Wenig Tarifbindung: Deutschland hinkt EU-Vorgaben hinterher

11.06.2026 04:00

Löhne, Sonderzahlungen, Urlaub: Tarifverträge bringen Vorteile für
Beschäftigte. Doch Deutschland schneidet bei der Tarifbindung
schlecht ab - und ein Aktionsplan der Bundesregierung fehlt noch
immer.

Frankfurt/Düsseldorf (dpa) - Nur knapp die Hälfte der Beschäftigten
in Deutschland arbeitet in tarifgebundenen Unternehmen. Damit
schneidet die Bundesrepublik im europäischen Vergleich schlecht ab -
und ein von der EU geforderter Aktionsplan der Bundesregierung fehlt
noch immer. Das kritisiert das Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung. 

Obwohl die Frist für betroffene EU-Staaten Ende 2025 abgelaufen ist,
gehört die Bundesrepublik demnach zu sechs EU-Ländern ohne
entsprechenden Maßnahmenkatalog. Laut der Studie haben daneben
Kroatien, Luxemburg, Slowenien, Ungarn und Zypern ihre
Verpflichtungen nicht erfüllt.

Nationaler Aktionsplan lässt auf sich warten

Die EU sieht Tarifverträge als wichtiges Instrument für faire
Arbeitsbedingungen, denn bei einer Tarifbindung werden etwa Löhne und
Arbeitszeiten zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ausgehandelt
und Mindeststandards zum Arbeitnehmerschutz festgelegt. Die
EU-Mindestlohn-Richtlinie verpflichtet Länder mit einer Tarifbindung
von unter 80 Prozent dazu, einen Plan bei der EU-Kommission
vorzulegen - so auch Deutschland. 

Denn hierzulande arbeitet laut WSI nur knapp die Hälfte der
Beschäftigten (49 Prozent) in tarifgebundenen Unternehmen, die Quote
sinkt seit Jahren. Damit liegt Deutschland im EU-Vergleich nur im
Mittelfeld, weit hinter den Spitzenreitern Italien und Belgien, die
demnach 100 Prozent vorweisen können.

Dennoch liege bisher kein Aktionsplan vor, «obwohl Union und SPD sich
im Koalitionsvertrag zum Ziel einer höheren Tarifbindung bekannt
haben», kritisieren die Autoren. Die Bundesregierung habe zwar
Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände aufgefordert, Vorstellungen
für einen Aktionsplan einzubringen, nach einem Spitzentreffen im
November 2025 habe man sich aber nicht geeinigt.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erklärte, man arbeite
an dem Plan: «Der Nationale Aktionsplan zur Förderung von
Tarifverhandlungen (NAP) wird innerhalb der Bundesregierung weiterhin
abgestimmt.»

Griechenland als Vorbild

Nach Sicht des WSI soll ein Aktionsplan den Ausbau branchenweiter
Tarifverhandlungen fördern und Anreize für Arbeitgeber geben, sich
Tarifverträgen anzuschließen. Gewerkschaften und Arbeitgeber sollten
dabei eingebunden werden, die Vorhaben mit konkreten Maßnahmen und
klarem Zeitplan hinterlegt sein. 18 von 27 EU-Staaten waren
verpflichtet, bis Ende 2025 konkrete Aktionspläne vorlegen. Erst
zwölf hätten das bis Mai getan.

Als Vorbild nennt die Studie Griechenland - obwohl das Land bei der
Tarifbindung mit 28 Prozent schlecht abschneidet. Der dortige
Aktionsplan erfülle aber die Vorgaben der Richtlinie fast
vollständig.

Bei den anderen Aktionsplänen bemängelt das WSI, dass diese
überwiegend auf unverbindliche Informations- und Werbemaßnahmen
setzen. «Viele nationale Aktionspläne enthalten kaum mehr als
Absichtserklärungen.»