EZB lässt Leitzinsen trotz Inflationsgefahren konstant Von Alexander Sturm und Jörn Bender, dpa
19.03.2026 14:18
Der Iran-Krieg und steigende Ölpreise schüren Sorgen vor steigender
Teuerung. Böse Erinnerungen an die letzte Preiswelle auch in
Deutschland setzen die EZB unter Druck.
Frankfurt/Main (dpa) - Die Europäische Zentralbank hält die
Leitzinsen trotz Sorgen vor einer neuen Inflationswelle wegen des
Iran-Kriegs unverändert. Der für Sparer und Banken wichtige
Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent, wie die Notenbank in Frankfurt
mitteilte. Damit tastet die EZB zum sechsten Mal in Folge die Zinsen
nicht an. «Der Krieg im Nahen Osten hat zu deutlich unsichereren
Aussichten geführt. Er hat Aufwärtsrisiken für die Inflation und
Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum zur Folge.»
Noch vor wenigen Wochen sah sich die EZB in einer komfortablen Lage
im Kampf gegen die Teuerung im Währungsraum. Denn mit einer Rate von
1,9 Prozent im Februar liegt die Inflation nahe am mittelfristigen
Ziel der Notenbank von 2 Prozent. Doch mit dem Krieg im Nahen Osten
und dem Ölpreisschock wächst die Sorge vor einem starken Anziehen der
Inflation.
Teuerung dürfte auch in Deutschland anziehen
Deutschland dürfte nicht verschont bleiben. Das Institut für
Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung
erwartet, dass die Inflation in der ersten Jahreshälfte von zuletzt
knapp zwei Prozent «merklich über 2,5 Prozent» steigen wird.
EZB-Chefvolkswirt Philip R. Lane warnte bereits vor den Folgen eines
länger andauernden Krieges im Nahen Osten. Dies könne die Wirtschaft
bremsen und die Inflation anheizen: «Eine Eskalation des Konflikts im
Nahen Osten ist eines der wichtigsten Risikoszenarien, die von der
EZB beobachtet werden.»
Schlechte Erinnerungen an Ukraine-Krieg
Die Notenbank will verhindern, dass sie auf eine mögliche neue
Preiswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die
Ukraine 2022 stand die EZB in der Kritik, den damaligen Preisanstieg
lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte
zeitweise auf mehr als zehn Prozent nach oben.
Mit der Energiekrise stiegen damals auch die Lebensmittel- und
Spritpreise in Deutschland rasant, die Inflation kletterte im
Jahresschnitt 2022 auf 6,9 Prozent und lag 2023 immer noch bei 5,9
Prozent. Das kostete die Verbraucher Kaufkraft und die EZB
Glaubwürdigkeit.
Der Iran-Krieg hat mit steigenden Spritpreisen und teurerem Gas
längst Deutschland erreicht. Zöge sich der Krieg über Monate hin,
würde der Ölpreis weiter steigen und mit ihm die Inflation in der
Eurozone «schätzungsweise auf mindestens 3 Prozent», sagt
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.
Einige Experten vermuten bereits, dass die Notenbank im Sommer die
Zinsen anheben wird. Im Fall der Fälle dürfte die EZB dieses Mal
schneller agieren als 2022, meint Ulrike Kastens, Ökonomin bei der
Deutschen-Bank-Fondstochter DWS: «Zinserhöhungen werden damit
wahrscheinlicher, Zinssenkungen sind vom Tisch.»
Sparzinsen steigen - aber Gefahr durch Inflation
Für Sparer bedeutet die Inflationsgefahr Chancen und Risiken
zugleich. Zwar beobachtet der Geldratgeber Finanztip bei Tagesgeld
steigende Aktionszinsen für Neukunden: Immer mehr oft zeitlich
begrenzte Tagesgeld-Angebote lägen über drei Prozent. «Banken nutzen
die aktuelle Phase, um sich mit befristeten Angeboten neue Einlagen
zu sichern.» Grund sei, dass Banken immer weniger an baldige
Zinssenkungen der EZB glaubten.
Auch dem Vergleichsportal Verivox zufolge nimmt der Konkurrenzkampf
der Banken Fahrt auf. Aktuell böten 18 Banken neuen Kunden einen
Tagesgeldzins von 3 Prozent oder mehr. Im Schnitt würden bundesweit
verfügbare Festgelder mit zwei Jahren Laufzeit mit 2,09 Prozent
verzinst und Tagesgelder mit 1,3 Prozent.
Wegen des Iran-Kriegs «könnten die Realzinsen allerdings schnell
wieder ins Minus fallen», warnt Verivox. «Die moderaten Zinsanstiege
der letzten Wochen dürften den kriegsbedingten Anstieg der
Verbraucherpreise bei Weitem nicht ausgleichen.» Erst
Leitzinserhöhungen der EZB könnten dann wieder zu steigenden
Sparzinsen führen.
EZB vor schwieriger Abwägung
Eine Zinsanhebung der EZB würde allerdings die Wirtschaft im Euroraum
bremsen, die Prognosen zufolge in diesem Jahr ohnehin nur leicht
wachsen dürfte und nun auch noch von den Folgen des Iran-Kriegs
getroffen wird.
Selbst wenn die Energiepreise längerfristig erhöht bleiben, wäre es
für die EZB schwierig, ihre Geldpolitik zu straffen, sagt
Berenberg-Ökonom Felix Schmidt. «Denn in diesem Szenario würde das
Wirtschaftswachstum in der Eurozone möglicherweise zwischenzeitlich
zum Erliegen kommen.»
Dann würde das gefürchtete Szenario einer Stagflation Realität:
steigende Preise bei zugleich stagnierender Wirtschaft - ein Alptraum
für Notenbanken. Sie hätte dann kaum Optionen zum Gegensteuern.
