EZB hält Zinsen trotz Ölpreisschock und Inflation stabil Von Jörn Bender und Alexander Sturm, dpa

30.04.2026 14:21

Teures Öl, steigende Inflation, Wirtschaftsflaute: Dennoch hält die
EZB still. Ist die Zinserhöhung nur aufgeschoben? Viel hängt vom
Iran-Krieg ab. Sparer profitieren derweil von höheren Zinsen.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Leitzinsen im Euroraum bleiben trotz
Ölpreisschock und steigender Inflation infolge des Iran-Kriegs
vorerst unverändert. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält den für

Banken und Sparer wichtigen Einlagenzins bei 2,0 Prozent, wie die
Notenbank in Frankfurt mitteilte. Damit tastet die EZB zum siebten
Mal in Folge die Zinsen im Euroraum nicht an.

Volkswirte erwarten jedoch, dass die Zentralbank im Jahresverlauf die
Zinsen anheben wird, wenn ihr mehr Daten vorliegen, um die
Kriegsfolgen zu beurteilen. «Je länger der Krieg anhält und je läng
er
die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben, desto stärker wird sich
dies voraussichtlich auf die allgemeine Inflation und die Wirtschaft
auswirken», erklärten die Euro-Währungshüter.

Schon im März und April hat der Ölpreisschock durch den Krieg im
Nahen Osten die Teuerung im Währungsraum kräftig nach oben getrieben.
Ökonomen fürchten, dass die gestiegenen Energiepreise auf die gesamte
Wirtschaft überspringen und viele Waren und Dienstleistungen teurer
werden.

An den Finanzmärkten werden bis Jahresende drei Leitzinserhöhungen um
je 0,25 Prozentpunkte erwartet. Mit höheren Leitzinsen kann die EZB
gegensteuern: Dies würde Kredite verteuern, was die Nachfrage bremsen
und die Inflation dämpfen kann. Sparerinnen und Sparer würden
zugleich von steigenden Zinsen profitieren.

Inflation sprunghaft gestiegen

Im April lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach einer ersten
Schätzung der Statistikbehörde Eurostat um 3,0 Prozent über dem
Niveau des Vorjahresmonats. Schon im März war die Inflationsrate mit
2,6 Prozent deutlich erhöht.

Die EZB strebt mittelfristig eine Teuerung von 2,0 Prozent im
Euroraum an. Bei dieser Marke sieht die Notenbank ihr oberstes Ziel
erreicht, für einen stabilen Euro zu sorgen und die Kaufkraft der
Menschen zu sichern. 

Sparzinsen ziehen an

Mit neuen Inflationsängsten und der Erwartung steigender Leitzinsen
sind auch die Sparzinsen gestiegen. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs
sind die Festgeldzinsen so stark geklettert wie seit 2023 nicht mehr,
wie eine Analyse des Vergleichsportals Verivox ergab. 

Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit liegen demnach im Schnitt bei 2,25
Prozent. Das seien 0,18 Prozentpunkte mehr als zu Kriegsbeginn und
der höchste Stand seit Anfang 2025. Bei fünfjährigem Festgeld gebe es

im Mittel 2,37 Prozent. Die Kehrseite: Die Inflation in Deutschland
lag zuletzt noch höher bei 2,9 Prozent, Sparer verlieren also unterm
Strich Geld.

«Beim Festgeld ist die Zinswende schon angekommen», sagt Timo Halbe
vom Geldratgeber Finanztip. «Das deutet darauf hin, dass Banken sich
auf ein länger höheres Zinsniveau einstellen.»

EZB in der Zwickmühle

Wie es mit der Geldpolitik der EZB weitergeht, hängt maßgeblich davon
ab, wie lange der Iran-Konflikt dauert und ob es bei einem zeitlich
befristeten Energiepreisschock bleibt oder die jüngste Teuerungswelle
die komplette Wirtschaft erfasst. Noch besteht Hoffnung, dass sich
die USA und der Iran am Verhandlungstisch einigen.

Schon jetzt trübt der Krieg die Konjunkturaussichten. Der
Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass die Wirtschaft im
Euroraum in diesem Jahr nur um 1,1 Prozent wachsen wird. Für Europas
größte Volkswirtschaft Deutschland sieht es mit 0,8 Prozent noch
schlechter aus. Im ersten Quartal gab es für die Wirtschaft im
Euroraum laut Eurostat ein Mini-Wachstum von gerade einmal 0,1
Prozent.

Höhere Zinsen würden Investitionen für Unternehmen verteuern. Die EZB

steckt also in einer Zwickmühle: Erhöht sie die Zinsen, um die
Inflation einzudämmen, läuft die Notenbank Gefahr, die Wirtschaft
abzuwürgen. Im schlimmsten Fall droht Stagflation: Wirtschaftsflaute
bei zugleich deutlich steigenden Preisen.

Schlechte Erinnerungen an Ukraine-Krieg

Die EZB will unbedingt verhindern, dass sie auf eine mögliche neue
Preiswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die
Ukraine 2022 stand die Notenbank in der Kritik, den damaligen
Preisanstieg lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum
schnellte zeitweise auf mehr als zehn Prozent hoch. Mit der
Energiekrise stiegen auch die Lebensmittel- und Spritpreise in
Deutschland. Die damaligen Preiserhöhungen wirken bis heute nach.