Europäer wollen Ukraine-Diplomatie wieder in Gang bringen Von Michael Fischer und Patricia Bartos, dpa

07.06.2026 20:51

Die Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges liegen auf Eis,
die USA scheinen das Interesse daran zu verlieren. Nun bemühen sich
die Europäer um neue Impulse.

London (dpa) - Deutschland, Frankreich und Großbritannien wollen die
stockenden Bemühungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs wieder in Gang
bringen. Kanzler Friedrich Merz, Präsident Emmanuel Macron und
Premierminister Keir Starmer kamen am Sonntagabend in der Londoner
Regierungszentrale Downing Street Nr. 10 zusammen, um über weitere
Unterstützung für die Ukraine und die Chancen für Verhandlungen mit
Russland zu beraten. Wenig später traf auch der ukrainische Präsident
Wolodymyr Selenskyj ein.

Vor dem Vierer-Gipfel bekräftigte Selenskyj, dass die Europäer an
möglichen Friedensgesprächen mit Russland teilnehmen sollen. «Europa

muss Teil der Verhandlungen sein und sich stark zeigen», schrieb er
auf X. Neben den diplomatischen Bemühungen werde es bei dem Treffen
um Militärhilfe für den Abwehrkampf gegen Russland und die gemeinsame
Stärkung der europäischen Luftverteidigung gehen. Es sei wichtig,
«alles zu erörtern und uns auf der Ebene der Staats- und
Regierungschefs auf die wesentlichen Punkte zu einigen», schrieb der
ukrainische Präsident.

Selenskyj hatte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am
Donnerstag direkte Gespräche vorgeschlagen, war damit aber zunächst
auf dessen Ablehnung gestoßen. Trotzdem will sich der ukrainische
Staatschef nun mit den europäischen Verbündeten auf mögliche neue
Verhandlungen vorbereiten. 

Wie ist der derzeitige Stand der diplomatischen Bemühungen?

Die USA vermitteln seit Anfang vergangenen Jahres zwischen Russland
und der Ukraine. Inzwischen sind die Bemühungen aber weitgehend zum
Erliegen gekommen und die Amerikaner scheinen das Interesse daran zu
verlieren. US-Außenminister Marco Rubio sagte vor zwei Wochen, aus
US-Sicht könnten gerne auch andere versuchen, den Krieg in der
Ukraine zu beenden. 

Wie waren die Europäer bisher beteiligt?

Deutschland, Frankreich und Großbritannien waren als sogenannte E3
schon im vergangenen Jahr involviert und nahmen die Rolle der
europäischen Unterhändler ein. Zuletzt waren sie aber nur noch
Zuschauer. Angesichts des schwindenden Engagements der US-Amerikaner
sehen sie nun eine Chance, zurück ins Spiel zu kommen. «Langsam
öffnet sich ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit
Russland», heißt es aus deutschen Regierungskreisen. 

Wie sehen Merz und Co. ihre Rolle?

Anders als die USA sehen die Europäer sich nicht als Vermittler,
sondern als Verbündete der Ukraine. Sie unterstützen das Land massiv
mit Waffenlieferungen und belegen Russland gleichzeitig mit
Sanktionen, um Druck auf Moskau aufzubauen, den Krieg zu beenden.
Wenn sie in die Verhandlungen einsteigen, werden sie an der Seite der
Ukraine stehen und nicht als Moderator auftreten.

Wie sieht Putin eine Beteiligung Europas?

Putin steht einer europäischen Beteiligung grundsätzlich offen
gegenüber, hat aber seine eigenen Vorstellungen. So brachte er den
früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder als europäischen Unterhändl
er
ins Spiel und traf sich mit ihm diese Woche im Moskauer Kreml.
Schröder war nach seiner Kanzlerschaft als Lobbyist bei russischen
Energieunternehmen eingestiegen. Er hat sich zwar vom russischen
Angriff auf die Ukraine distanziert, seine freundschaftliche
Verbindung zu Putin aber weiter aufrecht gehalten. 

Kommt Schröder für die Europäer als Unterhändler infrage?

Auf deutscher Seite wird der Vorstoß Putins als Provokation gesehen
und nicht ernst genommen. Auch andere Vorschläge wie Ex-Kanzlerin
Angela Merkel oder der frühere EZB-Chef Mario Draghi dürften für die

Bundesregierung nicht infrage kommen. Sie ist der Auffassung, dass
Regierungen den Prozess steuern sollten. «Es spricht einiges dafür,
dass die E3 dabei weiter eine wichtige Rolle spielen werden», heißt
es aus deutschen Regierungskreisen. 

Wie sehen die Europäer die Rolle der Amerikaner?

Die Amerikaner sollen aus Sicht der Bundesregierung auf jeden Fall im
Boot bleiben. Man wolle «Koordinierung statt Konkurrenz» mit den
Amerikanern, heißt es. Und mit den anderen Europäern strebe man eine
«größtmögliche Abstimmung» an. 

Wie ist die zeitliche Perspektive für Verhandlungen?

Wie lange es noch bis zu Verhandlungen dauern wird, ist völlig offen.
Derzeit nehmen die Kampfhandlungen zwischen Russland und der Ukraine
zu. Aber gerade die heftigen Kämpfe mit großen Verlusten auf beiden
Seiten könnten die Bereitschaft zu Verhandlungen erhöhen. Auf
deutscher Seite erwartet man aber, dass dies «nicht Wochen, sondern
Monate dauern» werde.

In London sollte nun - bevor es darum geht, wer die Unterhändler sind
- die inhaltliche Linie für mögliche Verhandlungen geklärt werden.
Aus deutscher Sicht braucht es für den weiteren Prozess einen «klaren
politischen Kompass» und ein «klares Zielbild».