Spannungen zwischen Moskau und dem Baltikum wachsen Von Alexander Welscher und Friedemann Kohler, dpa
20.05.2026 16:08
Russland beschuldigt die baltischen Staaten, ukrainische
Drohnenangriffe zu unterstützen. Es droht mit Vergeltung. Doch die
drei EU- und Nato-Länder lassen sich nicht einschüchtern - im
Gegenteil.
Riga/Tallinn/Moskau (dpa) - Zwischen Russland und den baltischen
Staaten Estland, Lettland und Litauen verschärfen sich die
Spannungen. Auslöser sind die schmerzhaften ukrainischen
Drohnenangriffe auf den Nordwesten Russlands - Moskau gibt den Balten
eine Mitschuld. Andererseits schweifen immer wieder ukrainische
Drohnen in den Luftraum der drei EU- und Nato-Länder ab - diese
vermuten dahinter russische elektronische Kampfführung.
Estland hat eine solche Drohne abgeschossen. Am Mittwoch herrschte in
Litauen erneut Drohnenalarm. Die Staatsspitze in Vilnius wurde zum
Schutz vorübergehend in Bunker gebracht. Und in der prekären
Sicherheitslage der kleinen Ostsee-Anrainer kommt noch Streit wegen
der russischen Exklave Kaliningrad dazu.
Drohungen aus Moskau gegen Lettland
Russlands Auslandsgeheimdienst SWR warf Lettland vor, ukrainische
Drohnen würden von lettischem Gebiet aus gestartet. Ohne jeden Beleg
behauptete der Geheimdienst, ukrainische Drohneneinheiten seien
bereits auf mehreren lettischen Militärbasen stationiert.
Unverhohlen drohte der SWR, dass die «Koordinaten der
Entscheidungszentren in Lettland bekannt» seien. Selbst die
Nato-Mitgliedschaft werde das Land nicht vor Vergeltung schützen.
Diese Warnung wurde auch von Russlands UN-Botschafter Wassili
Nebensja vor dem UN-Sicherheitsrat wiederholt, dem Lettland
gegenwärtig als nichtständiges Mitglied angehört.
Beistandsbekundungen aus Brüssel
Die Regierung in Riga und die lettische UN-Vertreterin Sanita
Pavluta-Deslandes wiesen die Äußerungen als unverfrorene Lüge zurüc
k.
In einer von lettischen Medien aufmerksam registrierten Wortmeldung
setzte sich im Sicherheitsrat auch die US-Vertreterin Tammy Bruce für
Lettland ein. Die Diplomatin verurteilte die Drohungen und sagte,
dass die USA zu ihren Nato-Verpflichtungen stünden.
Beistand und Solidarität kam auch aus Brüssel. «Russlands öffentlic
he
Drohungen gegen unsere baltischen Staaten sind vollkommen
inakzeptabel», schrieb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
auf der Plattform X. Nato-Generalsekretär Mark Rutte bezeichnete die
russischen Behauptungen auf einer Pressekonferenz als «völlig absurd»
- und Russland wisse das.
Lettland spricht von Moskauer Desinformation
Lettland besprach nach Angaben von Staatspräsident Edgars Rinkevics
die Angelegenheit mit seinen Verbündeten. Die Nato sei in der Frage
vereint. Er rief die Bevölkerung zu Besonnenheit auf und schloss
nicht aus, dass Russland weiter versuchen werde, mit Falschaussagen
einzuschüchtern und Zweifel zu säen. «Wir müssen mit kühlem Kopf
darauf reagieren», sagte Rinkevics.
In Lettland wie auch den beiden anderen Staaten sehen viele die
russischen Vorwürfe als Ablenkungsmanöver. «Russische Desinformation
ist massiv, und sie versuchen damit, ihre Unfähigkeit zu
rechtfertigen, sich gegen legitime ukrainische
Selbstverteidigungsbemühungen im russischen Luftraum zu verteidigen»,
sagte die lettische Außenministerin Baiba Braze. Die Ukraine hat
wegen der Irrflüge ihrer Drohnen um Entschuldigung gebeten. Sie
vermutet, dass dabei russische Störsender im Raum St. Petersburg im
Spiel sind.
Baltenstaaten sehen sich als höchst gefährdet
Die baltischen Staaten sehen sich durch Russland gefährdet und
bereiten sich aktiv und mit hohen Militärausgaben auf eine mögliche
Aggression vor. Zwar gehören sie zur Nato. Doch auf dem Landweg
könnten deren Truppen nur über die schmale Grenze zwischen Polen und
Litauen zu Hilfe kommen - Belarus und das russische Kaliningrad sind
gefährlich nahe. Moskau versucht immer wieder, die russischen
Minderheiten in Estland und Lettland als Druckmittel zu nutzen.
In Kaliningrad, dem Gebiet um das frühere Königsberg, hat Moskau
nuklear bestückbare Iskander-Mittelstreckenraketen stationiert. Mit
einer Reichweite von rund 500 Kilometern könnten sie Berlin
erreichen. Doch Außenminister Kestutis Budrys aus Litauen sagte
unlängst, dass man Russland gerade in Kaliningrad auch wirksam
abschrecken könne.
Abschreckung gegen russische Exklave Kaliningrad
«Wir müssen den Russen zeigen, dass wir ihre kleine Festung, die sie
in Kaliningrad errichtet haben, durchdringen können. Die Nato hat die
Mittel, die russischen Luftverteidigungs- und Raketenbasen dort im
Ernstfall dem Erdboden gleichzumachen», sagte er der «Neuen Zürcher
Zeitung».
In Moskau lösten diese Worte Empörung aus. Kremlsprecher Dmitri
Peskow sprach auf Reisen in Peking von «kurzsichtigen Politikern» im
Baltikum, «die mit Russophobie durchtränkt sind», wie die russische
Nachrichtenagentur Tass meldete. Weil die baltischen Staaten
«geradezu wahnhaft russlandfeindlich» seien, handelten sie gegen ihre
eigenen Interessen.
