Sanktionen der EU drohen Fischstäbchen-Hersteller zu treffen Von Ansgar Haase, dpa
12.06.2026 11:16
Droht in Deutschland wegen Russland-Sanktionen der EU eine
Fischstäbchenkrise? Strengere Einfuhrregeln könnten nicht nur
Hersteller, sondern auch Verbraucher direkt im Supermarkt treffen.
Brüssel (dpa) - Das nächste EU-Sanktionspaket gegen Russland könnte
erhebliche Konsequenzen für deutsche Produzenten und Konsumenten von
Fischstäbchen, Schlemmerfilets und anderen Tiefkühl-Fischgerichten
haben. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur dpa sehen die Pläne der
EU-Kommission vor, dass die Einfuhr von Alaska-Seelachs aus Russland
in die EU innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte reduziert werden
muss. Angesichts des begrenzten Angebots könnte dies zu
Produktionseinschränkungen und höheren Preisen zu führen.
Konkret ist den Plänen zufolge vorgesehen, die Importmenge sofort
nach Inkrafttreten des neuen Sanktionspakets auf den
Durchschnittswert der Jahre 2023 bis 2025 zu begrenzen. Nach einem
Jahr sollen dann nur noch 75 Prozent der Menge und nach zwei Jahren
nur noch 50 Prozent importiert werden dürfen.
Sanktionen sollen Russland die Kriegsführung erschweren
Die Strafmaßnahme hat zum Ziel, die Einnahmen der Exportwirtschaft
Russlands weiter zu reduzieren, um dem Land die Kriegsführung gegen
die Ukraine zu erschweren. Zeitweise war auch ein komplettes
Einfuhrverbot diskutiert worden. Diese Idee wurde allerdings wegen
der Möglichkeit von erheblichen negativen Folgen für europäische
Unternehmen und Bürger vorerst wieder verworfen.
Nach Angaben des Thünen-Instituts, das zum Geschäftsbereich des
Bundeslandwirtschaftsministeriums zählt, ist Russland der viertgrößte
Produzent von Meeresfisch weltweit und Deutschland in der EU der
größte Abnehmer für Alaska-Seelachs-Filet aus Russland. Zahlen des
Statistischen Bundesamtes zufolge wurden allein im vergangenen Jahr
93.500 Tonnen gefrorene Filets im Wert von rund 228 Millionen Euro in
die Bundesrepublik importiert.
Von 2020 bis 2024 sei der Anteil Russlands an
Alaska-Seelachsfilet-Importen von 15 auf 45 Prozent gestiegen,
schreibt das Thünen-Institut in einem Dossier. In Deutschland stünden
die größten Fischstäbchenfabriken der Welt.
Vollständiger Ausgleich nicht möglich
Das Institut warnt deswegen, dass die jetzt geplanten Maßnahmen
erhebliche Auswirkungen auf das Angebot und die Preise der Produkte
sowie auf die Arbeitsplätze in der deutschen fischverarbeitenden
Industrie nach sich ziehen könnten. In dem Dossier des
Bundesforschungsinstituts heißt es, in der Industrie gebe es
Überlegungen, die Fehlmenge durch andere Fischarten auszugleichen -
etwa durch Süßwasserfische aus Aquakultur wie den Pangasius. Ein
vollständiger Ausgleich werde jedoch nicht möglich sein, weder nach
Menge noch nach Darbietungsform oder Preis.
Alaska-Seelachs wird nach Angaben des Instituts vor allem im Golf von
Alaska, dem Ochotskischen Meer zwischen Russland und Japan und in der
Beringsee gefangen und dann auf den Verarbeitungsschiffen meist als
Filet, aber auch als ausgenommener Fisch tiefgefroren.
Russischer Fisch könnte nach China gehen
Neben Russland produzieren nach Angaben des Thünen-Instituts nur die
US-amerikanischen Fischereien vergleichbare Mengen. Diese seien
jedoch durch langfristige Lieferverträge gebunden und könnten einen
Ausfall russischer Lieferungen nicht substituieren, heißt es.
Das Institut erwartet zudem, dass der von der EU nicht mehr gekaufte
Fisch aus russischen Quellen dann in andere Weltregionen geliefert
wird, weil es jetzt schon mehr Nachfrage als Angebot für günstigen
Alaska-Seelachs gibt. «In der Summe würde die deutsche Fischindustrie
und damit auch die Versorgung des europäischen Marktes mit günstigen
Fischprodukten unwiderruflich Schaden nehmen», heißt es in dem
Dossier «Droht eine Fischstäbchenkrise?». Selbst nach einem Ende des
Ukraine-Krieges würden Fischstäbchen dann aus Fernost kommen und
nicht aus heimischer Produktion.
Deutsche Hersteller schweigen bislang
In Deutschland ansässige Produzenten wie Iglo oder Frosta äußerten
sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur zunächst nicht zu den
geplanten EU-Sanktionen und den möglichen Folgen. Der Bundesverband
der deutschen Fischindustrie und des Fischgroßhandels teilte mit, als
Branchenverband prüfe er aktuell den Vorschlag der Europäischen
Kommission zum 21. Sanktionspaket. Dieses soll nach Angaben von
Diplomaten spätestens im Juli beschlossen werden und neben den
Einfuhrbeschränkungen für Alaska-Seelachs unter anderem auch ein
komplettes Importverbot für russischen Kabeljau ab 2028 umfassen.
Bereits in der Vergangenheit hat die EU etwa die Einfuhr von Öl und
Gas aus Russland weitgehend eingeschränkt und Importverbote für Güter
wie Zement, Holz, Diamanten und Gold erlassen.
