EU-Ausschreibung für Wiesn-Zelte? Wirt wagt Vorstoß Von Sabine Dobel,dpa

22.04.2026 15:44

Das Oktoberfest: der Stolz Münchens, traditionell, bayerisch. Aber:
Muss die Stadt die Festzelte bald europaweit ausschreiben? Wankt die
Tradition - oder ist es nur ein Sturm im Bierglas?

München (dpa/lby) - Ein Münchner Wirt greift die Vergabe der großen
Oktoberfest-Zelte an - und stellt damit erstmals die bisherige Praxis
infrage. Der Gastronom will erreichen, dass sich die Stadt München
bei der Zuteilung zweier zentraler Festzelte künftig nach
europäischem Vergaberecht richten muss. Das würde eine EU-weite
Ausschreibung der Standplätze für beide Zelte - das traditionelle
Anzapfzelt Schottenhamel und das Paulaner-Festzelt - bedeuten, wie
die Regierung von Oberbayern mitteilte. Die Mediengruppe «Münchner
Merkur/tz» hatte darüber berichtet.

Von Wirte-Kollegen kommt postwendend Kritik. Ob die Zeltvergabe auf
der Wiesn überhaupt unter das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen
(GWB) fällt, muss nun die Vergabekammer Südbayern klären. Dort ging
laut Regierung von Oberbayern vergangene Woche der Antrag auf
vergaberechtliche Nachprüfung der WE Gutshof GmbH ein, deren
Geschäftsführer Alexander Egger ist.

Für andere Zelte und Feste «keine unmittelbaren Rechtswirkungen»

Eine Entscheidung soll den Angaben zufolge nach den gesetzlichen
Vorgaben binnen fünf Wochen ergehen, also gegen Ende Mai. Wie auch
immer das Verfahren ausgeht: «Für andere Standplätze auf dem
Oktoberfest oder für andere Volksfeste hat eine Entscheidung der
Vergabekammer keine unmittelbaren Rechtswirkungen», erläuterte die
Regierung von Oberbayern. 

Die Stadt München vergibt die Plätze für Zelte bisher nach einem
Punktesystem, das gelegentlich kritisiert und von der Stadt immer
wieder angepasst wurde. Um die Vergabe von Zelten wurde auch schon
vor Gericht gestritten. Die Forderung nach einer EU-weiten
Ausschreibung ist aber neu.

«Bei der Vergabekammer ist der Antrag, die Zuteilung von Festzelten
zu überprüfen, ein Novum», sagt der Sprecher der Regierung von
Oberbayern, Wolfgang Rupp. «So eine Konstellation liegt uns das erste
Mal vor.» Rupp betonte zugleich: «Es ist das gute Recht, die
Vergabekammer anzurufen. Wir prüfen den Antrag selbstverständlich
unvoreingenommen und auf Basis der geltenden Gesetze.»

Wirte: Oktoberfest nicht persönlichen Interessen opfern

Die Sprecher der großen Wiesn-Wirte, Peter Inselkammer und Christian
Schottenhamel, warnten vor einem Verlust von Tradition. Das
Oktoberfest sei in seiner mehr als 200-jährigen Geschichte zu einem
einzigartigen und schützenswerten Kulturgut geworden. Das dürfe nicht
persönlichen Interessen geopfert werden. 

«Die Vergabepraxis hat sich seit Jahrzehnten bewährt und ist ein
Garant dafür, dass die Wiesn nach wie vor ein Ort ist, an dem unser
bayerisches Brauchtum gepflegt und unsere Traditionen hochgehalten
werden», sagte Schottenhamel, dessen Zelt von dem Antrag direkt
betroffen ist. In dem ältesten Wiesn-Zelt, seit 1867 in Händen der
Familie Schottenhamel, wird das Volksfest traditionell vom
Oberbürgermeister mit dem Anzapfritual eröffnet.

Schottenhamel: Wiesn darf kein «Wischi-Waschi-Fest» werden

«Das Oktoberfest ist ein Stück bayerische Heimat und das sollten wir
nicht opfern - und riskieren, dass daraus ein Wischi-Waschi-Fest
wird», sagte Schottenhamel. Inselkammer ergänzte: «Die Wiesn steht
für München, Bayern, unsere Werte und unsere Lebensart. Wir sollten
diese Tradition nicht aushöhlen, denn dann wird das Oktoberfest
irgendwann nicht mehr so sein, wie wir es schätzen und lieben.»

Beide Sprecher wiesen darauf hin, dass 80 Prozent der Wiesn-Besucher
aus München und dem Umland kommen. Die zahlreichen internationalen
Gäste kämen deswegen gerne, «weil wir so sind wir sind, und weil sie

hier unsere bayerische Kultur hautnah erleben können», sagte
Schottenhamel.

Stadt München übt sich in Zurückhaltung 

Beim Wirtschaftsreferat, zuständig für das Oktoberfest, hieß es, man

äußere sich nicht, da gerichtliche Auseinandersetzungen nicht
ausgeschlossen werden könnten. In den vergangenen Jahrzehnten habe es
mehrfach juristische Auseinandersetzungen um die Zulassung zur Wiesn
gegeben. «Das Bewerbungsverfahren ist dabei mehrfach gerichtlich
überprüft und bestätigt worden», erläuterte eine Sprecherin. Man
sehe
keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Durchführung des Oktoberfestes
gefährdet sei.

Egger und seine Frau Katrin Wickenhäuser-Egger, die seit Jahren die
Münchner Stubn als kleines Wiesn-Zelt betreiben, wollen ein großes
Zelt. Sie hatten im Januar schon für Unruhe gesorgt, weil sie sich -
so jedenfalls wurde es damals kommuniziert - auf die Standplätze
zweier großer Brauerei-Zelte beworben hatten, darunter das
Paulaner-Zelt. Dieses bekommt heuer einen neuen Wirt; die Familie
Stiftl soll es laut Paulaner übernehmen. Bei den großen
Brauerei-Zelten schlägt bisher die Brauerei den Wirt vor, die Stadt
prüft seine Eignung.

Paulaner teilte zu Eggers Vorstoß mit: «Wir haben den Antrag auf
Überprüfung des Vergabeverfahrens gegen die Stadt München zur
Kenntnis genommen und sind zuversichtlich, dass das Verfahren
bestätigen wird, dass die Stadt München bei der Vergabe die
anwendbaren rechtlichen Vorgaben eingehalten hat.» Das Oktoberfest
stehe seit seiner Gründung in enger Verbindung zur Münchner
Brautradition. «Diese Tradition hat sich über Jahrhunderte bewährt
und ist ein zentraler Bestandteil des Charakters der Wiesn.»