Wie eine EU-App Türsteher für Kinder im Netz spielen soll Von Niklas Treppner, dpa
15.04.2026 16:34
Ob Pornos oder Horror-Filme: Kinder sollten im Netz nur jugendfreie
Inhalte nutzen dürfen. Auf Vieles haben sie in der Realität trotzdem
Zugriff. Die EU will das mit einer neuen App verhindern - bald.
Brüssel (dpa) - In der Debatte um den Schutz von Kindern und
Jugendlichen im Netz wirbt die Europäische Kommission für eine EU-App
zur digitalen Altersüberprüfung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von
der Leyen ruft Deutschland und andere Mitgliedstaaten dazu auf, ihren
Bürgerinnen und Bürgern eine nationale Version zur Verfügung zu
stellen. Die Vorlage dafür sei nun «technisch fertig».
Für Internetnutzerinnen und -nutzer könnte die App schon bald das
Surfen im Netz entscheidend verändern. Inhalte mit
Altersbeschränkung, etwa Pornos oder Horrorfilme, könnten dann nur
noch nach einer Altersprüfung zugänglich sein. Antworten auf die
wichtigsten Fragen:
Wie funktioniert die App?
Die Verifikations-App soll es ermöglichen, das Alter von Nutzerinnen
und Nutzern anonym zu prüfen, ohne persönliche Daten wie Name oder
Geburtsdatum zu speichern. Dafür können Nutzer etwa ihren
Personalausweis oder Reisepass abfotografieren und zum Beispiel mit
der Frontkamera ihres Handys einen Scan von ihrem Gesicht machen. Die
App gleicht beides ab.
Anschließend soll sie lediglich speichern, ob eine Person laut der
Angaben auf dem Ausweisdokument eine gewisse Altersgrenze
überschritten hat. Wenn man nun altersbegrenzte Seiten oder Inhalte
aufrufen will, kann die App bestätigen, ob die Nutzerin oder der
Nutzer das darf. Die von der EU entwickelte Software gibt dabei laut
Europäischer Kommission aber nur die Information weiter, ob die
Person alt genug ist, nicht etwa das Geburtsdatum oder andere
Details.
Wann kann (oder muss) man die App in Deutschland nutzen?
Deutschland hat die App - anders als etwa Dänemark, Frankreich,
Spanien, Griechenland und Italien - bisher nicht getestet. Die
Bundesrepublik gehört auch nicht zu den sieben Mitgliedstaaten, die
bereits angekündigt haben, die App in die geplante digitale
Brieftasche der EU einbinden zu wollen. Diese soll ab Anfang 2027 in
allen EU-Staaten zur Verfügung stehen.
Die Bundesregierung plant laut Digitalminister Karsten Wildberger
(CDU), dort auch eine auf Deutschland zugeschnittene
Altersüberprüfung für Menschen ab 16 Jahren zu ermöglichen.
Allerdings könnten auch private Anbieter die Vorlage der EU nutzen
und auf Deutschland zugeschnittene Versionen anbieten. Dann könnte
sie schon innerhalb der nächsten Monate etwa im App Store oder bei
Google Play zur Verfügung stehen.
Müssen Online-Angebote das Alter überprüfen?
Für das Surfen im Netz ist zudem entscheidend, ob die Internetseiten
und Online-Plattformen die App einbinden werden. TikTok, Instagram
und andere Online-Riesen sind nach Ansicht der EU wegen des Gesetzes
über digitale Dienste (Digital Services Act, kurz DSA) dazu
verpflichtet, mit einer angemessenen Altersverifikation den Schutz
von Minderjährigen sicherzustellen. Zumindest dann, wenn sie auch
Inhalte anbieten, die Kinder gefährden oder verstören könnten.
Sie müssen dafür nicht zwingend die App der EU nutzen, das System
gilt für sie nach Ansicht der EU-Kommission aber als «Goldstandard».
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen betont, die
Online-Plattformen könnten sich problemlos auf die App verlassen und
hätten nun «keine Ausreden mehr».
Kann die App ausgetrickst werden?
Ja. Etwa indem Kinder einfach das Handy ihrer älteren Geschwister
oder Eltern mit den dort hinterlegten Informationen nutzen, wie
ranghohe EU-Beamte einräumen. Zudem gebe es viele technische
Möglichkeiten wie VPN-Dienste zur Umgehung der digitalen
Altersschranken. Mit den weit verbreiteten VPN-Diensten kann einer
Internetseite vorgegaukelt werden, man greife von einem
Nicht-EU-Staat aus auf ihr Angebot zu. Es gehe darum, jene Kinder zu
schützen, die unbeabsichtigt mit ungeeigneten Inhalten konfrontiert
würden, sagte der EU-Beamte.
Was hat die App mit einem möglichen Social-Media-Verbot zu tun?
Die App könnte auch für ein mögliches Verbot von Social-Media für
Kinder und Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter eine
entscheidende Rolle spielen. Darüber wird auch in Brüssel diskutiert.
Allerdings: Ob die EU-Kommission sich für ein europaweites
Mindestalter in den sozialen Netzwerken einsetzen wird oder nicht,
bleibt offen. Eine von der Kommission eingesetzte Expertenkommission
berät dazu und soll im Sommer Vorschläge zum weiteren Vorgehen
präsentieren.
Mehrere Mitgliedsländer, darunter Frankreich, Spanien, Griechenland
und Österreich, haben bereits angekündigt, ein Social-Media-Verbot
für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich festlegen
zu wollen. Auch in Deutschland steht ein solches Verbot zur Debatte.
Brüssel steht daher unter Druck, weil nur die EU-Kommission den
Online-Riesen Vorschriften machen darf.
