EU-Vertreter empfangen erstmals Taliban in Brüssel Von Niklas Treppner und Mathis Richtmann, dpa
23.06.2026 18:50
Deutschland und andere EU-Staaten wollen mehr Abschiebungen nach
Afghanistan. Brüssel soll dabei unterstützen - und begibt sich auf
politisch umstrittenes Terrain.
Brüssel/Kabul (dpa) - Vertreter der islamistischen Taliban sind
erstmals seit ihrer Machtübernahme in Afghanistan vor knapp fünf
Jahren von der EU-Kommission zu Gesprächen in Brüssel empfangen
worden. Bei dem Austausch auf «technischer Ebene» ging es um die
Abschiebungen von Afghanen in ihre Heimat, wie die Europäische
Kommission bestätigte. Die Gespräche kämen nicht einer Anerkennung
der Taliban gleich, betonte die Behörde.
Ziel der Gespräche war es demnach, mehr Rückführungen von
afghanischen Staatsangehörigen aus der EU zu ermöglichen, die
Straftaten begangen haben und ein Sicherheitsrisiko darstellen. Das
afghanische Außenministerium teilte mit, es sei eine «historische
Reise» gewesen und sprach von «produktiven Gesprächen». Hauptthema
sei die Wiederaufnahme umfassender konsularischer Dienstleistungen
für Afghanen im europäischen Raum gewesen.
Umstritten sind die Kontakte wegen der andauernden
Menschenrechtsverletzungen der Taliban, die seit 2021 wieder an der
Macht sind. So wird der Gruppe vorgeworfen, Menschen willkürlich
festzunehmen und zu foltern sowie Frauen zu unterdrücken und ihnen
Bildung zu verwehren. Die Pressefreiheit wird stark eingeschränkt.
Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, hatte sich im
Mai zudem auch besorgt über Pläne verschiedener EU-Mitgliedsstaaten
zu verstärkten Abschiebungen nach Afghanistan gezeigt. Diese könnten
Menschenrechte schwächen und Menschen Gefahren aussetzen.
Taliban versuchen Anerkennung zu erlangen
Nach Angaben der EU-Kommission nahmen auch Vertreter von 15
Mitgliedsländern an den Gesprächen teil. Das Bundesinnenministerium
teilte auf dpa-Anfrage mit, Deutschland sei aufgrund der eigenen
bilateral geführten technischen Gespräche nicht beteiligt gewesen,
begrüße die Initiative aus Brüssel aber.
Offiziell erkennt auch Deutschland die in Kabul regierende
islamistische Gruppe nicht an, führt jedoch ebenfalls auf technischer
Ebene Gespräche mit ihren Vertretern, um weitere Abschiebungen von
Straftätern nach Afghanistan zu erleichtern.
Dafür sollen bis zu vier weitere Diplomaten der Taliban nach
Deutschland kommen, wie die Bundesregierung am Montag bestätigt
hatte. Es müssten mehr Identitäten festgestellt und Pässe ausgestellt
werden, so dass zusätzliche afghanische Konsularbeamte benötigt
würden, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte am Wochenende
erklärt, regelmäßiger und mehr nach Afghanistan abschieben zu
wollen.
Bereits im Januar Treffen in Kabul
Im Januar hatte es ein erstes Treffen zu dem Thema in Kabul gegeben.
20 europäische Staaten - darunter auch Deutschland - hatten die
EU-Kommission zuvor gebeten, bei der Koordinierung von Abschiebungen
nach Afghanistan zu unterstützen.
Die Brüsseler Behörde wählt den Begriff der «technischen Ebene»,
da
die EU die Taliban nicht als legitime Regierung Afghanistans
anerkennt und sich den Angaben zufolge nicht die politischen Spitzen,
sondern Beamte auf Fachebene austauschen.
Ein Treffen zwischen Taliban-Vertretern und EU-Offiziellen in Europa
ist politisch auch deshalb heikel, weil es durch die Taliban-Führung
im eigenen Land als diplomatischer Gewinn genutzt werden könnte. Die
Gruppe versucht, durch Abschiebe-Deals mit europäischen Staaten
Anerkennung zu erlangen.
Wer für die Taliban nach Brüssel kam
An den Gesprächen nahm für die Taliban nach eigenen Angaben unter
anderem der afghanische Außenamtssprecher Abdel Kahar Balchi teil,
der als einer ihrer zentralen Kommunikatoren gilt. Kurz nach ihrer
Machtübernahme im August 2021 war Balchi zum ersten Mal öffentlich
aufgetreten, als er für den obersten Taliban-Sprecher Sabiullah
Mudschahid übersetzte.
Insgesamt sind nach Angaben des belgischen Außenministeriums von
afghanischer Seite fünf Anträge für ein Visum gestellt worden. Das
belgische Außenministerium teilte mit, dass es als Gastgeberstaat der
EU-Institutionen verpflichtet sei, solche Treffen zu erleichtern und
nicht zu behindern.
Belgischer Außenminister distanziert sich von Einladung
Zugleich teilte ein Sprecher mit, der belgische Außenminister Maxime
Prévot billige die Entscheidung nicht, Vertreter der Taliban nach
Brüssel einzuladen. «Er würde es niemals akzeptieren, dass die
belgische Regierung in ihrem eigenen Namen diese Personen zu
Gesprächen in Belgien einlädt», hieß es.
Österreich führt ebenfalls bereits seit längerem technische Gespräc
he
mit den Taliban, um mehr abschieben zu können. Eine Delegation des
österreichischen Innenministeriums reiste Anfang 2025 nach
Afghanistan; im September besuchten Taliban-Vertreter Wien. Norwegen
hatte bereits Anfang 2022 eine Einladung an Vertreter der Islamisten
ausgesprochen.
Taliban verwehren Frauen Bildung und Jobs
Im Sommer 2021 hatten die Taliban nach einer Blitzoffensive in
Afghanistan wieder die Macht an sich gerissen. Seither beschneiden
sie systematisch den Zugang von Frauen und Mädchen zu höherer Bildung
und dem Arbeitsmarkt.
Erst vor knapp zwei Wochen hatten Sicherheitskräfte der Taliban in
der westafghanischen Stadt Herat Proteste brutal niedergeschlagen.
Die Vereinten Nationen sprachen daraufhin von mindestens zwei Toten,
einer davon ein Junge. Menschen protestierten, nachdem Sittenwächter
in der Stadt Dutzende Frauen aufgrund angeblicher Verstöße gegen
Kleiderregeln festgenommen hatten.
