Weniger Dünger, gleiche Ernte? Nitratstreit spitzt sich zu Von Daniel Josling und Ann-Kristin Wenzel, dpa

09.04.2026 05:00

Strengere Regeln, steigende Preise und belastetes Grundwasser: Für
Bauern im Osten wird Düngen zur Gratwanderung. Eine einfache Lösung
ist nicht in Sicht.

Leipzig (dpa) - Dünger wird teurer, die Auflagen strenger - und
gleichzeitig bleibt das Nitrat im Grundwasser vielerorts ein Problem.
Für Landwirtinnen und Landwirte in Sachsen und Sachsen-Anhalt spitzt
sich damit ein Konflikt zu: Weniger düngen für Umwelt und Wasser -
oder genug düngen für Ertrag und Einkommen?

Mitten in dieser Debatte läuft bis einschließlich Sonntag die
Landwirtschaftsmesse Agra in Leipzig - ein Treffpunkt für Branche,
Politik und Wissenschaft. Dort geht es unter anderem um neue Technik,
effizientere Düngung und die Zukunft der Landwirtschaft. Doch die
zentrale Frage reicht weit über die Messehallen hinaus.

Kann die Landwirtschaft gleichzeitig weniger düngen, wirtschaftlich
überleben - und unabhängiger von globalen Krisen werden?

Die Ausgangslage ist widersprüchlich. Einerseits ist Stickstoff
unverzichtbar für hohe Erträge. Andererseits landet ein Teil davon im
Grundwasser. «Im Mittel wird mehr Stickstoff gedüngt, als durch die
Pflanzen entzogen wird», sagt der Bodenforscher Hans-Jörg Vogel vom
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

Böden mit langem Gedächtnis

Wie es den Böden im Osten geht, zeigt ein Blick nach Sachsen-Anhalt:
Dort sind laut der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau 12
von 80 Grundwasserkörper wegen Nitratbelastung in einem schlechten
chemischen Zustand. Ein Viertel der Messstellen weist erhöhte Werte
auf, rund ein Fünftel liegt über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro
Liter. Seit Jahren zeigen die Messwerte keinen klaren Rückgang.

Das liegt auch daran, dass sich Veränderungen beim Düngemitteleinsatz
oft erst mit Verzögerung im Grundwasser zeigen. «Das Nitrat, das man
heute misst im Grundwasser, kann zehn Jahre und älter sein», erklärt

Vogel.

Streitpunkt Düngung

Für Umweltverbände ist die Lage klar: In Sachsen gelten rund 185.000
Hektar - etwa ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche - als
nitratbelastet. Hauptursache seien zu hohe Stickstoffeinträge aus der
Landwirtschaft, teilt der Naturschutzbund (Nabu) mit. Die Folgen
seien gravierend: überdüngte Gewässer, sinkende Artenvielfalt und
steigende Kosten für die Trinkwasseraufbereitung.

Landwirtinnen und Landwirte sehen sich dagegen in einem Dilemma.
Weniger Dünger bedeutet oft geringere Erträge. In besonders
belasteten Gebieten komme es bei einzelnen Kulturen zu «deutlichen
wirtschaftlichen Einbußen», teilt das sächsische
Landwirtschaftsministerium mit.

«Um ein ökonomisch akzeptables Ergebnis zu erzielen, muss auch etwas
mehr Stickstoff gedüngt werden, als die Pflanze braucht», erklärt
UFZ-Forscher Vogel.

Die Agrarminister der Länder fordern zudem Änderungen im Düngerecht
und stellen die bisherigen «roten Gebiete» infrage.

Weniger düngen - aber wie?

Ganz eindeutig ist die Rechnung nicht. Messungen zeigen, dass
zusätzliche Stickstoffeinträge aus der Luft höher sein können als
angenommen. Teilweise könne man daher «mit der Düngung etwas
zurückgehen, ohne die Erträge wirklich stark zu reduzieren», so
Vogel.

Wird zu wenig gedüngt, droht Humusabbau und damit langfristig eine
Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit.

Zwischenfrüchte können überschüssigen Stickstoff im Boden halten.
«Die halten diesen Stickstoff im System, und der wird nicht
ausgewaschen», betont Vogel. Nachhaltige Bewirtschaftung müsse
stärker gefördert werden, damit sich umweltschonendes Wirtschaften
auch rechnet.

Dennoch sieht der Forscher ein grundlegendes Problem: «Es wird zu
viel auf rein mineralische Düngung gesetzt.» Stattdessen brauche es
stärker geschlossene Nährstoffkreisläufe - etwa durch organische
Dünger.

Preise, Krisen - und neue Abhängigkeiten

Zusätzlich verschärft sich die Lage durch geopolitische
Entwicklungen. Der Konflikt im Nahen Osten belastet Lieferketten und
treibt Energiepreise - entscheidend für die Produktion von
Düngemitteln.

Für viele Betriebe wird das zum Risiko. Steigende Kosten treffen auf
niedrige Erzeugerpreise. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen zeigt
sich besorgt: Ihn beunruhige, dass Landwirte ihre Produktion drosseln
könnten, um Kosten zu sparen. Würden dies viele Betriebe tun, «könn
te
es Probleme in der Lebensmittelversorgung» geben.

Zugleich arbeitet die EU an Maßnahmen, um die Versorgung mit
Düngemittel zu sichern und unabhängiger von Importen zu werden. Ein
entsprechender Aktionsplan wird in den kommenden Monaten erwartet.

Gleichzeitig bleibt die Landwirtschaft auf mineralische Düngemittel
angewiesen. In Sachsen-Anhalt betreibt der Salz- und
Düngemittelhersteller K+S ein Werk in Bernburg. Nach
Unternehmensangaben ist die Nachfrage seit Mitte 2025 robust und hat
mit Beginn der Düngesaison nochmals angezogen.

Das Bundesverwaltungsgericht verlangte zuletzt Nachbesserungen bei
der Düngeverordnung.

Europa verfüge weiterhin über rund 150 Produktionsstätten für
Düngemittel, sagte Hansen. Doch Preise und Verfügbarkeit würden
zunehmend vom Weltmarkt bestimmt.

Ein offener Ausgang

Der Druck auf die Betriebe wächst. Sie sollen weniger düngen und
gleichzeitig wirtschaftlich bleiben.

Auf der Agra in Leipzig soll darüber in den kommenden Tagen viel
diskutiert werden - in Fachforen und auf Podien. Lösungen sind
gefragt, einfache Antworten gibt es nicht. Ob der Spagat gelingt,
entscheidet sich aber nicht auf der Messe - sondern auf den Feldern.