Schweiz will bei Ausländern für Durchfahrt kassieren
20.05.2026 04:00
Stau, Gebühren, Ärger: Die Schweiz plant eine neue Transitabgabe für
Ausländer - mit Folgen für Millionen Urlauber. Wie hoch sie ausfallen
soll und was Kritiker daran stört.
Zürich (dpa) - Wer auf dem Weg in die Ferien Richtung Süden die
Schweiz durchquert, soll künftig zur Kasse gebeten werden. Die
Durchfahrer ließen kein Geld im Land, verstopften nur die Straßen und
verpesteten die Luft, hieß es in einer Parlamentsdebatte, bevor die
Transitgebühr im März beschlossen wurde. Die Abgeordneten wollten
«den Deutschen die Italien-Ferien vermiesen», titelte der
«Tages-Anzeiger». Jeder, der «ohne wesentlichen Aufenthalt» durch d
ie
Schweiz fährt, soll zahlen. Was ist genau geplant?
Warum diese neue Gebühr?
Anwohner ärgern sich über Blechkolonnen an Feiertagswochenenden und
bei Ferienbeginn und -ende an den zwei wichtigsten Nord-Süd-Achsen:
von Basel nach Chiasso durch den 16,9 Kilometer langen
Gotthard-Straßentunnel oder von St. Margarethen nach Bellinzona durch
den 6,6 Kilometer langen San-Bernardino-Tunnel. Vor
Feiertagswochenenden wie Pfingsten und im Sommer staut sich der
Verkehr oft kilometerlang.
Was soll das kosten?
Noch wird an den Einzelheiten gefeilt. Im Gespräch ist eine Gebühr in
Höhe von durchschnittlich 21 Franken (rund 23 Euro). Die Durchfahrt
soll zu Spitzenzeiten besonders teuer werden, in der Hoffnung, dass
genügend Urlauber auf andere Reisezeiten ausweichen. Das Ganze soll
einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag in die Schweizer Kassen
spülen.
Bislang ist für die Autobahnnutzung nur eine Jahresvignette für 40
Franken (knapp 44 Euro) nötig. «Die Schweizer Maut ist im
europäischen Vergleich extrem niedrig», sagt Kevin Riehl, Dozent am
Institut für Transportsysteme und Verkehrsplanung der Universität ETH
in Zürich. Ob eine höhere Transitgebühr nötig sei, um den Verkehr
besser zu verteilen, müsse getestet werden.
In Österreich kostet eine Autobahn-Tagesvignette 9,60 Euro.
Zusätzlich ist am Brenner eine Gebühr von zur Zeit 12,50 Euro fällig.
Kosten wie in der Schweiz im ganzen Jahr fallen dort also praktisch
bei einer Hin- und Rückfahrt an.
Wann soll das in Kraft treten?
Das kann noch dauern. Zum einen ist die Regierung nicht begeistert
von der Parlamentsentscheidung, wird also keine Eile an den Tag
legen, die Umsetzung auszuarbeiten. Sie sagt auch, dass dafür
womöglich eine Volksabstimmung nötig sei. Das würde den Start weiter
verzögern. Sicherlich gehen noch ein, zwei Jahre oder mehr ins Land,
bevor es ernst wird.
Warum sollen nur Leute aus dem Ausland bezahlen?
Weil reine Transitfahrten für die Schweiz «ohne nennenswerten Nutzen»
sind, wie es in der angenommenen Vorlage von Nationalrat Marco Chiesa
heißt. Laut Bundesamt für Statistik machen solche Transitfahrten 31
Prozent des Personenverkehrs über die Schweizer Alpen aus. 34 Prozent
sind Leute, die aus dem Ausland zum Urlaub in die Schweiz kommen und
aus der Schweiz ins Ausland fahren, 35 Prozent ist Verkehr innerhalb
der Schweiz.
Wie soll das umgesetzt werden?
Es gibt fast 700 Grenzübergänge, wobei Langstreckenfahrer Autobahnen
und Hauptstraßen nehmen dürften, das sind dann etwa 125, sagt Riehl.
Dort wäre die Erfassung mit Hilfe von Kameras und automatischer
Nummernschilderkennung im Prinzip kein Problem.
Das Schweizer Pendant zum ADAC, der TCS, warnt vor erheblichem
Aufwand für die systematische Erfassung und Überwachung von
Fahrzeugen. «Der TCS bezweifelt daher, dass die Wirkung der
Durchfahrtsabgabe den erheblichen Ressourcenaufwand rechtfertigen
würde», sagt Sprecherin Vanessa Flack. «Er hält deren Umsetzung
jedoch weder für realistisch noch für opportun.»
Kann so eine Gebühr wirklich Staus reduzieren?
Im Prinzip ja, sagt Thomas Sauter-Servaes, Professor für Mobility
Sciences (Mobilitätswissenschaft) an der Zürcher Hochschule für
Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Man muss sich aber fragen, ob es
nicht sinnvoller wäre, gleich ganz groß zu denken und ein Mobility
Pricing für alle einzuführen.»
Gemeint sind damit Nutzungsgebühren für Straßen, die je nach
Tageszeit oder Größe des Fahrzeugs und Auslastung variieren können.
«Bislang läuft die Finanzierung der Infrastruktur zum großen Teil
über die Treibstoffsteuer, aber bei der wachsenden Zahl von
Elektrofahrzeugen wird das immer weniger», sagt er. «Ein faires
Modell wäre, wenn die, die die Straßen am stärksten nutzen - durch
schwere Autos oder viele Fahrten - auch am meisten zahlen.»
Fluggesellschaften und die Bahn machten dies schon lange so: zu
Spitzenzeiten, wenn alle fliegen oder Bahn fahren wollen, sind die
Preise höher als an anderen Tagen.
Wie kommen die Pläne in Brüssel oder Baden-Württemberg an?
Der CDU-Europaabgeordnete Andreas Schwab hält wenig von der
Transitgebühr. «Einseitige Maßnahmen dieser Art sind kein Schritt
nach vorn», sagt er auf dpa-Anfrage. «Unsere Grenzgebiete leben von
Verlässlichkeit, der Vereinfachung von Regeln sowie einem offenen und
reibungslosen Zusammenleben mit den Nachbarländern auf Augenhöhe und
ohne jegliche Diskriminierung.»
So sieht es auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Felix Schreiner aus
dem Wahlkreis Waldshut-Tiengen an der Grenze zur Schweiz.
Ausländische Autofahrerinnen und Autofahrer dürften nicht zu
Sündenböcken gemacht werden, sagt er. «Ich bin überzeugt, dass sich
verkehrspolitische Herausforderungen im Herzen Europas nur gemeinsam
lösen lassen. Der richtige Weg ist daher nicht Abschottung, sondern
mehr Kooperation.»
Sauter-Servaes, der aus Berlin stammt, gibt zu bedenken: «Wenn jedes
Land so denken würde und nur die Ausländer abkassieren will, haben
wir ein Problem. Dann würden sich Regierungen fragen: Warum soll der
Deutsche auf dem Weg in den Italienurlaub in der Schweiz zahlen, der
Schweizer auf dem Weg nach Dänemark in Deutschland aber nicht?»
