzierungen wie öffentlichen
Beschaffungen. Voraussetzung soll aber sein, dass diese Länder ihre
Verpflichtungen einhalten und eine Gegenseitigkeit gegeben ist. Das
werde jeweils nach Sektor geprüft.

So könnte etwa auch der Kauf japanischer, koreanischer, kanadischer
und britischer E-Autos beziehungsweise Autoteile mit europäischen
Steuergeldern gefördert werden, sagten Kommissionsmitarbeiter. Die
US-Schwerindustrie werde dagegen absehbar auf lokaler Ebene - wo es
die meisten öffentlichen Aufträge gebe, weil dort gebaut und die
Infrastruktur geschaffen werde - nicht wie die europäische bevorzugt.
Denn auf dieser Ebene gebe es kaum gegenseitige Verpflichtungen bei
Beschaffungen. 

Knackpunkt 2: Um welche Produkte geht es?

Die Vorschläge betreffen die strategisch wichtigen Leitmärkte Stahl,
Zement, Aluminium, saubere Technologien und Fahrzeugbestandteile.
Konkrete Beispiele: 

Baustoffe: 

* Bei öffentlichen Ausschreibungen etwa für Bau- und
Infrastrukturprojekte soll ab Januar 2029 mindestens 25 Prozent des
Stahls kohlenstoffarm sein, mindestens 5 Prozent des Betons und
mindestens 25 Prozent des verwendeten Aluminiums.
* Für Beton und Aluminium ist auch die europäische Herkunft
festgeschrieben, für Stahl hier anders als für die Verwendung in
Autos nicht. Die Kommission begründet das mit - bald - ausreichendem
Schutz vor globaler Überproduktion auf anderer rechtlicher Grundlage.

Saubere Technologie: «Made in Europe» soll auch für Windkraft,
Elektrolyseure, Wärmepumpen, Kernkraft, Batteriespeicher und
Photovoltaik-Anlagen gelten.

Autos: Regeln sind auch für Elektrofahrzeuge, Plug-in-Hybride und die
darin verwendeten Batterien vorgesehen. Die Fahrzeuge müssen in der
EU montiert werden. Dazu kommen Vorgaben in zwei Etappen: 

* Sechs Monate nach Inkrafttreten sollen 70 Prozent der
Fahrzeugkomponenten - die Batterie ausgenommen - aus der EU stammen.
Die Batterie muss mindestens drei europäische Bestandteile haben,
darunter die Zellen.
* Nach drei Jahren soll es strenger werden: Dann müssen fünf
Batterie-Komponenten aus der EU sein, damit die Batterie als «Made in
Europe» zählt.
* Ausnahme bei Autos: Subventionen für Unternehmensflotten, zu
denen die EU-Kommission im Dezember 2025 Vorschläge gemacht hat,
sollen nur bei Produktion in der EU gewährt werden. Die
außereuropäischen Partner sollen hier nicht zu «Made in Europe»
zählen.

Falls die Preise für europäische Produkte deutlich höher sind als f
ür
ausländische, müssen «Made in Europe»-Produkte laut dem Vorschlag
nicht bevorzugt werden.

Investitionen aus dem Ausland

Hohe ausländische Direktinvestitionen müssen künftig genehmigt
werden. Das soll Unternehmen in den Bereichen Batterien,
Elektrofahrzeuge, Solarzellen und kritische Rohstoffe vor der
Übernahme aus dem Nicht-EU-Ausland schützen und hochwertige
Arbeitsplätze sichern. 

Die Vorgabe greift bei mehr als 100 Millionen Euro, wenn das
investierende Unternehmen aus einem Land kommt, das in diesem Bereich
mindestens 40 Prozent am weltweiten Marktanteil innehat, und die
Direktinvestition zum Erwerb oder der Kontrolle des europäischen
Zielunternehmens führen würde. Nach Angaben eines
Behördenmitarbeiters betrifft dies faktisch China. 

Warum ist die Industrie in der Krise?

Die europäische Industrie hat gegenüber der Konkurrenz aus China und
den USA immer mehr das Nachsehen. Die Energiekosten und Bürokratie
sind vergleichsweise hoch, die Produktion etwa in der Stahlindustrie
ist gesunken. In den vergangenen 15 Monaten wurden laut EU-Zahlen
200.000 Industrie-Arbeitsplätze abgebaut. 

Mithilfe öffentlicher Gelder soll nun die Nachfrage nach CO2-armen
Produkten aus der EU gestärkt werden. Bis 2030 müssen die
Treibhausgas-Emissionen in der EU um 55 Prozent gegenüber 1990
sinken. Bis 2050 will die EU klimaneutral sein, also nicht mehr
Treibhausgase ausstoßen als wieder gebunden werden können. 

Die Brüsseler Behörde will mit dem neuen Vorschlag 30,58 Millionen
Tonnen Kohlendioxid einsparen. Bis 2035 soll zudem der Anteil der
Produktion am gesamten EU-Bruttoinlandsprodukt von rund 14,3 Prozent
(2024) auf 20 Prozent steigen. Der Vorschlag sieht auch vor, Projekte
schneller zu genehmigen.

Wie sind die Reaktionen?

Mehrere deutsche Verbände reagierten kritisch. Der Verband kommunaler
Unternehmen warnte vor einem Ausbremsen der Energiewende und höheren
Energiepreisen. Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie,
Hildegard Müller, forderte umfassendere Reformen, um die deutsche und
europäische Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen. 

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer kritisierte einen Eingriff
in unternehmerische Entscheidungen. «Zusätzliche Auflagen,
weitreichende Ursprungsnachweise und hohe Anforderungen bei
sogenannten Leitmärkten belasten vor allem kleine und
mittelständische Unternehmen», warnte DIHK-Außenwirtschaftschef
Volker Treier. Das koste Zeit, Geld und Wettbewerbsfähigkeit.