40 Industriekonzerne fordern Kurswechsel bei Emissionshandel

17.06.2026 15:06

Das zentrale Klimaschutzinstrument der EU soll auf den Prüfstand. Vor
der Reform bringt sich eine Reihe namhafter Konzerne in Position. In
einem Brief an die EU-Spitze warnt sie vor Jobverlusten.

Frankfurt/Main (dpa) - Rund 40 Industriekonzerne machen mit einem
Brief an die EU-Spitze Druck vor der geplanten Neuregelung des
europäischen Emissionshandels. «Wir fordern ein entschlossenes
Eingreifen, um die Kosten-Eskalation im Emissionshandelssystem (ETS)
zu stoppen», heißt es in dem Schreiben an EU-Ratspräsident António

Costa und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, das der
Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Wenn das bestehende System fortgesetzt werde, werde es zu einer
Verlagerung von Produktion und Werksschließungen kommen, schreiben
die Unterzeichner, darunter die Chemiekonzerne BASF, Evonik und
Covestro sowie die Stahlkonzerne Thyssenkrupp und ArcelorMittal. «Die
Folgen - Arbeitsplatzverluste, rückläufige Investitionen und ein
nachlassendes Wirtschaftswachstum - sind absehbar.» Bei der Reform
des Emissionshandelssystems müsse die Politik unverzüglich Maßnahmen

ergreifen, um «weiteren Schaden für die industrielle Basis Europas zu
vermeiden». 

EU-Klimaschutzinstrument auf dem Prüfstand

Der Emissionshandel ist das zentrale Klimaschutzinstrument der EU auf
dem Weg zur Klimaneutralität 2050. Dabei müssen Firmen Rechte zum
Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) nachweisen. Sie
können damit handeln, was in energieintensiven Branchen als Anreiz
dient, Treibhausgase zu sparen. So entsteht ein Preis für jede
ausgestoßene Tonne CO2. Über die Jahre sinkt die Zahl der verfügbaren

Zertifikate - das soll effizient zu mehr Klimaschutz führen. 

Aus Industrie und Teilen der Politik wächst der Druck, den
Emissionshandel aufzuweichen, um Belastungen für die Wirtschaft zu
senken. Im Sommer steht eine grundlegende Revision des
Emissionshandels an, die EU-Kommission will im Juli Vorschläge
vorlegen. 

«Europa praktisch im Alleingang»

Der Emissionshandel spiegle die globale Realität nicht mehr wider,
kritisieren die Konzerne in dem Brief, über den zuvor die
«Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete. Europa handele
«praktisch im Alleingang», wenn es der Industrie, die ohnehin mit
teurer Energie und Regulierung zu kämpfen habe, rasch steigende
CO2-Kosten auferlege. «Diese Kombination untergräbt die
Wettbewerbsfähigkeit in immer schnellerem Tempo.» Derzeit diskutierte
Auflagen für die kostenlose Zuteilung von Zertifikaten etwa müssten
vermieden werden.

Die Konzerne kritisieren, dass die Voraussetzungen für den Umbau der
Industrie nicht gegeben seien. So fehle eine funktionierende
Infrastruktur für Wasserstoff und CO2, und Kunden wollten nicht für
kohlenstoffarme Produkte bezahlen. 

Doch auch die Wirtschaft ist gespalten - etwa die Stahlindustrie:
Während Thyssenkrupp und ArcelorMittal für eine Abschwächung des
Emissionshandels plädieren, fürchten andere Unternehmen, die bereits
in den Umbau ihrer Anlagen investiert haben, wie Saarstahl, am Ende
als Verlierer dazustehen. 

Auch die IG Metall, die kürzlich Tausende Stahlarbeiter bei Protesten
in Berlin und Völklingen mobilisierte, warnte davor, den Umbau zu
einer klimaneutralen Produktion zurückzudrehen. Das gefährde
«Zehntausende Jobs.»