Brüssel traut Deutschland nur noch Mini-Wachstum zu Von Jürgen Sabel, dpa-AFX und Jörn Bender, dpa
21.05.2026 12:57
Der Ölpreisschock trifft Europa hart. Die Hoffnung auf einen
Aufschwung der größten Euro-Volkswirtschaft Deutschland schwindet.
2027 könnte es etwas besser werden - unter bestimmten Bedingungen.
Brüssel/Frankfurt (dpa) - Der Iran-Krieg macht die Hoffnung auf einen
Wirtschaftsaufschwung in Deutschland 2026 zunichte. Auch die
Europäische Kommission halbierte ihre Prognose für das
Wirtschaftswachstum der größten Volkswirtschaft Europas wegen der in
die Höhe geschnellten Energiepreise: Nur noch 0,6 Prozent Plus traut
Brüssel Deutschland im laufenden Jahr zu. Im Herbst hatte die
EU-Kommission noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,2
Prozent prognostiziert. 2027 könnte es mit 0,9 Prozent Plus etwas
besser werden.
Brüssel reiht sich ein in eine Serie trüber Ausblicke. Erst im April
hatte die Bundesregierung ihre Erwartungen für die deutsche
Wirtschaft ebenfalls halbiert, die Koalition rechnet in diesem Jahr
nur noch mit einem Mini-Wachstum von 0,5 Prozent. Das arbeitgebernahe
Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet sogar nur 0,4 Prozent
Plus.
Iran-Krieg bremst Konjunktur
Mit dem Iran-Krieg, der Ende Februar begonnen hat, haben sich die
Aussichten eingetrübt. Ökonomen erwarten, dass die von
Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft länger mit den Folgen
der nach wie vor nicht beigelegten Auseinandersetzung im Nahen Osten
zu schaffen haben wird.
Da die für den Welthandel wichtige Meerenge Straße von Hormus
faktisch gesperrt ist, sind die Rohölpreise nach oben geschnellt.
Höhere Energiepreise, besonders an Tankstellen, belasten Verbraucher
und Unternehmen, das bremst Konsum und Investitionen.
Die Bundesbank geht davon aus, dass die Auswirkungen des Krieges im
Nahen Osten die deutsche Wirtschaft im laufenden zweiten Quartal
«breiter und spürbarer» treffen werden. Die Inflationsrate in
Deutschland dürfte demnach nach ihrem Sprung auf 2,9 Prozent im April
in den kommenden Monaten erhöht bleiben. Die Industrie hierzulande
wird nach Einschätzung der Bundesbank höhere Energiepreise,
Lieferengpässe und Materialknappheit zunehmend zu spüren bekommen.
EU besonders anfällig für Energieschock
Nach Einschätzung der EU-Kommission wird sich die Wirtschaft auch in
der Europäischen Union insgesamt schwächer entwickeln als zuletzt
erwartet. Statt 1,4 Prozent Wachstum erwartet Brüssel nur noch 1,1
Prozent Plus. Für die 21 Staaten der Eurozone wurde die Prognose auf
0,9 Prozent herabgesetzt.
Bis zum Beginn des Iran-Krieges Ende Februar sei man von einem
moderaten Wachstum und einem Rückgang der Inflation ausgegangen,
schreibt die EU-Kommission. Durch den starken Anstieg der
Energiepreise verliere die Wirtschaftstätigkeit an Schwung und die
Inflation steige an.
Zudem belasteten steigende Energiekosten private Haushalte stärker
und trieben die Betriebskosten für Unternehmen in die Höhe. «Als
Nettoenergieimporteur ist die Wirtschaft der EU besonders anfällig
für den durch den Konflikt im Nahen Osten verursachten
Energieschock», hält die EU-Kommission fest.
Aufschwung 2027?
Für das nächste Jahr erwartet die Kommission etwas Verbesserung,
sofern sich die Lage auf den Energiemärkten entspannt. Entscheidend
für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sei die Dauer des
Konflikts im Nahen Osten. Ohnehin ist der Iran-Krieg nicht die
einzige Belastung für die Konjunktur: Vor allem die USA mit ihrer
Zollpolitik sorgen immer wieder für Verunsicherung.
In Deutschland ist die Hoffnung groß, dass die hierzulande geplanten
Milliardeninvestitionen in Straßen, Schienen und Verteidigung die
Konjunktur spätestens 2027 deutlicher anschieben werden. Doch die
Bundesregierung steht zunehmend unter Druck, grundlegende Reformen
anzuschieben, um die seit Jahren schwächelnde deutsche Wirtschaft
zukunftsfähig zu machen: Rente, Steuern, Arbeitsmarkt,
Bürokratieabbau.
Keine Entlastung bei den Verbraucherpreisen
Die Verbraucherpreise dürften der EU-Kommission zufolge stärker
steigen als erwartet. Für Deutschland wird in diesem Jahr eine
Inflationsrate von 2,9 Prozent erwartet. Bisher war die Behörde von
2,1 Prozent ausgegangen. In der EU wird mit einem Anstieg der
Teuerungsrate auf 3,1 Prozent gerechnet, für die Eurozone werden 3,0
Prozent prognostiziert.
Zur Einordnung: Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt auf mittlere
Sicht für den Euroraum eine Teuerungsrate von zwei Prozent an. Mit
dem Ölpreisschub im Zuge des Iran-Krieges legte die Inflation im
Euroraum zuletzt deutlich zu. Im April lagen die Verbraucherpreise im
Währungsraum um 3,0 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats.
Je höher die Inflation, umso geringer die Kaufkraft der Menschen. Sie
können sich für einen Euro dann weniger leisten. Der private Konsum
ist eine wichtige Stütze für die Konjunktur. Volkswirte rechnen
damit, dass die EZB im Juni die Leitzinsen im Euroraum anheben wird,
um die Inflation im Zaum zu halten. Höhere Zinsen würden Kredite
verteuern, was die Nachfrage bremsen und die Teuerung dämpfen kann.
Sparerinnen und Sparer würden von steigenden Leitzinsen profitieren,
wenn Banken diese an sie weiterreichen.
