Ukraine-Krieg: Europäer drängen an den Verhandlungstisch Von Michael Fischer, dpa
07.06.2026 05:00
Die Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges liegen auf Eis,
stattdessen verschärft sich das Kampfgeschehen. In dieser Situation
starten die Europäer eine neue diplomatische Initiative.
Berlin/London (dpa) - Der neue Vorstoß des ukrainischen Präsidenten
Wolodymyr Selenskyj für Gespräche mit Russland über ein Ende des
Ukraine-Krieges ist zunächst ins Leere gelaufen. Der russische
Staatschef Wladimir Putin hat ihn am Freitag abgeblockt. Trotzdem
setzt man im Berliner Kanzleramt und anderen europäischen
Regierungszentralen darauf, dass sich Putin langfristig Verhandlungen
nicht entziehen kann. Und eins ist für die Europäer klar: Wenn es
dazu kommt, wollen sie mit am Tisch sitzen.
Um sich darauf vorzubereiten, kommen heute in London Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU), der französische Präsident Emmanuel Macron und
der britische Premierminister Keir Starmer mit dem ukrainischen
Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zusammen.
Wie ist der derzeitige Stand der diplomatischen Bemühungen?
Die USA bemühen sich seit Anfang vergangenen Jahres um Vermittlung
zwischen Russland und der Ukraine. US-Präsident Donald Trump hat sich
dazu im vergangenen August mit Putin in Alaska getroffen, es wurde
ein Friedensplan ausgearbeitet und es gab intensive Pendeldiplomatie.
Inzwischen sind die Bemühungen aber weitgehend zum Erliegen gekommen
und die Amerikaner scheinen das Interesse daran zu verlieren.
US-Außenminister Marco Rubio sagte vor zwei Wochen, aus US-Sicht
könnten gerne auch andere versuchen, den Krieg in der Ukraine zu
beenden.
Wie waren die Europäer bisher beteiligt?
Deutschland, Frankreich und Großbritannien waren als sogenannte E3
schon im vergangenen Jahr involviert und nahmen die Rolle der
europäischen Unterhändler ein. Zuletzt waren sie aber nur noch
Zuschauer. Angesichts des schwindenden Engagements der US-Amerikaner
sehen sie nun eine Chance, zurück ins Spiel zu kommen. «Langsam
öffnet sich ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit
Russland», heißt es aus deutschen Regierungskreisen.
Wie sehen Merz und Co. ihre Rolle?
Anders als die USA sehen die Europäer sich nicht als Vermittler,
sondern als Verbündete der Ukraine. Sie unterstützen das Land massiv
mit Waffenlieferungen und belegen Russland gleichzeitig mit
Sanktionen, um Druck auf Moskau aufzubauen, den Krieg zu beenden.
Wenn sie in die Verhandlungen einsteigen, werden sie an der Seite der
Ukraine stehen und nicht als Moderator auftreten.
Wie sieht Putin eine Beteiligung Europas?
Er steht ihr grundsätzlich offen gegenüber, hat aber seine eigenen
Vorstellungen. So brachte er den früheren Bundeskanzler Gerhard
Schröder als europäischen Unterhändler ins Spiel und traf sich mit
ihm diese Woche im Moskauer Kreml. Schröder war nach seiner
Kanzlerschaft als Lobbyist bei russischen Energieunternehmen
eingestiegen. Er hat sich zwar vom russischen Angriff auf die Ukraine
distanziert, seine freundschaftliche Verbindung zu Putin aber weiter
aufrecht gehalten.
Kommt Schröder für die Europäer als Unterhändler in Frage?
Auf deutscher Seite wird der Vorstoß Putins als Provokation gesehen
und nicht ernst genommen. Auch andere Vorschläge wie Ex-Kanzlerin
Angela Merkel oder der frühere EZB-Chef Mario Draghi dürften für die
Bundesregierung nicht in Frage kommen. Sie ist der Auffassung, dass
Regierungen den Prozess steuern sollten. «Es spricht einiges dafür,
dass die E3 dabei weiter eine wichtige Rolle spielen werden», heißt
es aus deutschen Regierungskreisen.
Wie sehen die Europäer die Rolle der Amerikaner?
Sie sollen aus Sicht der Bundesregierung auf jeden Fall im Boot
bleiben. Man wolle «Koordinierung statt Konkurrenz» mit den
Amerikanern, heißt es. Und mit den anderen Europäern strebe man eine
«größtmögliche Abstimmung» an.
Worüber wird in London geredet?
Bevor es darum geht, wer die Unterhändler sind, soll die inhaltliche
Linie für mögliche Verhandlungen geklärt werden. Aus deutscher Sicht
braucht es für den weiteren Prozess einen «klaren politischen
Kompass» und ein «klares Zielbild». Darum wird es in London wohl in
erster Linie gehen.
Wie ist die zeitliche Perspektive für Verhandlungen?
Das ist die große Frage. Derzeit nehmen die Kampfhandlungen zwischen
Russland und der Ukraine zu. Aber gerade die heftigen Kämpfe mit
großen Verlusten auf beiden Seiten könnten die Bereitschaft zu
Verhandlungen erhöhen. Auf deutscher Seite erwartet man aber, dass
dies «nicht Wochen, sondern Monate dauern» werde.
