Ein Jahr Zolloffensive: Trumps Pläne stocken - und er legt nach Von Jan Christoph Freybott und Ansgar Haase, dpa

05.04.2026 05:00

Vor genau einem Jahr traten die ersten «Liberation Day»-Zölle von
Donald Trump in Kraft. Trotz Gerichtsurteilen und Abkommen bleiben
viele Fragen offen. Und Trumps Offensive geht weiter.

Washington (dpa) - Pünktlich zum Jahrestag seiner großen
Zolloffensive hat US-Präsident Donald Trump nachgelegt - und neue
Zölle auf Arzneimittel sowie neue Zollregeln für Aluminium, Stahl und
Kupfer verkündet. Ein Jahr nach seinem als «Liberation Day»
betitelten großen Auftritt im Rosengarten des Weißen Hauses ist damit
klar: Trump ist mit seiner aggressiven Handelspolitik noch nicht am
Ende, auch wenn Gerichtsurteile und Handelsabkommen viele Zölle
entschärft oder annulliert haben. Die Unsicherheit vor allem für die
Unternehmen dauert an.

Was der US-Präsident mit seinen Zolltafeln am 2. April 2025 als «Tag
der Befreiung» feierte, sorgte in Deutschland, der EU und anderen
Teilen der Welt hingegen für Entsetzen. An diesem Sonntag vor einem
Jahr waren erste Zölle des Pakets in Kraft getreten.

Trump machte dabei auch vor traditionellen Partnern wie der EU keinen
Halt: «Der Freund ist in vielen Fällen schlimmer als der Feind»,
sagte er. Die US-Wirtschaft sei «geplündert», «beraubt»,
«vergewaltigt» worden. Es sei an der Zeit, sich dagegen zu wehren.

Seither ringen Regierungen, Unternehmen, Verbraucher und Gerichte mit
den Konsequenzen. In einem wegweisenden Urteil vom Februar kassierte
der Oberste Gerichtshof der USA die Zölle aufgrund ihrer
Rechtsgrundlage weitgehend ein. Trump griff daraufhin zum nächsten
Zollgesetz - und legte am vergangenen Donnerstag nach.

Wo Trumps Zolloffensive hinführt, ist auch ein Jahr später offen.
Diese drei Baustellen könnten seine Pläne noch ausbremsen.

1. Darf Trumps Regierung die Zoll-Milliarden behalten?

Für die US-Regierung sind die Zölle aus zwei Gründen wichtig: Zum
einen sollen sich mehr Unternehmen in den USA ansiedeln, statt
dorthin zu exportieren, so die Hoffnung. Das Handelsdefizit der USA
etwa gegenüber der EU ist Trump seit Jahren ein Dorn im Auge.

Zum anderen hat der Präsident es auf die Zolleinnahmen abgesehen, um
unter anderem Steuererleichterungen zu finanzieren. Doch wie viel
davon der Regierung zugutekommt, ist offen.

Denn vor wenigen Wochen machte ein New Yorker Gericht den Weg zu
Rückerstattungen für Unternehmen frei. Importeure haben demnach
Anspruch auf Rückzahlungen für bereits entrichtete Zölle, sofern es
sich um die vom obersten US-Gericht gekippten Abgaben handelt. Nach
Berechnungen der University of Pennsylvania geht es um etwa 175
Milliarden US-Dollar. Das entspräche etwa 2,5 Prozent des Haushalts.
Unter anderem der US-Logistikkonzern Fedex hatte nach dem Urteil
Klage eingereicht. 

2. Wie verlässlich ist Trumps neues Zollinstrument?

Unmittelbar nach dem Urteil hatte Trump bereits das nächste
Zollwerkzeug parat: erst 10, dann 15 Prozent sollten es sein. Der
US-Präsident stützte sich dabei auf ein Handelsgesetz aus dem Jahr
1974, das ihm erlaubt, bis zu 150 Tage lang Zölle auf Importe zu
erheben. Danach wäre eine Zustimmung des Kongresses nötig. 

Experten gehen aber davon aus, dass eine solche Verlängerung wenige
Monate vor den Zwischenwahlen im November unwahrscheinlich ist: Die
Zölle sind nicht nur bei Handelspartnern unbeliebt, sondern auch in
der eigenen Bevölkerung.

Denkbar ist, dass Trump ab dem Sommer auf ein anderes Gesetz
ausweicht. Erst kürzlich leitete seine Regierung eine Untersuchung
ein, ob strukturelle Überkapazitäten bei Handelspartnern zulasten der
US-Wirtschaft gehen - auch bei einzelnen Branchen der Europäischen
Union. In der Vergangenheit hatten die USA diesen Mechanismus
genutzt, um Strafzölle gegen China zu verhängen.

Egal, auf welches Zollgesetz sich Trump am Ende stützt: Das Urteil
des Obersten Gerichtshofs setzt dem Präsidenten allgemein enge
Grenzen bei der Erhebung von Zöllen. Doch bis Gerichte Klarheit
schaffen, könnten Jahre vergehen - ein Problem, das Trump als
Präsident also womöglich nicht mehr treffen würde.

3. EU-Parlament fordert Änderungen - EU-Deal weiter offen

In der EU herrscht gut ein Jahr nach dem «Liberation Day» noch immer
Katerstimmung. Zwar gelang es der Staatengemeinschaft nach zähen
Verhandlungen, drohende Zölle in Höhe von 30 Prozent abzuwenden. Für

den Ende Juli in Trumps Golfresort im schottischen Turnberry
finalisierten Deal musste die EU allerdings etliche Kröten schlucken.

Hinzu kommt, dass die Vereinigten Staaten aus EU-Sicht bereits
mehrfach gegen das Abkommen verstoßen haben. Nur wenige Wochen nach
Abschluss wurden etwa die Zölle auf mehr als 400 Produkte, die Stahl
oder Aluminium enthalten, von 15 auf 50 Prozent angehoben. Wie
Brüssel die am Donnerstag bekanntgegebenen Änderungen bewertet, war
zunächst nicht bekannt.

Vor allem das Europaparlament will deswegen Punkte des Abkommens an
Sicherheitsklauseln knüpfen und Trump damit zwingen, seine Zusagen
einzuhalten. Zudem fordert es, dass die USA nach Inkrafttreten
innerhalb von sechs Monaten auch die verbleibenden Zölle auf
EU-Stahl- und Aluminiumderivate auf 15 Prozent senken. Der
US-Botschafter in der EU, Andrew Puzder, hatte die EU zuvor davor
gewarnt, noch Änderungen an dem Abkommen vorzunehmen.

Deutsche Unternehmen weiter vor ungewisser Zukunft

In der deutschen Wirtschaft hinterließ das Zollbeben des «Liberation
Day» deutliche Spuren: 2025 brachen die Ausfuhren in die USA ein -
und China löste die Vereinigten Staaten als wichtigster
Handelspartner ab. «Massive Zollerhöhungen, sprunghafte Änderungen
und anhaltende Rechtsunsicherheit bremsen den Handel mit unserem
wichtigsten Absatzmarkt spürbar aus», sagte Melanie Vogelbach,
DIHK-Expertin für Wirtschaftspolitik.

Auch aus Sicht der USA hätten die Zölle derweil ihr Ziel verfehlt,
sagte Vogelbach. Direktinvestitionen aus Deutschland in die USA sind
deutlich zurückgegangen - und die Unternehmen wollen sie weiter
reduzieren. «Die seitens der US-Regierung angestrebte Verlagerung von
Produktion in die USA zulasten Europas bleibt somit aus.»