Europäer und Ukraine fordern Putin zu Verhandlungen auf Von Michael Fischer, Patricia Bartos und Günther Chalupa, dpa

08.06.2026 01:02

Die Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges liegen auf Eis.
Drei europäische Länder und die Ukraine wollen sie wieder in Gang
bringen. Sie nennen Putin fünf Voraussetzungen dafür.

London (dpa) - Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die
Ukraine haben den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einer
sofortigen Waffenruhe und Verhandlungen über ein Ende des Krieges
aufgerufen. Ausgangspunkt dafür soll die derzeitige Frontlinie in der
Ukraine sein. Die USA sowie Europa sollten «aktiv» an den Gesprächen

beteiligt werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die
Kanzler Friedrich Merz, Präsident Emmanuel Macron, Premierminister
Keir Starmer und Präsident Wolodymyr Selenskyj nach ihrem Treffen in
London veröffentlichten. 

Fünf Voraussetzungen für Friedensgespräche

Darin nennen sie fünf Voraussetzungen für einen «gerechten und
dauerhaften Frieden»:

1. Putin soll einer «sofortigen und vollständigen Waffenruhe»
zustimmen.
2. Die derzeitige Frontlinie soll zwar Ausgangspunkt für
Verhandlungen sein. Die Ukraine und die Europäer pochen aber
gleichzeitig darauf, dass internationale Grenzen nicht mit Gewalt
verändert werden dürften. Knapp ein Fünftel des ukrainischen
Staatsgebiets ist derzeit unter russischer Kontrolle. Das Recht der
Ukraine, ihre eigenen Sicherheitsvorkehrungen und Bündnisse zu
wählen, müsse zudem «uneingeschränkt» geachtet werden.
3. Die Ukraine müsse «robuste und rechtsverbindliche»
Sicherheitsgarantien bekommen, sobald eine Waffenruhe in Kraft trete.
Dazu gehöre der
Einsatz einer multinationalen Truppe.
4. Die russischen Vermögenswerte würden so lange eingefroren
bleiben, bis Russland seinen Angriffskrieg beendet und die Ukraine
für die durch den Krieg verursachten Schäden abfindet. In der
Europäischen Union sind etwa 210 Milliarden Euro der russischen
Zentralbank festgesetzt.
5. Die europäischen Sicherheitsinteressen müssten in jedem Abkommen
gewahrt werden. Verhandlungsergebnissen, die EU und Nato betreffen,
müssten die Mitgliedstaaten zustimmen.

Putin hatte Gesprächsangebot zunächst abgelehnt

Selenskyj hatte Putin bereits am Donnerstag erneut direkte Gespräche
vorgeschlagen, war damit aber zunächst auf dessen Ablehnung gestoßen.
Die Europäer unterstützten nun in der gemeinsamen Erklärung mit
Selenskyj dessen Vorstoß. Sie wollen die diplomatischen Bemühungen um
ein Ende des Krieges wieder in Gang bringen, nachdem sie in den
letzten Monaten zum Erliegen gekommen sind.

Die USA vermitteln seit Anfang vergangenen Jahres zwischen Russland
und der Ukraine. Inzwischen scheinen die Amerikaner aber das
Interesse daran zu verlieren. US-Außenminister Marco Rubio sagte vor
zwei Wochen, aus US-Sicht könnten gerne auch andere versuchen, den
Krieg in der Ukraine zu beenden. 

Europäer wollen diplomatischen Prozess wiederbeleben

Deutschland, Frankreich und Großbritannien waren als sogenannte E3
schon im vergangenen Jahr involviert und nahmen die Rolle der
europäischen Unterhändler ein. Zuletzt waren sie aber nur noch
Zuschauer an der Seitenlinie. Angesichts des schwindenden Engagements
der US-Amerikaner sehen sie nun eine Chance, zurück ins Spiel zu
kommen. «Langsam öffnet sich ein Fenster für Gespräche der
europäischen Seite mit Russland», heißt es aus deutschen
Regierungskreisen. 

Anders als die USA sehen die Europäer sich nicht als Vermittler,
sondern als Verbündete der Ukraine. Sie unterstützen das Land massiv
mit Waffenlieferungen und belegen Russland gleichzeitig mit
Sanktionen, um Druck auf Moskau aufzubauen, den Krieg zu beenden.
Wenn sie in die Verhandlungen einsteigen, werden sie an der Seite der
Ukraine stehen und nicht als Moderator auftreten.

Selenskyj: «Wir wollen nicht einfach still sterben»

Selenskyj schilderte vor dem Treffen mit den Europäern in einem
Interview des britischen Senders Sky News seine Vorstellungen von
Gesprächen mit Russland. Er verwies dabei auf die jüngsten
militärischen Erfolge der ukrainischen Streitkräfte, die vor allem
mit Drohnenangriffen auf russisches Territorium für Aufsehen gesorgt
haben. «Wir haben gelernt, wie man lebt und überlebt», sagte
Selenskyj. «Wir wollen nicht einfach still sterben.»

Putin wolle «diesen schrecklichen Krieg gewinnen», allerdings erkenne
er zuletzt, dass seine Truppen die Initiative auf dem Schlachtfeld
verloren hätten. Alle Entscheidungen über das weitere Geschehen
hingen «zu 100 Prozent» von ihm ab.

Zu möglichen Gesprächen mit Moskau über ein Kriegsende meinte
Selenskyj, er würde eine Beteiligung der USA und Europas begrüßen.
«Aber ich bin auch zu bilateralen Gesprächen (mit Putin) bereit»,
sagte er. Selenskyj betonte aber, dass diese «nicht in Moskau, nicht
in Kiew und auch nicht in Minsk» stattfinden dürften. 

Weitere militärische Unterstützung zugesichert

Die Europäer sicherten Selenskyj bei dem Londoner Gipfel auch weitere
militärische Unterstützung zu. Darüber solle bei den im Juni und Juli

stattfindenden Gipfeltreffen der G7 und der Nato sowie beim nächsten
Treffen der «Koalition der Willigen» gesprochen werden, in der sich
die Verbündeten der Ukraine zusammengeschlossen haben. 

Die Staats- und Regierungschefs betonten die dringende Notwendigkeit,
die Raketenabwehr und die Verfügbarkeit weitreichender Waffen zu
stärken. Sie erörterten zudem, «wie das Bündnis von der
Kampferfahrung der Ukraine lernen kann und wie die langfristige
industrielle Zusammenarbeit mit der Ukraine ausgebaut werden kann, um
die eigene Verteidigung Europas zu stärken».