Bulgarien hat gewählt: Regiert künftig ein Russland-Freund?
19.04.2026 21:05
In Bulgarien ist Ex-Präsident Radew als Favorit in die Parlamentswahl
gezogen, und laut den Prognosen liegt sein Bündnis auch deutlich
vorn. Etablierte Parteien bleiben weit zurück.
Sofia (dpa) - Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Bulgarien deutet
sich nach ersten Prognosen eine überwältigende Mehrheit für die
Wahlallianz von Ex-Staatschef Rumen Radew an. Wie aus
Nachwahlbefragungen dreier Meinungsforschungsinstitute hervorgeht,
könnte das Bündnis Progressives Bulgarien (PB) des als
russlandfreundlich geltenden Ex-Generals auf knapp 39 Prozent der
Stimmen kommen. Es war zunächst unklar, ob Radew damit auch eine
absolute Mehrheit im Parlament erreichen würde.
Radew zu Regierungsbildung entschlossen
Mit der Parlamentswahl steht Bulgarien vor einer wichtigen
Weichenstellung. «Ich werde alles Mögliche tun, um nicht zuzulassen,
dass wir erneut wählen gehen», sagte Radew nach den ersten Prognosen
zu der inzwischen achten Parlamentswahl seit April 2021.
Im Wahlkampf versprach er, dem EU- und Nato-Land eine stabile
Regierung zu geben und die Korruption zu bekämpfen. Zudem strebt er
eine Justizreform an, wozu er allerdings eine verfassungsändernde
Mehrheit von 160 der 240 Parlamentarier braucht.
Frühere Regierungsparteien bleiben deutlich zurück
Mit großem Abstand hinter Radews Wahlallianz folgt den Prognosen
zufolge mit höchstens 16,2 Prozent das prowestliche konservative
Bündnis Gerb-SDS, das eine im Dezember 2025 zurückgetretene
Koalitionsregierung anführte. Drittstärkste Kraft dürfte demnach der
proeuropäische liberal-konservative Verband PP-DB mit höchstens 14,3
Prozent werden. Dieser hatte im Dezember zu Massendemonstrationen
aufgerufen, die die damalige Regierung von Gerb-SDS zum Rücktritt
veranlassten. Beide prowestliche Kräfte hatten gemeinsam in einer
Koalition 2023/2024 regiert.
Die nationalistische prorussische Partei Wasraschdane (deutsch:
Wiedergeburt) stürzte laut dieser Prognose auf rund fünf Prozent ab
(2024: 13,3 Prozent). Im EU-Parlament gruppiert sich Wasraschdane in
einer Parteienfamilie wie die Alternative für Deutschland (AfD). Es
war vorerst unklar, wie viele Parteien noch die Vier-Prozent-Hürde
für den Einzug ins Parlament geschafft haben.
Bulgarischer Magyar - oder «bulgarischer Orban»?
Dass sich Radew als Präsident russlandfreundlich gezeigt hatte und
sich für Dialog mit Moskau einsetzte, wirft Fragen dazu auf, wie er
sich als Regierungschef innerhalb der EU zur Ukraine-Unterstützung
positionieren könnte. Radews Allianz lässt sich im Parteienspektrum
noch nicht eindeutig verorten.
Der Ex-General und frühere Kampfjet-Pilot Radew war im Januar vom Amt
des Staatspräsidenten zurückgetreten, um an der Wahl teilzunehmen.
Die potenziellen Wähler seiner Allianz Progressives Bulgarien seien
im linken, nationalistischen und prorussischen Spektrum zu verorten,
schreibt die Konrad-Adenauer-Stiftung im Länderbericht zur Wahl. Im
Wahlkampf habe er sich nicht klar zu Russland positioniert, sondern
stattdessen die Wahrung nationaler Interessen innerhalb der Nato und
EU betont.
Was die von Russland angegriffene Ukraine betrifft, nimmt sich Radew
den Wahlsieger der Parlamentswahl in Ungarn, Peter Magyar, zum
Vorbild. In einem Fernsehinterview sagte Radew, Bulgarien werde sich,
falls er Regierungschef werden sollte, nicht finanziell an
Militärhilfen für die Ukraine beteiligen, aber Entscheidungen auf
EU-Ebene darüber nicht blockieren. Die im Dezember 2025
zurückgetretene Regierung hatte einen deutlich proukrainischen Kurs
verfolgt, den die Interimsregierung fortsetzte. In Brüssel sind
öffentlich keine größeren Sorgen mit Blick auf die Wahl geäußert
worden.
Russische Zeitungen sehen Radew jedoch als den «bulgarischen Orban».
«Bei einem Sieg der von Radew geführten Partei wird sich der
außenpolitische Kurs Bulgariens ändern: Sofia wird mit großer
Wahrscheinlichkeit für Brüssel ebenso «unbequem» werden wie
Budapest», schrieb etwa die Tageszeitung «Nesawissimaja Gaseta».
Vorwurf des Stimmenkaufs und der Wahlbeeinflussung
Der Wahlkampf war ebenso wie bei früheren Abstimmungen überschattet
vom Verdacht des Stimmenkaufs. Hunderte verdächtige Personen wurden
deswegen festgenommen. Beschlagnahmt wurden amtlichen Angaben zufolge
Geldsummen im Gesamtwert von einer Million Euro, die für den Kauf von
Wählerstimmen bestimmt gewesen seien. Eine Stimme soll zwischen 50
und 100 Euro kosten.
Wegen Verdachts der Wahlbeeinflussung aktivierte die
Interimsregierung des Landes das EU-System zur Bekämpfung von
Desinformation und Einflussnahme aus dem Ausland. Beobachter der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind
vor Ort.
Wahl in Ungarn scheint Wähler zu ermuntern
Die Wahl in Ungarn Sonntag vor einer Woche mit einer massiven
Wahlbeteiligung dürfte Wahlberechtigte in Bulgarien ermuntert haben,
wählen zu gehen. Die Beteiligung in Bulgarien lag am Wahltag nach
Angaben des Meinungsforschungsinstituts Alpha Research bei gut 51
Prozent -vergleichbar hoch mit der Parlamentswahl im April des
Aufbruchjahres 2021.
Zuverlässige amtliche Hochrechnungen soll es am Montagmorgen geben,
da im Ausland - etwa in Großbritannien, in den USA und in Kanada - am
Sonntagabend noch gewählt wurde. Mit offiziellen Endergebnissen ist
binnen vier Tagen nach der Wahl zu rechnen.
