Weide oder nichts? EU-Verordnung bringt Bio-Bauern in Not Von Kathrin Zeilmann, dpa

05.04.2026 04:00

Glücklich grasende Kühe auf der Weide - eine EU-Verordnung besagt,
dass Öko-Höfe so wirtschaften müssen. Es klappt aber nicht überall.

Wie geht es weiter? Gibt es bald weniger heimische Bio-Milch?

Bindlach (dpa) - Alles ist akkurat aufgeräumt, im Offenstall ruhen
sich einige der Kühe aus, die anderen fressen, einige mustern
neugierig die Besucher. Der Öko-Milchviehbetrieb Küfner und Neiser in
Bindlach nahe Bayreuth lässt sich gut und gerne als Vorzeigehof
bezeichnen. 160 Milchkühe und viele weitere Jungtiere werden hier
gehalten. Seit 1989 wirtschaftet der Betrieb ökologisch, war damals
ein Pionier in der Region. «Und jetzt will man uns rauskicken», sagt
Markus Küfner. 

Denn die EU-Ökoverordnung sieht vor, dass Ökobetriebe ihren
Pflanzenfressern - also Rindern, Schafen, Ziegen - Zugang zu einer
Weide gewähren müssen. Das Weiden darf nur aus vorübergehenden
Gründen eingeschränkt werden.

Es trifft vor allem Betriebe in Süddeutschland

Doch seine ganze Herde auf die Weide treiben und zum Melken wieder in
den Stall holen? Das funktioniere nicht. Es gebe keine ausreichenden
Flächen direkt am Hof, sagt der Landwirt. Es führt direkt eine
Bahnstrecke vorbei, davor liegt eine Straße, unweit rauschen die
Autos auf der A9 vorbei. «Der Verkehr hier ist das größte Problem.»
 

Küfner ist kein Einzelfall. Vor allem in Süddeutschland fehle der
verlangte Weidezugang, heißt es bei der eigens gegründeten
Interessengemeinschaft «Kein Zwang zur Weide». Die Flächen vieler
Betriebe in Bayern oder Baden-Württemberg seien zu weit weg von der
Hofstelle, die Ställe lägen oft direkt in Ortschaften. Müssen sie
bald aufgeben?

Bauernverband: «Überzogen starre Auslegung»

Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes haben bereits im Vorjahr
Ökobetriebe wegen der Vorgabe die Produktion von Biomilch eingestellt
- etwa acht Prozent. Manche Betriebe hoffen demnach noch auf eine
regional angepasste Lösung. Aber das Bild sei eindeutig, betont ein
Sprecher: «Die überzogen starre Auslegung der Weidepflicht hat zu
einem messbaren Verlust an Ökobetrieben geführt.» 

Henrik Wendorff, Ökobeauftragter des Verbandes, sagt: «Bleiben die
Vorgaben so starr wie bisher, verharrt die Entwicklung in der
ökologischen Milchviehhaltung bei einem Anteil im einstelligen
Prozentbereich zum gesamten Milchviehbestand. Politisch fixierte
Ziele mit einem Anteil von 25 oder gar 30 Prozent werden somit
unerreichbar.»

Ministerium im Austausch mit der EU-Kommission

Aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium heißt es: «Es kann und darf
nicht sein, dass Höfe, die seit Jahren verantwortungsvoll und
ökologisch wirtschaften und sich um Lösungen für ihre Tiere bemühen
,
am Ende gezwungen sind, aus der Ökoerzeugung auszusteigen.» Es
bedürfe «praxisnaher und fairer Lösungen, damit Ökoerzeugung in gan
z
Deutschland möglich bleibt - für kleine wie große Höfe, im Dorfkern

wie im Außenbereich», teilt ein Sprecher mit.

Man stehe mit der Europäischen Kommission im intensiven Austausch.
Die Kommission wolle in Kürze im Fragenkatalog zum Öko-Landbau eine
Klarstellung veröffentlichen.

20 Prozent weniger Bio-Milch in Bayern?

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter befürchtet, dass bei
Durchsetzung der strengen Regelung allein in Bayern die
Biomilch-Menge um 20 Prozent zurückgehen wird. Man benötige eine
Flexibilisierung, fordert Manfred Gilch aus dem Bundesvorstand. «Auch
wir plädieren für die Weide - da, wo es möglich ist.»

Alternativen wären, dass nur eine Tiergruppe auf der Weide steht, die
anderen Zugang zu einem Freigelände haben. Tierwohl bedeute, dass das
Tier selbst entscheide, ob es jeweils Außen- oder Stallklima brauche.
«Gerade im Sommer erleben wir, dass die Tiere oft den kühleren Stall
bevorzugen.» Immerhin: Der Verband findet, es tut sich was; bei dem
Thema sei «viel in der Schwebe». 

«Wir müssen die Menschen ernähren können»

Auch Jens Keim von der Interessengemeinschaft sagt: «Da ist Bewegung
drin.» Es gehe für etliche Familienbetriebe um die Existenz. «Es wä
re
fatal, wenn wir hier nicht eine Lösung hinbekämen.» Gerade angesichts

der Weltlage werde das Thema Ernährungssicherheit und -souveränität
immer wichtiger, «wir müssen die Menschen ernähren können».
Praxisferne Regelungen seien hier falsch.

Thomas Lang, Vorstand Landwirtschaft beim Bund Ökologische
Lebensmittelwirtschaft, betont, dass «Bio und Weidehaltung»
zusammengehören. In vielen Regionen seien Öko-Landwirtinnen und
-Landwirte die Ersten gewesen, die ihre Kühe konsequent weiden
ließen. Der Verband fordert «Flexibilität» und auch
Planungssicherheit für die Betriebe.

Was ist der Bio-Grundgedanke?

Landwirte wie Küfner oder auch Jens Keim von der
Interessengemeinschaft wollen zeigen, dass es den Kühen im modernen,
luftigen Stall auch gut geht. «Die Tiere können sich frei bewegen»,
erklärt Küfner. Sie bekämen Sonne und Regen ab, genau wie auf der
Weide. Jedes Rind habe einen Fress- und Liegeplatz, von Frühjahr bis
Herbst gebe es frisch gemähtes Gras zum Fressen.

Der Bio-Gedanke bedeute seit Jahrzehnten: kein Mineraldünger, kein
Pflanzenschutz, mehr Platz für die Tiere. All das werde auf seinem
Betrieb umgesetzt, sagt Küfner. «Und das ist auch bei Verbrauchern
der Grundgedanke von Bio.» Er könne nicht verstehen, dass er nur
wegen des Weidethemas womöglich bald konventionell produzieren müsse.
Die ökologische Landwirtschaft sei fest verankert auf dem Betrieb und
in seiner Familie. 

Dazu käme die momentane Preiskrise auf dem Markt für konventionelle
Milch. Würden viele Biobetriebe zur Umstellung gezwungen, bedeute das
noch mehr Milch auf dem Markt.