Albaniens Regierungschef: EU-Familie gehört an einen Tisch
17.06.2026 04:35
Der Weg in die EU ist für Albanien und andere Kandidaten lang und
bürokratisch, die Weltlage verlangt schnellere Lösungen. Sind die
Kinder von Ursula von der Leyen ein gutes Beispiel?
Berlin (dpa) - Der albanische Ministerpräsident Edi Rama plädiert für
eine schnelle, unkomplizierte Aufnahme neuer Mitgliedsländer in die
Europäische Union. Er sprach dabei für Albanien und die
Nachbarstaaten auf dem Westbalkan sowie für die Ukraine und Moldau,
die durch Russlands Angriffskrieg besonders gefährdet sind.
«Wir müssen einen Weg finden, aus Europa eine einige Familie zu
machen», sagte Rama der Deutschen Presse-Agentur dpa bei einem Besuch
in Berlin. Dafür müsse die EU aber umdenken: Es sei zuerst eine
politische Entscheidung notwendig, die technischen Details der
Anpassung sollten folgen.
«Die Welt hat sich stark verändert in den vergangenen Jahren, und
Europa muss sich mit der Welt verändern». Rama sah für Europa einen
«Helmut-Kohl-Moment» gekommen: Der deutsche Bundeskanzler habe 1990
die Gelegenheit zur deutschen Wiedervereinigung am Schopf gepackt.
Die sieben Kinder der Ursula von der Leyen
Derzeit verhandeln sieben Staaten über einen EU-Beitritt: Albanien,
Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Nordmazedonien auf dem
Balkan sowie die Ukraine und die Republik Moldau. Rama verglich sie
mit den sieben Kindern von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der
Leyen.
«Sie ist eine Mutter mit einer unglaublichen Erfolgsbilanz. Und sie
hat ihren Kindern nicht gesagt, sie sollten in der Nachbarschaft
aufwachsen und sich erst dann an den Tisch setzen, wenn sie erwachsen
sind. Nein. Die Kinder sind am Tisch aufgewachsen», sagte der
Ministerpräsident. Wenn man ein Land in der Lage der Ukraine an den
Tisch holen wolle, könne man ihm nicht sagen, es müsse erst dies und
dies und dies erfüllen.
Suche nach Modell einer schnelleren Einbindung
Die EU hat Anfang Juni auf einem Gipfel in Tivat, der Hauptstadt von
Montenegro, über eine schnellere Einbindung der Staaten auf dem
Westbalkan beraten. Ein politisches Modell steht aber noch aus. Rama
und der serbische Präsident Alexandar Vucic haben vorgeschlagen, dass
ihre Länder bei einer schnelleren Aufnahme vorübergehend auf
Stimmrechte verzichten könnten. Für die Ukraine hat Bundeskanzler
Friedrich Merz (CDU) eine assoziierte Mitgliedschaft ins Spiel
gebracht. Kiew lehnt dies ab und besteht auf einer
Vollmitgliedschaft.
Als wahrscheinlichster Kandidat für eine rasche Aufnahme in die EU
gilt indes das kleine Montenegro. Es habe die Beitrittsverhandlungen
früher begonnen und schon viele Kapitel der Rechtsangleichung
abgeschlossen, sagte Rama. Für Albanien rechne er damit, die
Verhandlungen 2027 abzuschließen. Realistisch sei dann, dass die
EU-Länder bis 2030 Albanien als neues Mitglied billigen.
Rama ist als Gast des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft in
Berlin und soll heute mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina
Reiche (CDU) sprechen.
