Deutscher wird Chef der Europäischen Staatsanwaltschaft Von Valeria Nickel und Ansgar Haase, dpa

10.03.2026 13:27

Führungswechsel bei der Ermittlungsbehörde der EU: Erstmals wird ein
Deutscher den Kampf gegen Korruption und Betrug zulasten des
Steuerzahlers anführen. In Rostock ist er ein alter Bekannter.

Straßburg/Luxemburg (dpa) - Der deutsche Top-Jurist Andrés Ritter
wird neuer Europäischer Generalstaatsanwalt. Das Europaparlament gab
in Straßburg die finale Zustimmung zur Ernennung des 61-Jährigen.
Zuvor hatten bereits die EU-Staaten zugestimmt.

Als europäischer Generalstaatsanwalt wird Ritter die seit 2021 tätige
Europäische Staatsanwaltschaft (EUStA) leiten. Sie ist eine
unabhängige Einrichtung der EU, die Straftaten zum Nachteil der
finanziellen Interessen der Union untersucht, verfolgt und vor
Gericht bringt. Dabei geht es etwa um Mehrwertsteuerbetrug,
Geldwäsche, Korruption und die Veruntreuung von EU-Mitteln.

Ritter ist bereits seit 2020 stellvertretender Leiter der Behörde in
Luxemburg, zuvor war er unter anderem Oberstaatsanwalt in Rostock. Er
wird den neuen Posten zum 1. November übernehmen. Dann endet das
siebenjährige Mandat der derzeitigen EU-Chefanklägerin Laura Kövesi.

Die Rumänin war 2019 zur ersten europäischen Generalstaatsanwältin
ernannt worden.

Betrugsdelikte verursachen Milliardenschäden

Dem jüngsten EUStA-Jahresbericht zufolge arbeiteten die Ermittler
Ende 2025 an einer Rekordzahl von rund 3.600 aktiven Fällen mit einem
geschätzten Gesamtschaden von gut 67 Milliarden Euro. Der Großteil
des Schadens ist mit geschätzten 45 Milliarden Euro nach Angaben der
Behörde auf Zoll- und Mehrwertsteuerbetrug zurückzuführen. 361 der
Fälle werden demnach in Deutschland untersucht, mit einem geschätzten
Schaden von knapp 5,8 Milliarden Euro.

Mehr Profit als bei Drogenhandel

Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte der in Chile
geborene Ritter, es sei für ihn «überraschend und erschreckend»
gewesen, dass das Phänomen des Zoll- und Mehrwertsteuerbetrugs in der
EU so lange ignoriert worden sei. Der Profit gehe über den von
Drogenhandel hinaus und das Risiko der Aufdeckung und Bestrafung sei
viel geringer. «Das ist auch für kriminelle Organisationen ein sehr,
sehr einträgliches Modell», so Ritter.

Sinnvoll könnte es nach Angaben des Top-Juristen sein, die
Aufgabenbereiche der EUStA in Zukunft auszuweiten - so zum Beispiel
auf Ermittlungen zu Sanktionsumgehungen oder Umweltdelikten wie der
illegalen Abfallentsorgung.

Bei Delikten, die international organisiert sind, stoßen laut Ritter
rein nationale Behörden oft an Grenzen, weil Lieferketten, Geldflüsse
und Beteiligte über mehrere Länder verteilt sind. Die Stärke der
EUStA sei, dass sie Zusammenhänge, Strukturen und Hintermänner
grenzüberschreitend erkenne, erläuterte der EU-Staatsanwalt. Erst
durch die Tätigkeit der europäischen Behörde werde das Ausmaß des
Schadens überhaupt bekannt. «Wir decken da tatsächlich eine neue Welt

des Verbrechens auf», sagte der deutsche Jurist.

Ermittlungen gegen frühere EU-Chefdiplomatin

Zuletzt wurde bekannt, dass die Europäische Staatsanwaltschaft auch
gegen die Europäische Kommission ermittelt wegen Immobilienverkäufen
an den belgischen Staat. In Räumen der Brüsseler Behörde gab es laut

informierten Kreisen Durchsuchungen. Ende des vergangenen Jahres
macht EUStA Schlagzeilen mit der zwischenzeitlichen Festnahme der
ehemaligen EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini.

Zum Stand der Ermittlungen in diesen Fällen wollte sich Ritter nicht
äußern. «Wenn es nach den nationalen Regeln zulässig ist, informier
en
wir darüber, dass wir ein Ermittlungsverfahren führen. Über den Stand

geben wir aber, um das Verfahren zu schützen, nur Auskunft, wenn es
die Ermittlungen nicht gefährdet», sagte er. Grundsätzlich arbeite
man streng nach dem Legalitätsgrundsatz: Wenn ein Verdacht da sei,
dann müsse man ermitteln. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass
sich ein bestimmter Verdacht am Ende immer bestätige.

An der transnationalen Staatsanwaltschaft nehmen bislang 24 der 27
EU-Mitgliedsstaaten teil - Irland, Dänemark und Ungarn nicht. Laut
Ritter hat Irland aber angekündigt, sich an der EUStA beteiligen zu
wollen, ein konkreter Zeitpunkt stehe noch nicht fest. In Ungarn wird
ein Beitritt nur dann erwartet, wenn die rechtspopulistische
Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban bei der Wahl im April
abgewählt werden sollte. In Dänemark verhindern derzeit
nationalstaatliche Regeln einen Beitritt.

Für die Ernennung Ritters votierten bei der Abstimmung im
Europäischen Parlament 435 Abgeordnete, 112 stimmten dagegen, 46
enthielten sich.