Ex-Staatschef Radew kämpft um den Sieg: Neuwahl in Bulgarien gestartet

19.04.2026 06:14

In Bulgarien folgt seit Jahren eine Wahl auf die andere. Die Abwahl
von Orban in Ungarn dürfte jetzt auch die Bulgaren zum Urnengang
motivieren. Eine Koalition des Ex-Präsidenten gilt als Favorit.

Sofia (dpa) - Im EU- und Nato-Land Bulgarien hat eine vorgezogene
Parlamentswahl begonnen. Rund 6,5 Millionen Bulgarinnen und Bulgaren
sind aufgerufen, bis 20.00 Uhr Ortszeit (19.00 MESZ) ihre Stimme
abzugeben. Es ist bereits die achte Parlamentswahl seit April 2021.
In Sofia ist eine Interimsregierung im Amt.

Klarer Favorit ist allen Prognosen zufolge eine neue Koalition namens
Progressives Bulgarien (PB) um Ex-Präsident Rumen Radew. Der
62-jährige Ex-General hatte der Korruption den Kampf angesagt. Er
dürfte demnach bis zu 34 Prozent der Stimmen auf seine Koalition
vereinigen.

Die Neuwahl war nach Massenprotesten gegen Korruption und nach dem
Rücktritt der prowestlichen Koalitionsregierung um das konservative
Bündnis Gerb-SDS im Dezember 2025 notwendig geworden. Gerb-SDS kommt
den Umfragen zufolge jetzt auf höchstens 20 Prozent der Stimmen. 

Sowohl Radew als auch der liberal-konservative proeuropäische Verband
PP-DB, der Umfragen zufolge mit rund 12 Prozent als drittstärkste
Kraft abschneiden könnte, streben eine Justizreform an. Zudem wollen
sie das Modell einer ihren Worten nach korrupten Regierungsführung
von Gerb-SDS abbauen. Ins Parlament in Sofia dürften mindestens fünf
politische Kräfte einziehen.

Radew will bulgarischer Magyar sein

Der frühere Kampfjet-Pilot Radew war im Januar vom Amt des
Staatspräsidenten zurückgetreten - ein Jahr vor dem Ende seiner
zweiten Amtszeit - um an der Wahl teilzunehmen. Als Staatsoberhaupt
galt Radew noch als russlandfreundlich und setzte sich für einen
Dialog mit Moskau ein.

Als Vorbild für seine Ukraine-Politik sieht Radew jetzt den
Wahlsieger der Parlamentswahl in Ungarn, Peter Magyar. In einem
Fernsehinterview sagte Radew, Bulgarien werde sich, falls er
Regierungschef werden sollte, nicht finanziell an Militärhilfen für
die Ukraine beteiligen, aber Entscheidungen darüber nicht blockieren.

Russische Zeitungen sehen Radew jedoch als den «bulgarischen Orban».
«Bei einem Sieg der von Radew geführten Partei wird sich der
außenpolitische Kurs Bulgariens ändern: Sofia wird mit großer
Wahrscheinlichkeit für Brüssel ebenso «unbequem» werden wie
Budapest», schrieb etwa die Tageszeitung «Nesawissimaja Gaseta».

Vorwurf des Stimmenkaufs und der Wahlbeeinflussung

Der Wahlkampf war ebenso wie bei früheren Abstimmungen überschattet
vom Verdacht des Stimmenkaufs. Hunderte verdächtige Personen wurden
deswegen festgenommen. Beschlagnahmt wurden amtlichen Angaben zufolge
Geldsummen im Gesamtwert von einer Million Euro, die für den Kauf von
Wählerstimmen bestimmt gewesen seien. Eine Stimme soll zwischen 50
und 100 Euro kosten.

Wegen Verdachts der Wahlbeeinflussung aktivierte die
Interimsregierung des Landes das EU-System zur Bekämpfung von
Desinformation und Einflussnahme aus dem Ausland. Beobachter der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind
vor Ort.