Zehn Jahre EU-Referendum - Was der Brexit wirklich bedeutet Von Christoph Meyer, Patricia Bartos und Jan Mies, dpa
20.06.2026 07:01
Vor einem Jahrzehnt überraschten die Briten die Welt mit der
Entscheidung, die EU zu verlassen. Der Brexit hat nicht nur die
Beziehung zum Kontinent, sondern auch das Land selbst tief verändert.
London (dpa) - «The British people have spoken and the answer is,
we're out». Mit diesen Worten verkündete BBC-Moderator David Dimbleby
am Morgen nach dem Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 das haarscharf
ausgegangene Ergebnis. Mit 52 zu 48 Prozent hatten die Briten für den
Austritt gestimmt. Der Schock war groß und hallt bis heute nach.
Was folgte, war ein endloses Gezerre um die Modalitäten des
EU-Austritts und politisches Chaos. Und auch wenn die Mehrheit der
Briten laut Umfragen längst wieder in die EU will, ist das Land nach
wie vor tief gespalten in «Remainer» und «Leaver».
«Brexit bedeutet Brexit», sagte Ex-Premierministerin Theresa May
gebetsmühlenhaft. Doch was bedeutete der Brexit wirklich?
Einwanderer und neue Flüchtlingsroute
Die Kontrolle über die eigenen Grenzen wiederzuerlangen, war eines
der wichtigsten Versprechen der Brexit-Befürworter. Doch obwohl die
Freizügigkeit für EU-Bürger endete, gingen mit dem Austritt die
Einwandererzahlen nicht runter, sondern steil nach oben - es kamen
einfach mehr Menschen aus Nicht-EU-Ländern. Ihren bisherigen
Höchststand erreichte die Netto-Zuwanderung in den zwölf Monaten bis
Mitte 2023. In diesem Zeitraum reisten mehr als 900.000 Menschen mehr
nach Großbritannien ein als aus. Die jüngsten Zahlen lagen mit
204.000 Menschen deutlich darunter.
Erst mit dem Brexit begannen die Überfahrten irregulärer Migranten
über den Ärmelkanal. Insgesamt mehr als 200.000 Menschen erreichten
so die englische Küste seit 2018, um Asyl zu beantragen. Hintergrund
dürfte unter anderem sein, dass durch den Austritt der Briten eine
Rückführung der irregulären Migranten in EU-Staaten nicht mehr ohne
Weiteres möglich ist.
Ironischerweise wurden die Boote zum wichtigsten Wahlkampfthema für
Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage, der mit seiner Partei Reform UK
inzwischen die Umfragen anführt und damit auf Kurs ist,
Premierminister zu werden.
Handel - Freihandelsabkommen
Obwohl der ganz große Schock für die britische Wirtschaft ausblieb,
was auch daran lag, dass bis zum eigentlichen Austritt am 31. Januar
2020 alles beim Alten blieb, hat etwa der Handel stark gelitten.
Von Brexit-Befürwortern waren die Warnungen als «Project Fear»
(Projekt Angst) verunglimpft worden. Doch der Denkfabrik Centre for
European Reform zufolge sind die Importe aus der EU um 16 Prozent
geringer als sie es ohne Brexit wären. Bei den Ausfuhren liegt
demnach das Minus bei 12 Prozent. Zeitweise rutschte das Vereinigte
Königreich gar von der Liste der zehn wichtigsten Handelspartner
Deutschlands.
Und auch die vollmundigen Versprechungen der Brexiteers trafen nicht
ein. Weder kam ein weitreichendes Freihandelsabkommen mit den USA
zustande, noch wurde der Traum eines von lästigen Regelungen
befreiten Finanzplatzes nach dem Vorbild Singapurs zur Wirklichkeit.
Viele Handelsabkommen, die London nach dem Brexit schloss, traf es
mit Ländern, über die es bereits mit der EU ein Abkommen gab.
Politisches Chaos
Ob nun Ursache oder Folge: Ab dem Brexit-Referendum herrscht in der
britischen Politik Chaos. Seit 2016 gaben sich die
Premierministerinnen und Premierminister die Klinke in die Hand.
Sollte es, wie erwartet, bald zum Sturz des Labour-Premiers Keir
Starmer kommen, wäre die Nachfolgerin oder der Nachfolger der siebte
Regierungschef seit dem EU-Referendum. Das sind so viele wie in den
40 Jahren davor.
Als Erbe der Volksabstimmung gilt auch, dass die Wählerschaft seitdem
tief in «Remainer» und «Leaver» anstatt in Links und Rechts gespalt
en
ist. Die Brexit-Gegner sind zudem jünger und eher akademisch gebildet
als die Befürworter des Austritts. Dass inzwischen in Umfragen eine
klare Mehrheit der Briten für einen Wiedereintritt in die EU ist,
liegt nach Einschätzung des Politikprofessors Anand Menon vom King's
College in London vor allem daran, dass viele Brexit-Anhänger
inzwischen gestorben sind.
Die politische Landschaft in Großbritannien hat das Referendum
grundlegend verändert. Die sozialdemokratische Labour-Partei verlor
einen Großteil ihrer Anhänger aus der Arbeiterschaft an die
Konservativen (Tories) und die Rechtspopulisten von Reform UK. Die
Tories wiederum können sich nicht mehr auf einen Großteil der
Akademiker und der Mittelschicht stützen. Beide großen Wählergruppen,
«Remainer» und «Leaver» verteilen sich inzwischen auf mehr als eine
Partei. Das faktische Zweiparteiensystem gilt damit als so gut wie
passé.
Abspaltungstendenzen
Als Folge des Brexits gilt auch, dass die kleineren Landesteile des
Vereinigten Königreichs nach Unabhängigkeit streben. Inzwischen sind
die Chefposten der Regierungen von Nordirland, Schottland und Wales
allesamt mit Mitgliedern von Unabhängigkeitsparteien besetzt.
Besonders in Nordirland, wo der Brexit alte Ängste vor einer harten
Grenze zwischen den beiden Teilen der Insel schürte, erscheint eine
Abspaltung von Großbritannien nicht mehr als futuristisches Szenario.
Treten die Briten irgendwann wieder ein?
Lange Zeit war diese Frage ein Tabu, das niemand im politischen
Großbritannien ansprechen wollte. Zu groß war die Angst davor, dem
Rechtspopulisten Farage in die Hände zu spielen, der allzu gern
Verrat am Wählerwillen anprangert. Insbesondere Premierminister Keir
Starmer scheute das Thema.
Doch das änderte sich in den vergangenen Wochen.
Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting bezeichnete den Austritt nach
seinem Rücktritt aus dem Kabinett Starmers als «katastrophalen
Fehler» und empfahl sich dabei als Nachfolger des glücklosen
Regierungschefs. «Wir brauchen eine neue besondere Beziehung zur EU,
denn die Zukunft Großbritanniens liegt in Europa - und eines Tages
wieder in der Europäischen Union», sagte Streeting und ging damit
noch einen Schritt weiter als der Favorit auf die Starmer-Nachfolge
Andy Burnham, der sich eine Rückkehr in seiner Lebenszeit wünschte.
