EZB wartet trotz Inflationsschub ab - Zinserhöhung im Juni? Von Jörn Bender und Alexander Sturm, dpa

30.04.2026 15:59

Teures Öl, steigende Inflation, Wirtschaftsflaute: Dennoch hält die
EZB still. Ist die Zinserhöhung nur aufgeschoben? Viel hängt vom
Iran-Krieg ab. Sparer profitieren bereits von steigenden Zinsen.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die
Leitzinsen im Euroraum trotz des Inflationsschubs infolge des
Iran-Kriegs unverändert. Der für Banken und Sparer wichtige
Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent, wie die Notenbank entschied.
Damit tasten die Euro-Währungshüter zum siebten Mal in Folge die
Zinsen im Euroraum nicht an.

Volkswirte erwarten jedoch, dass die Zentralbank im Jahresverlauf die
Zinsen anheben wird - möglicherweise schon im Juni. «Je länger der
Krieg anhält und je länger die Energiepreise auf hohem Niveau
bleiben, desto stärker wird sich dies voraussichtlich auf die
allgemeine Inflation und die Wirtschaft auswirken», sagte
EZB-Präsidentin Christine Lagarde in Frankfurt. Bereits auf der
aktuellen Sitzung des EZB-Rates sei die Möglichkeit einer
Zinserhöhung «eingehend diskutiert worden».

Die Französin mahnte zugleich die Politik: Fiskalische Notfallpakete
als Antwort auf die deutlich gestiegenen Energiepreise sollten
zeitlich begrenzt bleiben. «Reformen sind wichtiger denn je», sagte
Lagarde. 

Inflation sprunghaft gestiegen

Der Ölpreisschock infolge des Krieges im Nahen Osten hat die Teuerung
im Währungsraum nach oben getrieben: Im April lagen die
Verbraucherpreise im Euroraum nach erster Schätzung der
Statistikbehörde Eurostat um 3,0 Prozent über dem Niveau des
Vorjahresmonats. Bereits im März war die Inflationsrate mit 2,6
Prozent deutlich erhöht. Entspannung erwartet Lagarde vorerst nicht:
Kurzfristig werde die Inflation «merklich über zwei Prozent liegen».


Ökonomen fürchten, dass die gestiegenen Energiepreise auf die gesamte
Wirtschaft überspringen und viele Waren und Dienstleistungen teurer
werden. Auch der EZB-Rat sieht ein erhöhtes Risiko, dass die
Inflation weiter anzieht und zugleich das Wirtschaftswachstum
geringer ausfällt. 

Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von 2,0 Prozent im
Euroraum an. Bei dieser Marke sieht die Notenbank ihr oberstes Ziel
erreicht, für einen stabilen Euro zu sorgen und die Kaufkraft der
Menschen zu sichern. 

Mehrere Zinserhöhungen dieses Jahr erwartet

«Noch kann die EZB abwarten, aber mit jeder Woche, in der die
Rohölversorgung der Weltwirtschaft durch die Blockade im Persischen
Golf eingeschränkt bleibt, steigt für die Geldpolitik die
Notwendigkeit, die Leitzinsen zu erhöhen», sagt
Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. «Das schlägt auch auf die
Kreditzinsen durch: keine guten Nachrichten für diejenigen, die jetzt
eine Baufinanzierung benötigen.»

An den Finanzmärkten werden bis Jahresende drei Leitzinserhöhungen um
je 0,25 Prozentpunkte erwartet. Die nächste Zinsentscheidung steht am
11. Juni an. Mit höheren Zinsen kann die EZB die Inflation im Zaum
halten: Dies würde Kredite verteuern, was die Nachfrage bremsen und
die Teuerung dämpfen kann. Sparerinnen und Sparer würden zugleich von
steigenden Leitzinsen profitieren, wenn Banken diese an sie
weiterreichen.

Sparzinsen ziehen an

Mit der Erwartung steigender Leitzinsen sind die Sparzinsen bereits
gestiegen. Seit Beginn des Iran-Kriegs seien die Festgeldzinsen so
stark geklettert wie seit 2023 nicht, beobachtet das Vergleichsportal
Verivox. Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit bringen im Schnitt 2,25
Prozent, das sei der höchste Stand seit Anfang 2025. «Beim Festgeld
ist die Zinswende schon angekommen», sagt Timo Halbe vom Geldratgeber
Finanztip. «Das deutet darauf hin, dass Banken sich auf ein länger
höheres Zinsniveau einstellen.» Allerdings lag die Inflation in
Deutschland zuletzt bei 2,9 Prozent, Sparer verlieren also unter dem
Strich Geld.

EZB in der Zwickmühle

Wie es mit der Geldpolitik der EZB weitergeht, hängt maßgeblich davon
ab, wie lange der Iran-Krieg dauert und ob es bei einem zeitlich
befristeten Energiepreisschock bleibt oder die jüngste Teuerungswelle
die komplette Wirtschaft erfasst. Noch besteht Hoffnung, dass sich
die USA und der Iran am Verhandlungstisch einigen.

Schon jetzt trübt der Krieg die Konjunkturaussichten. Der
Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass die Wirtschaft im
Euroraum in diesem Jahr nur um 1,1 Prozent wachsen wird. Für Europas
größte Volkswirtschaft Deutschland sieht es mit 0,8 Prozent noch
schlechter aus. Im ersten Quartal gab es für die Wirtschaft im
Euroraum laut Eurostat ein Mini-Wachstum von gerade einmal 0,1
Prozent.

Höhere Zinsen würden Investitionen für Unternehmen verteuern. Die EZB

steckt in einer Zwickmühle: Erhöht sie die Zinsen, um die Inflation
einzudämmen, läuft sie Gefahr, die Wirtschaft abzuwürgen. Im
schlimmsten Fall droht Stagflation: Wirtschaftsflaute bei zugleich
deutlich steigenden Preisen. 

Schlechte Erinnerungen an Ukraine-Krieg

Die EZB will unbedingt verhindern, dass sie auf eine mögliche neue
Preiswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die
Ukraine 2022 stand die Notenbank in der Kritik, den damaligen
Preisanstieg lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum
schnellte zeitweise auf mehr als zehn Prozent hoch. Mit der
Energiekrise stiegen auch die Lebensmittel- und Spritpreise in
Deutschland. Die damaligen Preiserhöhungen wirken bis heute nach.