Spionageverdacht gegen Orbans Regierung: EU reagiert Von Kathrin Lauer und Ansgar Haase, dpa

23.03.2026 15:05

Hat Ungarn jahrelang Informationen von EU-Treffen an Russland
weitergegeben? Den Verdacht gab es seit langem. Nun gibt es
offensichtlich auch Beweise.

Brüssel/Budapest (dpa) - Die mutmaßliche Weitergabe von EU-internen
Informationen durch Ungarn an Russland sorgt in Brüssel für Empörung.

Eine Sprecherin der EU-Kommission von Ursula von der Leyen
bezeichnete es am Montag als «äußerst besorgniserregend», dass der

ungarische Außenminister seinen russischen Amtskollegen über
vertrauliche Beratungen auf Ministerebene unterrichtet haben könnte.

«Ein Vertrauensverhältnis zwischen den Mitgliedstaaten untereinander
sowie zwischen ihnen und den Institutionen ist für die Arbeit der EU
von grundlegender Bedeutung», sagte sie. «Wir erwarten daher von der
ungarischen Regierung eine Klarstellung.»

«Washington Post»: Ungarn informiert Russland seit Jahren

Zuvor hatte die US-Zeitung «Washington Post» unter Berufung auf einen
früheren ungarischen Geheimdienstmitarbeiter und Sicherheitsbeamte
aus anderen europäischen Ländern berichtet, dass die Regierung von
Ministerpräsident Viktor Orban seit Jahren Moskau Informationen zu
sensiblen Diskussionen in der EU übermittle. Außenminister Peter
Szijjarto soll demnach sogar während Pausen von EU-Treffen regelmäßig

mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow telefoniert haben,
um ihn über die Inhalte dieser Gespräche zu informieren.

Zudem berichtete die Zeitung von einer mutmaßlichen Unterstützung des
russischen Auslandsgeheimdienstes SWR für den derzeit laufenden
Wahlkampf Orbans. Dieser soll demnach vor einem Monat sogar
vorgeschlagen haben, ein Attentat gegen Ungarns Regierungschef zu
inszenieren, um damit emotional wirksam dessen Opferrolle zu
unterstreichen.

Verdacht gibt es schon seit Jahren

In Ungarn stehen am 12. April Parlamentswahlen an, bei denen die
Partei Fidesz von Orban laut Umfragen verlieren könnte. Reale oder
vermeintliche Angriffe von außen nutzt der Rechtspopulist immer
wieder, um seine Regierung als Opfer darzustellen.

In anderen EU-Staaten hielt sich die Aufregung über den Bericht
zunächst in Grenzen. Polens Regierungschef Donald Tusk schrieb zu der
mutmaßlichen Informationsweitergabe auf X. «Wir haben schon lange so
einen Verdacht.» Dies sei der Grund, warum er sich bei EU-Sitzungen
nur zu Wort melde, wenn es unbedingt sein müsse - und auch nur das
Nötigste sage, teilte er mit.

Auch Diplomaten verwiesen darauf, dass es bereits seit Jahren den
Verdacht gibt, dass Ungarn Informationen aus EU-Sitzungen an Russland
weiterleitet. Mitgliedstaaten würden deswegen bestimmte Informationen
nicht im großen Kreis teilen - so zum Beispiel mit Blick auf die
militärische Unterstützung der Ukraine. Hintergrund ist, dass Orban
trotz des russischen Angriffskrieges weiter enge Kontakte nach Moskau
pflegt.

Die Vertretung der Mitgliedstaaten in Brüssel wollte sich zu den
Vorwürfen nicht äußern. Eine Sprecherin von EU-Ratspräsident Antó
nio
Costa sagte zu Fragen nach dem Bericht der «Washington Post»: «Dazu
haben wir zum jetzigen Zeitpunkt keinen Kommentar.»

Gegenseitige Abhör-Vorwürfe in Ungarn

Die ungarische Regierung versuchte unterdessen den Blick darauf zu
lenken, dass die Geheimdienstinformationen nur über das Abhören von
Ungarns Außenminister Peter Szijjarto gewonnen werden konnten. «Das
Abhören eines Regierungsmitglieds ist ein schwerer Angriff gegen
Ungarn», schrieb Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban bei Facebook.
Er habe seinen Justizminister angewiesen, die Informationen im
Zusammenhang mit den Abhör-Aktionen gegen Szijjarto zu überprüfen. 


Im Fokus steht dabei der regierungskritische, gut vernetzte
ungarische Investigativ-Journalist Szabolcs Panyi. Dieser hatte nach
eigenen Angaben schon 2024 unter Berufung auf ihm zugespielte
Tonaufnahmen berichtet, dass Szijjarto im Jahr 2020 Lawrow um
Unterstützung seines politischen Gesinnungsgenossen, des damaligen
slowakischen Premiers Peter Pellegrini in dessen Wahlkampf gebeten
habe. Jetzt behauptete die regierungsnahe Internet-Zeitung
«mandiner.hu», dass Panyi ausländischen Geheimdiensten mit
Informationen zu Szijjartos Telefonnummern geholfen habe, diesen
abzuhören. Offenbar spielt Orban mit der Prüfanweisung an seinen
Justizminister darauf an. 

Panyi wiederum schrieb jetzt bei Facebook, dass er offenbar er
abgehört worden sei. Denn «mandiner.hu» hatte als Quelle Tonaufnahmen

von Telefongesprächen Panyis mit einer nicht genannten Person
genannt, die der Redaktion zugespielt worden seien. Darauf sei Panyi
zu hören, wie er darüber berichte, dass er Szijjartos Telefonnummer
ausländischen Geheimdiensten gegeben habe.