Russland setzte Oreschnik-Rakete ein - erstmals nahe Kiew Von Ulf Mauder, dpa

24.05.2026 13:08

Der ukrainische Präsident Selenskyj fordert eine internationale
Reaktion auf die massiven russischen Luftangriffe gegen Kiew.
Besonders das Entsetzen über eine neue gefürchtete Waffe Moskaus ist
groß.

Kiew/Moskau (dpa) - Russland hat in der Ukraine erneut die wegen
ihrer Zerstörungskraft besonders gefürchtete neue
Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik eingesetzt - erstmals nahe der
Hauptstadt Kiew. Es handle sich um eine Antwort auf die
«terroristischen Angriffe» der Ukraine auf zivile Objekte in
Russland, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Nach
ukrainischen Angaben schlug die Rakete in der Großstadt Bila Zerkwa
im Kiewer Gebiet ein.

Die russische Militärführung behauptete, dass bei kombinierten
Angriffen mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen
unter anderem Ziele der ukrainischen Rüstungsindustrie, militärische
Infrastruktur und Kommandostellen getroffen worden seien. Diese
Angaben sind nicht unabhängig überprüfbar und nicht bestätigt von
ukrainischer Seite.

Die auch in Belarus von Moskau stationierte Oreschnik-Rakete (auf
Deutsch: Haselstrauch) kann sowohl konventionelle als auch atomare
Sprengköpfe tragen. Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu
12.000 Kilometer pro Stunde und ihre Reichweite von bis zu 5.000
Kilometer machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten
europäischen Kontinent.

Selenskyj kritisiert Oreschnik-Einsatz als «unverantwortlich»

«Das ist wirklich unverantwortlich. Es ist wichtig, dass dies für
Russland nicht ohne Folgen bleibt», sagte Selenskyj. Zu Schäden in
Bila Zerkwa machte er keine Angaben. Es war demnach bereits der
dritte Einsatz der Waffe in dem russischen Angriffskrieg gegen die
Ukraine - einmal ohne Sprengköpfe in Dnipro im Südosten der Ukraine
und zuletzt im Januar in der Westukraine.

Selenskyj hatte bereits am Vorabend unter Berufung auf Informationen
westlicher Geheimdienste vor einem neuen Angriff mit einer
Oreschnik-Rakete gewarnt.

Zuvor hatte die ukrainische Flugabwehr von einem kombinierten Angriff
mit 600 Drohnen, 90 Raketen und Marschflugkörpern gesprochen. In der
Auflistung der ballistischen Raketen war Oreschnik zunächst nicht
aufgeführt. 604 Flugobjekte seien zerstört oder abgefangen worden,
hieß es.

Tote und Dutzende Verletzte in Kiew

«Leider konnten nicht alle ballistischen Raketen abgeschossen werden.
Die meisten Treffer gab es in Kiew, und genau Kiew war das Hauptziel
dieses russischen Angriffs», sagte Selenskyj. «Drei russische Raketen
gegen eine Wasserversorgungsanlage, ein Markt wurde niedergebrannt,
Dutzende Wohnhäuser und mehrere normale Schulen wurden beschädigt.»
 

Auch das Museum zur Erinnerung an die Atomkatastrophe von Tschernobyl
sei praktisch zerstört worden. Schäden gebe es außerdem am Gebäude

des nationalen Kunstmuseums, in dem auch der deutsche Fernsehsender
ARD sein Studio habe, teilte der Präsident mit. 

69 Menschen seien in der Hauptstadt verletzt und 2 weitere getötet
worden, sagte Selenskyj. Nach einem Gespräch mit Frankreichs
Präsident Emmanuel Macron teilte er mit: «Es ist wichtig, dass
Russland versteht, dass es für alle seine Verbrechen die
Verantwortung tragen muss.»

EU: Abscheuliche Terrorakte Russlands

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verurteilte den Angriff
Russlands. Moskau setze die Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik
als politische Einschüchterungstaktik ein. «Russland ist auf dem
Schlachtfeld in einer Sackgasse gelandet, weshalb es die Ukraine mit
gezielten Angriffen auf Stadtzentren terrorisiert», schrieb sie auf
der Plattform X. 

«Diese abscheulichen Terrorakte sind darauf ausgelegt, so viele
Zivilisten wie möglich zu töten.» Bei ihrem Treffen in der kommenden

Woche würden die EU-Außenminister besprechen, wie der internationale
Druck auf Russland weiter erhöht werden könne, so die
EU-Außenbeauftragte. 

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilte bei X mit, dass
Russland seine Missachtung für Menschenleben und
Friedensverhandlungen zeige. «Terror gegen Zivilisten ist nicht
Stärke. Es ist Verzweiflung.»

Es handelte sich um einen der schwersten russischen Luftangriffe in
dem seit mehr als vier Jahren andauernden Moskauer Angriffskrieg
gegen die Ukraine. Das russische Verteidigungsministerium berichtete,
dass außerdem ballistische Raketen vom Typ Iskander,
Hyperschallraketen vom Typ Kinschal und Marschflugkörper vom Typ
Zirkon eingesetzt worden seien.

Medwedew fordert noch härtere Schläge gegen Kiew

Die «harte Antwort» sei nach der Tötung von Kindern hervorgerufen
worden, sagte der Vizechef des russischen nationalen
Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew. «Lasst alles brennen mit blauen
Flammen!», schrieb der frühere Präsident bei Telegram mit Blick auf
die Explosionen, Brände und Zerstörungen in Kiew. 

«Wir müssen zuschlagen - wie heute und sogar noch stärker», sagte
Medwedew. Ruinen und Asche in der Hauptstadt könnten den Feind
entmutigen. Zugleich meinte Medwedew, dass die Ukraine die Bilder der
Verwüstung nutzen könne, um bei den westlichen Verbündeten mehr
Waffen und Geld zu erbitten für den Krieg.

Der Angriff gilt vor allem als Antwort auf einen ukrainischen Angriff
auf eine Berufsschule am Freitag in dem von Russland besetzten Gebiet
Luhansk. Dabei starben 21 junge Menschen, Dutzende wurden verletzt. 

Selenskyj reagiert mit Häme auf Putin-Auftritt

Selenskyj warf Putin vor, mit seinen Raketen Wohnhäuser zu zerstören
- und «nicht einmal mehr das Wort «Hurra» richtig aussprechen» zu
können. Der russische Präsident «lallt», meinte Selenskyj mit Blick

auf einen Auftritt Putins am Freitag im Kreml vor Absolventen des
Ausbildungsprogramms «Zeit der Helden». Ein auch von Staatsmedien
verbreitetes Video zeigt Putin, wie er am Ende ein dreifaches «Hurra»
als Zeichen seiner Siegesgewissheit in dem Krieg ausruft - es klingt
für seine Verhältnisse ungewöhnlich kraftlos.

Selenskyj meinte, dass alles getan werden müsse, um Frieden zu
schaffen und die Menschen zu schützen. Dabei seien auch
Entscheidungen der USA, Europas und anderer Verbündet nötig, damit
der alte Kremlchef - Selenskyj nannte ihn einen alten «Oreschnik» -
lerne, das Wort «Frieden» auszusprechen.