Von der Leyen: EU kann alte Weltordnung nicht länger hüten

09.03.2026 11:07

Der Iran-Krieg ist ein weiteres Zeichen der radikalen Veränderungen
in der internationalen Ordnung. Die Kommissionspräsidentin sieht
dringenden Handlungsbedarf und warnt vor einem Trugschluss.

Brüssel (dpa) - EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
fordert angesichts der internationalen Lage einen radikalen
Kurswechsel in der europäischen Außenpolitik. Europa könne nicht
länger ein Hüter der alten Weltordnung sein - sie sei Vergangenheit
und werde nicht zurückkommen, sagte sie bei einem Treffen von
EU-Botschaftern in Brüssel. Man werde die regelbasierte Ordnung immer
verteidigen und bewahren, aber man könne sich nicht mehr darauf
verlassen, dass sie der einzige Weg sei, die eigenen Interessen zu
verteidigen.

Von der Leyen sprach sich dafür aus, eine stärker interessengeleitete
Außenpolitik zu verfolgen. «Wir müssen bereit sein, unsere Macht
selbstbewusster einzusetzen - zum Beispiel zur Bekämpfung von
Aggression und Einflussnahme aus dem Ausland mit all unseren
Instrumenten - ob wirtschaftlich oder diplomatisch, technologisch
oder militärisch», erklärte sie. Auch könne es darum gehen, mehr
Pragmatismus bei Geschäften an den Tag zu legen.

Ziel solle es sein, die EU «widerstandsfähiger, souveräner und
leistungsfähiger zu machen - von der Verteidigung bis zur Energie,
von kritischen Rohstoffen bis zu strategischen Technologien». Das
bedeute etwa, dass man sich in Energiefragen oder bei Gütern wie
Halbleitern und Impfstoffen nicht auf einen einzigen Lieferanten
verlasse.

Von der Leyen stellt Entscheidungsprozesse infrage

Von der Leyen machte zudem deutlich, dass aus ihrer Sicht auch die
Verfahren zur Entscheidungsfindung in der EU reformiert werden
müssen. Man müsse dringend darüber nachdenken, ob das «System mit a
ll
seinen wohlmeinenden Konsens- und Kompromissversuchen» eher eine
Hilfe oder ein Hindernis für die Glaubwürdigkeit der als
geopolitischer Akteur sei, sagte sie. 

Zur Debatte über die Rechtmäßigkeit des von den USA und Israel
begonnenen Iran-Kriegs sagte von der Leyen, es gebe verschiedene
Ansichten darüber, ob der Krieg ein gewählter oder ein notwendiger
sei. Sie glaube aber, dass diese Debatte teilweise am Thema
vorbeigehe. «Denn Europa muss der Realität Rechnung tragen und die
Welt so sehen, wie sie heute ist», sagte sie. Die Idee, dass man sich
einfach zurückziehen und aus dieser chaotischen Welt verabschieden
könne, sei nichts als ein Trugschluss.