EU-Kommission: Unabhängigkeit bei Chips und Clouds retten Von Niklas Treppner, Ann-Kristin Wenzel und Christoph Dernbach, dpa
03.06.2026 15:39
Gefährliche Abhängigkeit? Wichtige Daten liegen bei
US-Cloud-Anbietern, Europas Autoindustrie zählt auf Chips aus China.
Brüssel schlägt vor, wie eine digitale Entflechtung funktionieren
könnte.
Brüssel (dpa) - Die EU-Kommission will mit einem umfassenden
Maßnahmenpaket dafür sorgen, dass Europa unabhängiger von digitaler
Infrastruktur aus den USA und China wird. Dafür soll unter anderem
die Nachfrage nach europäischen Halbleitern wachsen, wie aus einem
Vorschlag der Brüsseler Behörde hervorgeht.
Zudem soll der öffentliche Sektor in Deutschland und anderen
Mitgliedsländern bei der Speicherung von sensiblen Daten in Clouds
sorgfältig auswählen, wem die Daten anvertraut werden und mehr auf
europäische Lösungen setzen.
Trump den Ausschalter wegnehmen?
Hintergrund sind unter anderem Sorgen, China oder die US-Regierung
unter Präsident Donald Trump könnten durch Sanktionen oder
Exportkontrollen das Angebot von Tech-Firmen für europäische Kunden
einschränken - oder die europäische Industrie angesichts der
Konkurrenz dauerhaft abgehängt werden. Experten gehen davon aus, dass
die EU bei über 80 Prozent ihrer digitalen Produkte, Dienstleistungen
und der Infrastruktur strukturell von Anbietern außerhalb der EU
abhängig ist.
Besonders wegen des von den US-Konzernen dominierten Cloud-Marktes
gibt es in Europa die Angst vor einem Ausschalter («Kill-Switch») in
den Händen von US-Präsident Trump. Spätestens seit dessen zweiter
Amtszeit wird die US-Übermacht als potenzielle Bedrohung
eingeschätzt. Zugleich könnten zu drastische Einschränkungen für
Wettbewerber aus den Vereinigten Staaten Trump verärgern und das
ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Washington und Europa weiter
belasten.
Warum die Cloud-Abhängigkeit ein Problem sein könnte
Die digitalen Anwendungen der modernen Wirtschaft laufen nicht mehr
auf lokalen Servern, sondern in der Cloud. Und hier ist die
europäische Abhängigkeit eklatant. Über 70 Prozent des europäischen
Cloud-Marktes werden von nur drei US-Giganten beherrscht: Amazon Web
Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud. Europäische
Alternativen wie OVHcloud oder Schwarz Digits spielen im globalen
Maßstab bislang nur eine untergeordnete Rolle.
In Europa wird daher besonders kritisch gesehen, dass US-Anbieter
durch Vorgaben der Politik gezwungen werden können, Dienste in
bestimmten Fällen abzuklemmen. So wurden Anfang 2025 Richter des
Internationalen Strafgerichtshofs über Nacht von ihren
Microsoft-Konten getrennt, weil sie plötzlich auf einer
Sanktionsliste der USA standen. Zudem wollen sich die Europäer nicht
mit dem US-Cloud Act abfinden, der den Behörden in den Vereinigten
Staaten den Zugriff auf Daten bei den US-Firmen ermöglicht.
Mitgliedsländer sollen Risiken bei Cloud-Diensten beachten
Daher sollen Deutschland und andere EU-Staaten nach den Vorschlägen
aus Brüssel künftig bei der Nutzung von Cloud-Diensten im
öffentlichen Sektor, also in der Verwaltung, in Schulen oder bei der
Bundeswehr, verschiedene Sicherheitsstufen (1-4) berücksichtigen.
Je nachdem, wie wichtig und sensibel die Daten sind, die dort
hinterlegt werden sollen, müssten Anbieter dann entsprechend strenge
Kriterien erfüllen, um den Zuschlag zu bekommen. So wäre das in einer
Cloud abgespeicherte Menü in einer Kantine eher Stufe 1. Die
Gebäudepläne von Militäreinrichtungen könnten dagegen als Stufe 4
bewertet werden.
Besonders sensible Bereiche sollen immun gegen Eingriffe sein
Wer auf der höchsten Stufe seine Dienste anbieten möchte, muss vor
allem sicherstellen, dass Drittstaaten keine Chance haben
einzugreifen. Das würde die großen Anbieter aus den USA vermutlich
ausschließen. Allerdings sollen Deutschland und die anderen
EU-Staaten selbst die Sicherheitsstufen für die verschiedenen
Bereiche der öffentlichen Verwaltung festlegen.
Für die private Wirtschaft gibt es zwar die gleiche Empfehlung,
verbindlich sollen die EU-Regeln hier aber in jedem Fall nicht sein,
betonten ranghohe Mitarbeiter der EU-Kommission.
Mehr Mikrochips aus Europa
Neben Clouds soll Europa dem Vorschlag der EU-Kommission nach auch
bei Mikrochips mehr auf eigenen Beinen stehen. Mikrochips werden
unter anderem aus Halbleitermaterial, insbesondere Silizium,
hergestellt, und in nahezu allen modernen Gegenständen gebraucht -
etwa in Smartphones, Computern und Autos.
In der EU gibt es mit dem niederländischen Konzern ASML immerhin
einen wichtigen Player in der Chipindustrie. Hier ist es umgekehrt:
Die USA und auch Taiwan sind komplett von ASML abhängig, das
Maschinen für hoch entwickelte Chips baut. Bei der tatsächlichen
Fertigung der modernsten Mikrochips (unter 3 Nanometer) ist Europa
jedoch ein Entwicklungsland und wiederum auf Hersteller aus Taiwan
und Südkorea angewiesen.
Mikroelektronik gilt als Schlüsseltechnologie
Die Vorschläge der Brüsseler Behörde sehen vor, die Mitgliedstaaten
dazu anzuregen, bei öffentlichen Aufträgen auf Mikrochips aus Europa
zurückzugreifen. Angekündigt werden außerdem schnellere
Genehmigungsverfahren, eine vertiefte Zusammenarbeit und ein neues
Exzellenzlabel für Europas Halbleiterregionen. Letzteres soll helfen,
Investoren zu überzeugen.
Ein EU-Beamter nannte als Beispiel die ESMC-Baustelle in Dresden als
«größte Baustelle Europas». Dort soll eine moderne Halbleiterfabrik
entstehen. Ein Label «Exzellenzregion für Halbleiter» könne es
Regionen erleichtern, sich zu profilieren, Investoren anzuziehen und
solche Produktionsstätten vorzubereiten, sagte der Beamte.
Die Mikroelektronik gilt als Schlüsseltechnologie. Die EU hat das
Ziel, ihren Anteil an der weltweiten Halbleiterfertigung bis 2030 auf
20 Prozent zu steigern. Derzeit liegt der Anteil laut EU-Kommission
bei rund 10 Prozent.
Künstliche Intelligenz: Rechenpower gesucht
KI treibt derzeit mit hohem Tempo die technologische Veränderung an.
Und dabei sitzt Europa wieder nur in der zweiten Reihe. Zwar verfügt
der alte Kontinent mit Start-ups wie Mistral AI in Frankreich über
exzellente Softwareschmieden, doch ansonsten tun sich die
europäischen Player schwer.
KI benötigt vor allem zwei Ressourcen: gewaltige Datenmengen und
gigantische Rechenkapazitäten. Der europäische Markt für Künstliche
Intelligenz soll den Plänen der EU-Kommission nach nun durch neue
KI-Zentren gestärkt werden.
Ziel sei es, die Kapazität von Rechenzentren in Europa in den
nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen, teilte die
EU-Kommission mit. Voraussichtlich im Juli will die Behörde eine
Ausschreibung für KI-Gigafabriken veröffentlichen.
Von der Leyen mahnt - Digitalverband lobt Vorstoß
Bevor die Vorschläge umgesetzt werden können, müssen sich die
EU-Staaten und das Europaparlament noch damit befassen und ihnen
zustimmen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnte:
«Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die den
Betrieb unserer Krankenhäuser, die Stabilität unserer Energienetze
und die Sicherheit unserer Dienste gewährleisten, von anderen
abhängig zu sein.»
Der deutsche Digitalverband Bitkom begrüßte die Vorschläge aus
Brüssel. Präsident Ralf Wintergerst lobte, die EU-Kommission setze
die richtigen Akzente. Gleichzeitig brauche Europa nun Tempo.
