Zank ums Öl: Darum streiten Ungarn und die Ukraine Von den dpa-Korrespondenten

06.03.2026 14:02

Hat der ukrainische Präsident Selenskyj dem ungarischen
Regierungschef Orban mit der Armee gedroht? Im Westen sollte die
Ukraine eigentlich Ruhe haben, doch es brodelt im Verhältnis zum
Nachbarn.

Budapest/Kiew (dpa) - Zwischen Ungarn und der Ukraine fliegen
Drohungen und Beleidigungen hin und her. Es ist ein Konflikt mit
vielen Facetten: Hier die von Russland mit Krieg überzogene Ukraine,
dort Ungarns rechtspopulistischer Ministerpräsident Viktor Orban, der
auf russisches Öl setzt. Und weil er es nicht bekommt, blockiert er
einen EU-Kredit von 90 Milliarden Euro an die Ukraine. In Ungarn wird
im April gewählt, Orban ist unter Druck.

Für Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kiew ist Ungarn ein
Unsicherheitsfaktor an der eigentlich friedlichen Westgrenze.
Budapest steht auf der Bremse beim erhofften EU-Beitritt der Ukraine.
Und die EU muss einen Weg finden, den Streit an ihrer Ostgrenze zu
entschärfen. Fragen und Antworten zum Thema:

Wie hat sich der Konflikt zuletzt hochgeschaukelt? 

Das sind die Nachrichten allein seit Mittwoch:

Orban ordnet eine ungarische Erkundungsmission in die Ukraine an die
beschädigte Ölpipeline Druschba an. Sie soll beweisen, dass Kiew den
Transit von russischem Öl aus politischen Gründen blockiert.

«Wir werden die Ölblockade durchbrechen. Wir werden die Ukrainer
zwingen, die Lieferungen wiederaufzunehmen», droht Orban in einer
Wahlkampfrede. «Wir werden siegen, und wir werden mit Gewalt siegen.»

In Kiew keilt Präsident Selenskyj zurück. Kein Mensch in der EU habe
das Recht, den europäischen Kredit an die Ukraine zu blockieren, sagt
er. Seine Armee brauche das Geld. «Andernfalls geben wir die Adresse
dieser Person unseren Jungs weiter, auf dass sie ihn anrufen und mit
ihm in ihrer Sprache reden.»

Die ungarische Polizei setzt in Budapest zwei Geldtransporter mit
sieben Mitarbeitern der staatlichen ukrainischen Sparkasse fest. In
den Autos: angeblich 40 Millionen US-Dollar, 35 Millionen Euro und 9
Kilogramm Gold. Der Vorwurf: mutmaßliche Geldwäsche.

Was ist über die Lage an der Ölpipeline Druschba bekannt? 

Ungarn, aber auch die Slowakei sagen unter Bezug auf
Satellitenaufnahmen, dass die gesperrte Pipeline selbst nicht
beschädigt und voll funktionsfähig sei. Die Ukraine bestreitet das.
Demnach ist die Hauptpumpstation der Ölleitung bei der
westukrainischen Stadt Brody Ende Januar durch einen russischen
Drohnenangriff «erheblich beschädigt» worden. 

Der Treffer setzte einen Erdöltank mit einem Fassungsvermögen von
75.000 Tonnen in Brand. Um eine größere ökologische Katastrophe zu
verhindern und die Löscharbeiten zu beschleunigen, wurde das
vorhandene bereits warme Öl eilig in die Leitung zurückgepumpt, was
Schäden an den Anlagen verursachte. 

Für die Reparatur- und Umbauarbeiten veranschlagt Kiew derzeit etwa
anderthalb Monate. Ungeklärt sei dabei die Sicherheitsfrage, da es
jederzeit neue russische Angriffe geben könne. 

In welcher Lage ist Viktor Orban vor der Ungarn-Wahl am 12. April? 

Seine rechtspopulistische Regierungspartei Fidesz steht in den
Umfragen nicht gut da. Im jüngeren und schlagfertigen
Fidesz-Aussteiger Peter Magyar ist ihm ein attraktiver Herausforderer
erwachsen. Dessen bürgerliche Partei für Respekt und Freiheit (Tisza)
liegt in den Erhebungen seriöser Institute um acht bis zwölf
Prozentpunkte vor Fidesz. Orban versucht, mit nie gesehenen Schmutz-
und Desinformationskampagnen das Blatt zu wenden. Er heizt den
Konflikt mit der Ukraine an, um eine Kriegsatmosphäre zu kreieren, in
der er sich als «Retter der Ungarn» darstellen kann. 

Welche Rolle spielt die enge Anlehnung Orbans an Russland? 

Der Ungar war ursprünglich ein beherzter Kritiker von Kremlchef
Wladimir Putin und des russischen Imperialismus. Mit der
Regierungsübernahme 2010 änderte sich das kontinuierlich. 2014
vereinbarte er mit Putin den Bau zweier neuer Reaktorblöcke im
ungarischen AKW Paks durch den Moskauer Staatskonzern Rosatom. Ungarn
bezieht traditionell viel Erdöl und Erdgas aus Russland. Orban baute
diese Abhängigkeit während des russischen Angriffskriegs sogar aus. 


Zugleich macht sich der politische Einfluss Moskaus immer stärker
bemerkbar. Ungarn ist das einzige Nato-Mitgliedsland, das seit
Kriegsbeginn keine russischen Diplomaten ausgewiesen hat. Die
russische Botschaft in Budapest gilt als russische
Geheimdienstzentrale in der Region. Die von Orbans Leuten
kontrollierten Medien verbreiten mit großem Elan russische Narrative
zum Ukraine-Krieg, aber auch zum angeblichen «Niedergang des
Westens».

In Moskau wird die ungarische Führung hofiert, der Ruhestörer in der
EU ist dem Kreml genehm. Zuletzt gab Putin Ungarns Außenminister
Peter Szijjarto zwei ungarische Kriegsgefangene als Geschenk mit.

Wie agiert die Ukraine in dem Konflikt? 

Der Streit kommt nicht aus heiterem Himmel. Bereits seit längerem
sind die Beziehungen zwischen den Nachbarstaaten und Orban und
Selenskyj persönlich angespannt. Das geht so weit, dass sich der
Kiewer Staatschef auch gegenüber der EU demonstrativ unkooperativ
gibt. Brüssel wünschte ebenfalls die Entsendung von Experten, um die
Pipeline-Schäden zu begutachten, aber Selenskyj stimmte nicht zu.
«Ich denke, dass unser Wort reicht», sagte er. 

Die von Kiew genannte Mindestzeit von «etwa anderthalb Monaten» für
die Instandsetzung dürfte politischen Erwägungen geschuldet sein.
Offensichtlich setzt Kiew auf eine Wahlniederlage Orbans und stellt
die Inbetriebnahme der Erdölleitung frühestens für die Zeit nach dem

Wahltermin in Ungarn in Aussicht.

Wie verhält sich die EU in dem Konflikt zwischen Budapest und Kiew?

Die EU versucht seit Wochen, in dem Konflikt zu vermitteln - bislang
jedoch ohne greifbaren Erfolg. Öffentlich fordern Spitzenvertreter
Orban auf, die Blockade der Finanzhilfen für die Ukraine umgehend zu
beenden. Zugleich drängen sie Selenskyj, die Reparaturen an der
Pipeline zu beschleunigen. Auf Kritik in Brüssel stieß Selenskyjs
scharfe Wortwahl gegen Orban. 

Hinter den Kulissen wird nach Wegen gesucht, die Darlehensvergabe
auch ohne Orbans Zustimmung zu ermöglichen. «Wir werden den Kredit so
oder so bereitstellen. Ich will ganz klar sein: Wir haben
verschiedene Optionen - und wir werden sie nutzen», sagte
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen jüngst.