EU setzt auf neue Rohstoffroute durch Afrika Von Kristin Palitza, dpa
28.05.2026 06:00
Mitten durch den Mineralgürtel Afrikas zieht sich eine neue
Eisenbahnlinie. Für Europa eine große Chance. Für China unerwünscht
e
Konkurrenz.
Lobito, Angola (dpa) - Alles, was man für die Energiewende braucht,
kann hier gefunden werden: in den rohstoffreichen Bergbauregionen der
Demokratischen Republik Kongo und Sambias, und auch weiter
südwestlich, in Angola. Eine neue Bahnroute soll kritische
Bodenschätze für moderne Schlüsseltechnologien wie Kupfer, Kobalt,
Lithium, Coltan, Nickel und seltene Erden nach Europa bringen. Der
sogenannte Lobito-Korridor verspricht schnellen, sicheren und
günstigen Transport. Vor allem soll er Chinas wachsendem Einfluss in
Afrika etwas entgegensetzen.
Bei ihrem China-Besuch diese Woche hat Bundeswirtschaftsministerin
Katherina Reiche (CDU) verlässliche Zugänge und faire
Marktzugangsbedingungen zu kritischen Rohstoffen und seltenen Erden
angemahnt. Berlin ist bei strategisch wichtigen Gütern stark abhängig
von Peking. Das führe zu wirtschaftlicher Verwundbarkeit, warnen
Experten, auch weil China Deutschlands Abhängigkeit zunehmend als
politisches Druckmittel nutze. Alternative Lieferketten gelten daher
als unabdingbares Risikomanagement für die deutsche Wirtschaft.
Als Gegenmodell zu Chinas Neuer Seidenstraße hat die Europäische
Union (EU) ihre globale Infrastrukturinitiative «Global Gateway»
konzipiert, deren Flagschiff der Lobito-Korridor ist. Auch die USA
investieren stark. «Wer bei dem Projekt vorn mitmischt, wird sich
einen großen Teil des Mineralreichtums Afrikas sichern können»,
glaubt der angolanische Ökonom Benedito Mavo. Das Megaprojekt werde
zu einer der wichtigsten Transportwege weltweit werden. Zahlreiche
europäische und deutsche Unternehmen sind schon involviert.
Strategischer Handelskorridor
Der Lobito-Korridor ist längst mehr als Zukunftsmusik. Der längste
Teil der geplanten Bahnstrecke ist bereits in Betrieb und verläuft
über knapp 1.800 Kilometer von der kongolesischen Industriestadt
Kolwezi bis an den angolanischen Atlantikhafen Lobito. Die Konzession
hält ein europäisches Konsortium unter dem Namen «Lobito Atlantic
Railway» (LAR), bestehend aus dem Rohstoffhändler Trafigura, dem
Bauunternehmen Mota-Engil und dem Bahnbetreiber Vecturis.
Vom Hafen in Lobito ist es über den Atlantischen Ozean ein relativ
kurzer Wasserweg bis nach Westeuropa oder in die USA. Was noch fehlt,
sind 450 Kilometer Gleise ins Herz des sambischen Kupfergürtels,
beziehungsweise eine 800 Kilometer lange Alternativroute, die direkt
von Angola nach Sambia führt. Diese sollen bis 2028 fertig sein.
In Afrika befinden sich nach Angaben des Umweltprogramms der
Vereinten Nationen rund 30 Prozent der weltweiten Bodenschätze. Der
Kongo und Sambia gehören zu den größten Produzenten von Kupfer, das
in Solarmodulen und Windkraftanlagen verwendet wird. Der Kongo ist
zudem einer der weltweit größten Produzenten von Kobalt, das für
Batterien von Elektroautos nötig ist. Auch Angola verfügt neben
großen Ölvorkommen über kritische Mineralvorkommen für moderne
Schlüsseltechnologien.
Europas Antwort auf Chinas Neue Seidenstraße
In vergangenen Jahrzehnten hat Peking in ganz Afrika Straßen, Häfen,
Bahnlinien und andere Infrastrukturprojekte gebaut und sich so
Zugriff auf die reichen Bodenschätze des Kontinents gesichert. Zudem
kontrolliert China viele Minen und Verarbeitungsbetriebe für
kritische Mineralien in Afrika. Der Westen war lange abwesend. Der
Lobito-Korridor soll dieses Versäumnis korrigieren und Europa und den
USA eine eigene, zuverlässige Rohstoffachse sichern.
Im Rahmen von «Global Gateway» stellen die EU und neun
Mitgliedstaaten, einschließlich Deutschland, Investitionen in Höhe
von über 2 Milliarden Euro bereit. Die USA haben bereits Hunderte
Millionen Dollar zugesagt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
hatte bei seinem Besuch in Angola im November 2025 deutsche
Unternehmen ausdrücklich zu Investitionen entlang der Strecke
aufgerufen, die «wirtschaftlich von ungeheurer Bedeutung» sei.
Die deutsche Industrie - von der Automobilbranche über den
Maschinenbau bis zur Chemie - ist in hohem Maße auf kritische
Rohstoffe angewiesen. Ein gut funktionierender Lobito-Korridor würde
deutschen Unternehmen direktere, transparentere und politisch weniger
riskante Lieferketten ermöglichen. Und die Abhängigkeit von China
reduzieren.
Zeit, Geld und CO2-Emissionen sparen
Bisher werden Rohstofflieferungen hauptsächlich per Lkw auf maroden
Straßen an weit entfernte Häfen transportiert. Entweder bis nach
Durban in Südafrika, auf einer gut 3.000 Kilometer langen Strecke,
für die ein Lastwagen etwa vier Wochen braucht. Oder rund 2.200
Kilometer nach Daressalam in Tansania - trotz des kürzeren Wegs eine
Fahrtdauer von rund 35 Tagen.
Schlechtes Wetter, Unfälle und Verzögerungen an Grenzübergängen
tragen zu langen Transportzeiten bei. Von Kolwezi bis nach Lobito
sind es mit der Bahn dagegen nur sieben Tage, sagt
LAR-Geschäftsführer Nicolas Gregoir. Das spare Zeit, Geld und
CO2-Emissionen. Ein weiterer Vorteil des Lobito-Korridors: Entlang
der westafrikanischen Küste ist das Risiko der Piraterie geringer als
an der Küste vor dem Horn von Afrika, wo besonders vor Somalia immer
wieder Angriffe auf Schiffe gemeldet werden.
Das europäische Konsortium hat den kommerziellen Güterverkehr auf der
Strecke offiziell im Februar 2024 aufgenommen. Sechs Monate später
fuhr die erste Kupferlieferung aus dem Kongo mit Ziel USA über die
Schienen. Im Mai 2026 folgte der erste Kobalttransport. Nach Angaben
von Gregoir wurden 2025 rund 200.000 Tonnen internationale Fracht
befördert. Das seien im globalen Vergleich zwar geringe Mengen, doch
die Kapazität steige stetig. Ziel sei eine Million Tonnen pro Jahr.
Auch am Hafen von Lobito sind Sanierungsarbeiten im Gang, um für
Rohstofftransporte in großem Volumen bereit zu sein. Bahnschienen
werden bis direkt an den Trockenhafen und an Frachtterminals gelegt.
Das Hafenbecken wird vertieft, damit auch die weltweit größten
Containerschiffe mit Tiefgängen von bis zu 17 Metern anlegen können.
Fünfzehn Autominuten entfernt ist ein internationaler Flughafen in
Betrieb.
Deutsche Unternehmen am Zug
Der Korridor werde bald zum Knotenpunkt für Transporte Richtung USA
und EU werden, glaubt der Hapag-Lloyd-Vertriebsleiter für Angola,
Marco Ligeiro. Die Reederei hat bereits Kupfer über den
Lobito-Korridor nach Asien und Europa transportiert. Auch Kunden von
DHL Global Forwarding zeigten reges Interesse an der Bahnstrecke,
sagt deren Geschäftsführer für Sub-Sahara Afrika, Egidio Monteiro.
Um einen Auftrag zur Verbesserung der Fahrgeschwindigkeit und
Sicherheit des Lobito-Korridors bewirbt sich derzeit die Bahnsparte
Mobility von Siemens. Die deutsche Firma Gauff GmbH hat einen Auftrag
für den Bau eines 170 Kilometer langen Straßenabschnitts gewonnen,
der zwischen den angolanischen Städten Munhango und Luena parallel
zum Eisenbahnkorridor verlaufen soll.
