«No-Go-Zonen» in Deutschland: Ein schlechter Ruf, der haftet Von Katharina Kausche, dpa
10.04.2026 06:00
Drei deutsche Stadtteile tauchen in einem Papier der
rechtskonservativen Fraktion im EU-Parlament zu angeblichen
«No-Go-Zonen» auf. Die haben schon länger mit diesem Image zu tun.
Brüssel/Berlin/Köln/Duisburg (dpa) - Eine dunkle Unterführung, eine
Tiefgarage in der Nacht oder ein leerer Park - es sind solche Orte,
von denen es immer wieder heißt, Menschen würden sie aus Angst
meiden. Manche sprechen gar von rechtsfreien Räumen, von
«No-Go-Zonen». So prangern Rechtskonservative in der EU nun mit einem
Papier solche Gegenden als angebliches Tabu-Thema an - und listen
auch drei Stadtteile in deutschen Städten auf. Dabei haben Neukölln
in Berlin, Chorweiler in Köln und Marxloh in Duisburg schon länger
einen schlechten Ruf.
Man habe einen Zusammenhang zwischen Migration, Islam und
«No-Go-Zonen» gefunden, gibt die Denkfabrik New Direction in einem
kürzlich veröffentlichten Papier an. Die Stiftung steht der rechten
Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR) im
EU-Parlament nahe. «Zu lange wurde der Begriff «No-Go-Zone» von
manchen als politische Übertreibung oder Medienmythos abgetan», heißt
es im Vorwort des Papiers.
So wurden insgesamt 17 Stadtgebiete aus den Ländern Frankreich,
Deutschland, Italien, Spanien, Belgien, Schweden und den Niederlanden
untersucht - ausgewählt auf Basis ihrer Nennung in offiziellen
Berichten, Medien und wissenschaftlichen Quellen.
Ein Begriff, viele Bedeutungen
Der Ausdruck «No-Go-Zone» oder Area ist seit Jahrzehnten umstritten
und hält sich doch hartnäckig in der Öffentlichkeit. Je nach Kontext
hat der Ausdruck viele Bedeutungen. Die brandenburgische Zentrale für
politische Bildung definiert «No-Go-Areas» in Deutschland als
Gebiete, «in denen Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung einem
hohen Risiko rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt sind». Nach
den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln 2025/16
tauchte der Begriff ebenfalls vermehrt in der Debatte auf.
Von Behörden wird er allerdings abgelehnt. So teilte das
Bundesministerium des Innern (BMI) mit, es verwende den Begriff
grundsätzlich nicht. Rechtsfreie Räume gibt es nach Einschätzung des
BMI in Deutschland nicht, laut Gewerkschaft der Polizei (GdP) ebenso
keine «polizeifreien Räume».
Bestimmte Gegenden können trotzdem auf manche Menschen bedrohlich
wirken. Darum ging es auch immer wieder in der von Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) losgetretenen «Stadtbild»-Debatte. So fragte das
Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap für den
ARD-Deutschlandtrend im November bei Bürgerinnen und Bürgern nach.
Und stellte dabei fest: Nur noch jeder Zweite (50 Prozent) fühlt sich
sehr oder eher sicher - fünf Prozentpunkte weniger als noch im
Februar 2025.
Viertel als «No-Go-Areas»: Woher kommt der Ruf?
Stadtteilen wie Neukölln, Chorweiler und Marxloh heftet ein Stigma
an. Das habe vor allem mit der Kriminalisierung von armen Menschen zu
tun, sagt Sebastian Kurtenbach, Stadt- und Migrationsforscher. «Und
in den westdeutschen Großstädten hat man es eben damit zu tun, dass
die armutsgeprägten Stadtteile auch die am stärksten diversifizierten
Stadteile sind.» Damit meint Kurtenbach, dass in ärmeren Vierteln in
Großstädten auch viele Menschen mit unterschiedlichen
Migrationsgeschichten leben.
Das falle allerdings nicht mit Gewaltkriminalität zusammen, so der
Forscher. Andere Orte der Stadt seien «gewaltgeprägter», Bahnhöfe
etwa oder Gegenden rund um Stadien bei Fußballspielen. Bei Neukölln,
Chorweiler und Marxloh handele sich außerdem um sehr unterschiedliche
Stadtteile, sagte der Forscher, der in Chorweiler lebte und dort wie
auch in Marxloh forschte. Er finde die Auswahl der Quartiere in der
Untersuchung «relativ fragwürdig».
Orte, Bereiche, Städte, an denen viele Menschen aufeinandertreffen,
hätten das Risiko einer im Vergleich höheren Kriminalitätsrate,
teilte die GdP mit. «Dies ist abhängig von sehr unterschiedlichen
Faktoren. Auch die Interaktion verschiedener Kulturen, Ethnien,
Religionen, und ähnlichem stellt einen Einflussfaktor dar», so der
stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Alexander Poitz. Würde mehr in
die Kriminalitätsforschung investiert, erleichtere es der Polizei
präventiv tätig zu werden, teilte er weiter mit.
Einmal schlechtes Image, immer schlechtes Image?
Für Gegenden mit schlechtem Ruf ist es laut dem Forscher Kurtenbach
schwierig, etwas dagegenzusetzen. Jahre nach den ersten negativen
Schlagzeilen zu Marxloh, wird der Stadtteil weiter damit in
Verbindung gebracht. «Ich kann das nicht mehr hören», sagte Duisburgs
Oberbürgermeister Sören Link (SPD) erst Mitte März in einem Interview
der «Süddeutschen Zeitung». Es gebe in Duisburg keine «No-Go-Areas
».
In Chorweiler wurde in den vergangenen zehn Jahren groß saniert,
Plätze wurden umgestaltet, wie die Stadt Köln auf ihrer Internetseite
schreibt. Davor habe es zwar «fürchterlich» ausgesehen, abends auf
der Straße habe er trotzdem vor allem Rentner mit Hunden getroffen,
erinnert sich Kurtenbach. «Aber das Image ist einfach so, dass man
glaubt, dass da irgendwas passieren würde.»
Vom «Gefahrenort» zu «Erlebnisort»
Ähnlich sei das in Neukölln. Dort erlebe man aber gerade zum Teil,
wie durch Gentrifizierung «aus dem Gefahrenort ein urbaner
Erlebnisort gelabelt» werde, so Kurtenbach. Es habe sich nicht viel
geändert, aber die Erzählung über den Ort ändere sich, sagte er. So
kürte das Stadtmagazin «Time Out» Neukölln vor wenigen Jahren als
eines der weltweit coolsten Viertel, das Maybachufer erhielt 2025 den
Titel als eine der coolsten Straßen.
Ebenfalls mit Blick auf Neukölln sagte der Forscher aber auch: auf
der Sonnenallee «mit einer Kippa langzulaufen kann zu einem Problem
werden», vor dem man nicht die Augen verschließen dürfe. «Aber es w
ar
2017 in Bautzen auch ein Problem, mit Kopftuch durch die Stadt zu
laufen.» Nicht speziell auf Neukölln bezogen äußerte sich auch
Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Ende 2024 ähnlich und riet
Juden und Homosexuellen zu Vorsicht in Teilen Berlins.
Das sei schon Gesprächsthema, erzählt eine queere Person, die anonym
bleiben möchte. «Ich habe das Gefühl, vielleicht muss ich aufpassen
in Neukölln», sagt sie. «Aber eigentlich deckt sich das jetzt nicht
mit meiner persönlichen Erfahrung.» Im Viertel angemacht oder
angegriffen worden sei weder sie noch ihr direktes Umfeld. Und in der
queeren Szene ist das Viertel beliebt. «Mittlerweile sind eigentlich
die hippen neuen queeren Bars alle in Neukölln», erzählt die
ehemalige Neuköllnerin, die noch immer oft in dem Viertel ausgeht.
Trotzdem: Dass sich etwas an dem Image eines Stadtteils ändert, so
Stadtforscher Kurtenbach, dauere sehr lange.
