Industrie erhält Milliardenhilfe für günstigeren Strom Von Katharina Redanz, Niklas Treppner und Martina Herzog, dpa

16.04.2026 16:47

Es war ein Wunschprojekt der Bundesregierung: günstigerer Strom für
Unternehmen dank staatlicher Zuschüsse. Nun gibt die EU-Kommission
grünes Licht. Wer davon profitiert.

Brüssel (dpa) - Für die deutsche Industrie ist der lang erwartete
Industriestrompreis in Reichweite. Die EU-Kommission erlaubt der
Bundesregierung, die Industrie mit einem vergünstigten Strompreis zu
unterstützen, und zwar in einem Umfang von 3,8 Milliarden Euro, wie
die Brüsseler Behörde mitteilte.

Von Chemie bis Zement: Wer profitieren soll

Damit sei «der Knoten durchschlagen», jubelte Wirtschaftsministerin
Katherina Reiche, die von einem Signal für mehr Wettbewerbsfähigkeit
und die Stärkung des Industriestandorts Deutschland sprach. «Die Lage
der Industrie ist, gelinde gesagt, in einigen Teilen dramatisch»,
merkte die CDU-Politikerin an. 

Gedacht ist die Unterstützung laut Wirtschaftsministerium für rund
9.500 strom- und handelsintensive Unternehmen aus besonders
energiehungrigen Branchen wie Chemie, Gummi- und Kunststoffwaren,
Glas, Zement oder Halbleiterfertigung. Sie sollen so viel Förderung
erhalten, dass sie am Ende noch 5 Cent pro Kilowattstunde zahlen -
gemessen am Großhandelsstrompreis. Weitere Bereiche sollen
möglicherweise später noch in die Förderung einbezogen werden. 

Mit wie viel Geld der Bund den Unternehmen aushilft, konnte Reiche
noch nicht sagen. Das hänge davon ab, wie viele das Angebot nutzten.
Sie rechne mit einem niedrigen einstelligen Milliardenbetrag.

Hälfte der Beihilfen muss investiert werden 

Die Maßnahmen stünden dabei Unternehmen aus Branchen offen, die ihren
Standort potenziell in Drittstaaten mit weniger Umweltauflagen
verlegen könnten, erläuterte die EU-Kommission.

Unternehmen können die Beihilfen laut Mitteilung nach Ablauf jedes
Jahres beantragen, sobald der Stromverbrauch und der
durchschnittliche Großhandelspreis bekannt ist. Die begünstigten
Firmen müssen demnach mindestens die Hälfte der erhaltenen
Unterstützung in neue oder modernisierte Anlagen investieren, um die
Stromkosten zu senken. Die Hälfte des Stromverbrauchs einer
Produktionsstätte kommt für die staatliche Beihilfe in Frage.
Unternehmen können erstmals Anfang kommenden Jahres für 2026
rückwirkend Unterstützung beantragen. 

Chemieindustrie enttäuscht

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) reagierte verhalten
positiv auf die Entscheidung, die aus seiner Sicht in die richtige
Richtung geht. «Jetzt kommt es darauf an, die angekündigten
Anpassungen kraftvoll, vorausschauend und mit Blick auf die Details
umzusetzen, damit die Industrie wieder eine planbare und
wettbewerbsfähige Perspektive erhält», erklärte der Verband.

Der DGB freute sich über einen ersten wichtigen Schritt für mehr
Planungssicherheit und Verlässlichkeit bei den Strompreisen -
zunächst bis 2028. «Das stärkt Wertschöpfung und Beschäftigung in

einer wirtschaftlich schwierigen Lage und unterstützt den
klimaneutralen Umbau am Standort Deutschland.»

Enttäuscht zeigte sich der Verband der Chemischen Industrie (VCI),
aus dessen Sicht die Entlastung mit zu vielen Einschränkungen und
Auflagen verbunden ist. «Die bisherigen EU-Vorgaben sind so streng,
dass bei den Unternehmen wenig ankommen wird», beklagte der Verband.
«Laut unseren Berechnungen würde die Entlastung bei den meisten
Unternehmen bei unter zehn Prozent der Strombezugskosten liegen. Das
Instrument allein wird die Energiekostenprobleme nicht lösen.»

Genehmigung aus Brüssel stand noch aus

Die Wirtschaft klagt seit langem über im internationalen Vergleich
hohe Energiekosten. Die Koalition beschloss bereits Entlastungen. Für
den geplanten staatlich subventionierten, niedrigeren
Industriestrompreis für energieintensive Firmen fehlte bislang grünes
Licht der Europäischen Kommission. Das Instrument sieht vor, den
Preis für die Hälfte des jährlichen Stromverbrauchs auf fünf Cent p
ro
Kilowattstunde zu begrenzen.

Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sprach von einer spürbaren
Entlastung bei den Energiekosten und einer guten Nachricht für die
deutsche Industrie. «Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz in unseren
wichtigsten Industrien», versprach er. Umweltminister Carsten
Schneider (SPD) sagte: «Mehr Strom einzusetzen ist die richtige
Strategie für mehr Unabhängigkeit von teurem Öl und Gas. Denn Strom
wird mit der Energiewende immer sauberer und klimaverträglicher.»

Wirtschaft soll klimafreundlicher werden

Brüssel hatte im vergangenen Sommer einen neuen Beihilferahmen
präsentiert und damit den Weg dafür freigemacht, dass unter
bestimmten Voraussetzungen direkte staatliche Subventionen fließen
können, um Strompreise für energieintensive Unternehmen zu senken.

«Es ist ein Instrument, um den Klimaschutz voranzutreiben, die
Widerstandsfähigkeit Europas zu stärken und sicherzustellen, dass
unsere Industrie weltweit wettbewerbsfähig bleibt», hatte die
Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera im Sommer gesagt. Ziel ist es,
den Umbau der Industrie hin zur Klimaneutralität voranzutreiben, ohne
dass die Wirtschaft zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird.

Wegen der verhältnismäßig hohen Energiepreise in Deutschland besteht

die Sorge, dass sie Firmen vor Investitionen in der Bundesrepublik
abschrecken. Zahlreiche Unternehmen stehen bereits vor großen
Problemen. Wirtschaftsverbände drängen schon lange auf einen
Industriestrompreis.