Riesige Demonstrationen läuten Wahlkampffinale in Ungarn ein

15.03.2026 18:33

Die Wahl am 12. April könnte darüber entscheiden, ob Ungarn eine
Demokratie bleibt. Am Nationalfeiertag, der an den ersten
Demokratieversuch des Landes erinnert, treten die Blöcke zum
Kräftemessen an.

Budapest (dpa) - Großkundgebungen mit riesigen Menschenmengen haben
das Finale des ungarischen Wahlkampfs eingeläutet. Oppositionsführer
Peter Magyar rief am Sonntagnachmittag auf dem Budapester Heldenplatz
weit mehr als 100.000 Anhänger dazu auf, mit ihrer Stimme bei der
Parlamentswahl am 12. April die Regierung des Rechtspopulisten Viktor
Orban abzuwählen, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur
beobachtete. «Sollen andere über unser Schicksal bestimmen oder wir
selbst (...), sollen wir Untertanen sein oder Bürger?», sagte er
unter Anspielung auf den autoritären Regierungsstil von Orban. 

Die Wahl in vier Wochen gilt als die wichtigste seit der
demokratischen Wende 1989/90. In den 16 Jahren seiner Herrschaft hat
Orban die Demokratie in Ungarn ausgehöhlt, Medien und Justiz
weitgehend unter seine Kontrolle gebracht und Kritikern zufolge ein
korruptes System der Klientelwirtschaft etabliert. Die Europäische
Union (EU) hat er in Fragen der Ukraine-Hilfe und Russland-Sanktionen
mit Vetodrohungen an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht. In
den meisten Umfragen liegt Magyars bürgerliche Tisza-Partei derzeit
deutlich vor Magyars Fidesz-Partei. 

Magyar: Freiheit «für 30 Silberlinge verraten» 

Magyar nannte seine rekordverdächtige Demonstration einen «Nationalen
Marsch für die Systemwende». «Ungarn ist Teil des europäischen
Gemeinwesens, Ungarn ist Teil der Nato», führte er weiter aus. Orban
habe die Freiheit der Ungarn «für 30 Silberlinge verraten», um sich
«und seine Dynastie» zu bereichern. Er habe «russische Agenten» ins

Land gerufen, die ihm dabei helfen sollen, die freie Willensäußerung
der Ungarn zu sabotieren. Er werde aber damit nicht durchkommen, denn
die Wähler würden das letzte Wort sprechen. 

Orban: Gegner ist «Marionette» der EU und Kiews

Orban versuchte wiederum vor bis zu 100.000 Anhängern auf dem
Kossuth-Platz vor dem Parlament seinen Herausforderer als Marionette
«Brüssels», das heißt der EU, und der von Russland angegriffenen
Ukraine darzustellen, ohne ihn beim Namen zu nennen. «Wir lassen
nicht zu, dass man für 30 Silberlinge aus Brüssel verkauft, was wir
in 16 Jahren aufgebaut haben.» Sich selbst bezeichnete er als
einzigen Politiker im Land, der kraft seiner Erfahrung und Umsicht in
der Lage sei, Ungarn in unsicheren Zeiten «aus dem Krieg
herauszuhalten» und vor anderem Schaden zu bewahren. 

Die Wahlpropaganda der Fidesz-Partei behauptet unermüdlich, dass
Magyars Wahlkampf von Kräften in der EU und vom ukrainischen Staat
finanziert werde. Beweise dafür liegen keine vor. Die Tisza-Partei
finanziert sich eigenen Aussagen zufolge aus den persönlichen Spenden
Zehntausender Anhänger. 

Gedenken an demokratische Revolution von 1848

Die Machtdemonstrationen der beiden politischen Lager fanden am 15.
März statt, der in Ungarn ein Nationalfeiertag ist. Er erinnert an
die ungarische Revolution von 1848/49, die vom Habsburgerreich
niedergeschlagen wurde. Die Anführer dieser Volkserhebung hatten
erstmals in der Geschichte des Landes Grundlagen für eine moderne
Demokratie gefordert und - bis zur Niederschlagung der Revolution -
weitgehend umgesetzt, so etwa eine dem Parlament verantwortliche
Regierung, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und Pressefreiheit.