Ukraine bekommt erste Milliarden aus EU-Hilfskredit Von Friedemann Kohler und Katharina Redanz, dpa
25.06.2026 14:06
Seit mehr als vier Jahren verwüstet Russlands Angriffskrieg die
Ukraine. Doch der Wiederaufbau wird schon geplant. Kanzler Merz kommt
zu dem Treffen mit einer klaren Botschaft an Moskau.
Danzig (dpa) - Die kriegsgeplagte Ukraine hat die lang erwartete
erste Zahlung aus dem 90 Milliarden Euro schweren
Unterstützungsdarlehen der EU erhalten. Rund drei Milliarden Euro
Makrofinanzhilfen wurden ausgezahlt, wie EU-Kommissionspräsidentin
Ursula von der Leyen bei der Ukraine Recovery Conference (URC) in
Danzig (Gdansk) sagte. In den kommenden Tagen solle auch der erste
Teil von sechs Milliarden Euro für die Drohnenproduktion an Kiew
fließen. «Das ist gelebte Solidarität», sagte von der Leyen.
Von den neuen EU-Finanzhilfen in Höhe von 90 Milliarden Euro sind 60
Milliarden für Verteidigung des von Russland angegriffenen Landes
vorgesehen. Die Hälfte des Geldes soll in diesem Jahr fließen -
weitere 45 Milliarden könnten im kommenden Jahr folgen.
Die EU hatte im April den Weg für den Unterstützungskredit
freigemacht, nachdem der ehemalige ungarische Ministerpräsident
Viktor Orban ihn zuvor monatelang blockiert hatte. Das Geld soll die
Ukraine vor einer Staatspleite bewahren und ihr ermöglichen, den
Abwehrkampf gegen die russischen Invasionstruppen fortzusetzen.
Ukraine erwartet Verträge über zehn Milliarden Euro
Die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko kündigte in
Danzig an, bei der Konferenz sollten 170 Verträge für den
Wiederaufbau im Wert von etwa 10 Milliarden Euro unterzeichnet
werden. Die Ukraine und Polen sind Co-Gastgeber der URC, auch wenn
sich die Verbündeten in den vergangenen Wochen einen bitteren
Geschichtsstreit geliefert haben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr
Selenskyj ließ sich deshalb durch Swyrydenko vertreten.
Tusk mahnt Kiew zur Versöhnung
Polens Regierungschef Donald Tusk versucht seit Tagen, die Wogen zu
glätten. Er richtete bei seiner Eröffnungsrede eine freundliche
Mahnung an Kiew. «Die Ukraine möchte - zu Recht - Teil eines
vereinten Europas sein», sagte Tusk. «Eine Voraussetzung für eine
echte, vollständige Vereinigung war schon immer das Verständnis der
eigenen Geschichte sowie die authentische Fähigkeit und Bereitschaft
zur Versöhnung.»
Ausgelöst hat den Streit Selenskyj. Er benannte eine Armee-Einheit
nach ukrainischen Untergrundkämpfern im Zweiten Weltkrieg. Auf deren
Konto gehen aber auch Massaker an zehntausenden Polen und Juden auf
dem Gebiet der heutigen Westukraine. In Polen rief der Schritt
Selenskyjs große Empörung hervor. Polens rechtskonservativer
Präsident Karol Nawrocki nahm Selenskyj einen hohen Orden wieder weg.
Der Geschichtsstreit droht auch andere Bereiche der unverzichtbaren
Kooperation zwischen der Ukraine und Polen zu beeinträchtigen.
Merz an Moskau: Russland wird Krieg nicht gewinnen
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte der Ukraine in Danzig die
unerschütterliche Unterstützung Deutschlands zu. Zugleich rief er
dazu auf, in Verhandlungen über ein Ende des seit mehr als vier
Jahren dauernden Krieges einzusteigen. «Russland wird diesen Krieg
nicht gewinnen», sagte er. Europa und das transatlantische Bündnis
seien bereit, noch mehr Druck auf die angeschlagene russische
Wirtschaft auszuüben. «Wir senden heute eine klare Botschaft an
Russland: Die Zeit ist da, um Verhandlungen aufzunehmen, die
Frontlinie einzufrieren und das Töten zu beenden», sagte Merz.
Bisherige Verhandlungen über ein Konfliktende, geführt mit den USA
als Vermittler, haben kein Ergebnis gebracht. Die großen europäischen
Staaten suchen nach einem Format, sich an Gesprächen zu beteiligen.
Allerdings beharrt Moskau auf Maximalforderungen, die auf eine
Unterwerfung der Ukraine hinauslaufen. Es will auch nicht mit den
Europäern reden.
Die Ukraine sehe ihre Zukunft wie Polen in der Europäischen Union,
sagte Swyrydenko. Auch Merz sprach von einer «Zukunft der Ukraine in
der europäischen Familie». Er rief Kiew zu energischen Reformen im
Rahmen des angestrebten EU-Beitritts auf. «Andauernder Fortschritt im
Kampf gegen Korruption und bei der Stärkung des Rechtsstaates ist
entscheidend, um das Vertrauen der Bürger, der internationalen
Partner und Investoren zu erhalten», sagte er.
Kriegsschäden in der Ukraine in Milliardenhöhe
Wie in den Vorjahren geht es bei der Ukraine Recovery Conference
darum, wie Kriegsschäden an der ukrainischen Infrastruktur repariert
werden können und wie der künftige Wiederaufbau aussehen soll.
Russland hat immer wieder Kraftwerke und Energienetze der Ukraine
bombardiert. Im vergangenen Winter hatten Millionen Menschen in der
Hauptstadt Kiew über Wochen keine Heizung und kaum Strom. Unzählige
Wohnhäuser und Betriebe in der Ukraine sind beschädigt oder zerstört.
Ein Bericht der Weltbank, der ukrainischen Regierung und der EU
schätzt die Zerstörungen seit 2022 auf 195 Milliarden US-Dollar (171
Milliarden Euro), die wirtschaftlichen und sozialen Schäden und
Ausfälle auf 666 Milliarden Dollar. Für den Wiederaufbau seien in den
kommenden zehn Jahren 587 Milliarden US-Dollar nötig, hieß es im
Bericht vom vergangenen Februar.
