Krise der Stahlbranche: Tausende zu Demo in Berlin erwartet
08.06.2026 14:08
Die deutsche Stahlindustrie steht schwer unter Druck. Nun will sie
Druck auf die Bundesregierung machen mit einer Großkundgebung in
Berlin. Dazu haben sich prominente Unterstützer angemeldet.
Berlin/Frankfurt (dpa) - In der Krise der deutschen Stahlindustrie
will die IG Metall in Berlin Druck auf die Bundesregierung machen. An
diesem Freitag (12. Juni) sollen Beschäftigte aus ganz Deutschland
für die Belange der Stahlbranche demonstrieren und vom Brandenburger
Tor zum Bundeswirtschaftsministerium ziehen, wie die IG Metall in
Frankfurt mitteilte. Es würden Tausende Teilnehmer erwartet.
«Die Politik hat in den vergangenen Monaten - auf unseren Druck hin -
einiges für die Stahlindustrie getan», sagte Jürgen Kerner, Zweiter
Vorsitzender der IG Metall. «Sie darf jetzt nicht auf halbem Weg
stehen bleiben. Sie muss ihre Versprechen erfüllen.»
Neben Kerner sollen an der Kundgebung die Parteichefs von Grünen und
Linken, Felix Banaszak und Ines Schwerdtner, teilnehmen. Sprechen
sollen auch Betriebsratsvorsitzende und Arbeitsdirektoren aus der
Stahlbranche.
Stahlbranche von vielen Seiten unter Druck
Die deutsche Stahlindustrie, die besonders in Nordrhein-Westfalen,
Niedersachsen und dem Saarland vertreten ist, leidet unter der Krise
ihrer Kundenbranchen, insbesondere der Autoindustrie. Dazu kommen
hohe Energiepreise, Billigimporte vor allem aus China und die Kosten
für den Umbau hin zu einer klimafreundlicheren Stahlproduktion. Auch
hohe US-Zölle auf Stahlimporte machen der Branche zu schaffen.
Im vergangenen Jahr war die Produktion der deutschen Stahlindustrie
auf 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl gefallen - der niedrigste Wert
seit der Finanzkrise 2009. Der Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel Europe
hat eine harte Sanierung beschlossen und will rund 11.000 Stellen
streichen oder auslagern.
Die Bundesregierung hat bereits einen Industriestrompreis auf den Weg
gebracht, um energieintensive Branchen wie die Stahlindustrie zu
entlasten. Hilfe kommt auch aus Brüssel: Die EU-Staaten beschlossen
am Montag, die zollfreie Einfuhrmenge in die Europäische Union fast
zu halbieren, um den heimischen Markt vor globaler Überproduktion und
billiger Konkurrenz zu schützen. Darüber hinaus gehende Mengen sollen
mit einem Strafzoll von 50 Prozent belegt werden, doppelt so viel wie
bisher.
Rehlinger: Umbau der Stahlbranche nicht gefährden
Sorgen bereitet der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger
(SPD) die anstehende Revision des europäischen Emissionshandels, zu
dem die EU-Kommission im Juli Vorschläge vorlegen will. Aus Industrie
und Teilen der Politik wächst der Druck, das zentrale
Klimaschutzinstrument der EU aufzuweichen, um Belastungen für die
Wirtschaft aus dem Handel mit CO2-Zertifikaten zu senken.
Rehlinger sieht damit den begonnenen milliardenschweren Umbau der
saarländischen Stahlindustrie hin zur Produktion von «grünem Stahl»
in Gefahr. Es dürfe keine Rolle rückwärts bei den politischen
Leitplanken geben, schrieb sie in einem Brief an Kanzler Friedrich
Merz (CDU).
«Der Weg der saarländischen Stahlindustrie wurde unumkehrbar
eingeschlagen im Vertrauen auf die Zusagen von Bundesregierung und
EU-Kommission», heißt es darin. Genehmigungen seien in Rekordtempo
erteilt worden, die Bagger rollten. Rehlinger fordert, «politisches
Ziel muss bleiben, die CO2-Bepreisung und den Europäischen
Emissionshandel im ETS 1 so zu erhalten, dass die Transformation der
Stahlindustrie nicht gefährdet wird». Hintergrund seien
Positionierungen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche
(CDU).
Rückendeckung aus Berlin
Für ihre Warnung bekommt Rehlinger Rückendeckung der
SPD-Bundestagsfraktion. «Eine Vollbremsung, die sich einige wünschen,
funktioniert nicht und hätte fatale Auswirkungen für unseren
Industriestandort», sagte Fraktionsvize Esra Limbacher der
«Rheinischen Post».
Die Modernisierung der Stahlindustrie sei eine Schicksalsfrage für
den Industriestandort Deutschland. Dafür müsse der Rahmen des
Emissionshandels erhalten bleiben. Viele Unternehmen, darunter die
Stahlindustrie im Saarland oder in Salzgitter, würden sich darauf
verlassen.
