Analyse: Fast 50 Prozent mehr Geld für EU-Lobbyarbeit
11.06.2026 00:01
Große Tech-, Chemie- und Energiekonzerne sowie Verbände geben immer
mehr Geld für Lobbyarbeit in EU-Institutionen aus. Aktivisten sehen
darin eine Gefahr für die Demokratie.
Brüssel (dpa) - Große Unternehmen und Verbände haben einer Analyse
zivilgesellschaftlicher Organisationen zufolge zuletzt deutlich mehr
Geld für Lobbyarbeit bei EU-Institutionen ausgegeben. Im vergangenen
Jahr steigerten sie ihre Lobbyausgaben demnach um fast 50 Prozent im
Vergleich zu 2020, wie aus einer Auswertung der gemeinnützigen
Initiativen LobbyControl und Corporate Europe Observatory hervorgeht.
Diese stützt sich auf Zahlen des für Unternehmen und Institutionen
verbindlichen EU-Transparenzregisters. Die Ausgaben sind den
Organisationen zufolge nicht inflationsbereinigt, überstiegen die
Inflation aber deutlich.
Demnach zahlten die insgesamt 173 Tech-, Finanz-, Energie- und
Chemiekonzerne mit einem angegebenen jährlichen Lobbybudget von mehr
als einer Million Euro gemeinsam etwa 382 Millionen Euro pro Jahr.
Das seien 27 Millionen Euro beziehungsweise rund sieben Prozent mehr
als im Vorjahr.
Tech-Giganten geben am meisten für Lobbyarbeit aus
Mit mindestens 73 Millionen Euro geben die größten Tech-Unternehmen
der Auswertung zufolge am meisten Geld dafür aus, Politikerinnen und
Politiker von ihren Anliegen zu überzeugen. Darauf folgten
Energiekonzerne mit einem jährlichen Budget für Lobbyarbeit von
mindestens 52 Millionen Euro und Chemiekonzerne und Branchenverbände
mit Lobby-Ausgaben von jährlich mindestens 46,5 Millionen Euro.
Die Lobbyarbeit von Unternehmen in der EU habe ein erschreckendes
Ausmaß erreicht, kritisiert Vicky Cann von Corporate Europe
Observatory. «Es geht nicht nur um Einflussnahme, sondern darum, dass
die mächtigsten Branchen in Europa und darüber hinaus die
EU-Politikgestaltung kontrollieren, während die Öffentlichkeit
weitgehend im Dunkeln tappt.» Dies geschehe inmitten der größten
Deregulierungswelle, die die EU je erlebt habe.
Felix Duffy von LobbyControl ergänzte, die Ausgaben der größten
Lobbyisten der Tech-Giganten seien ein «Warnsignal für die
Demokratie». «In einer Zeit, in der Europa dringend robuste digitale
Regulierungen braucht, investieren die mächtigsten
Technologiekonzerne Rekordsummen, um diese zu untergraben.»
