Labor: Manche Kleidung bei Shein mit Chemikalien belastet Von Martina Herzog und Niklas Treppner, dpa
29.06.2026 03:00
Produkte von Online-Billighändlern halten Sicherheitsbestimmungen
nicht immer ein. Das zeigt auch ein aktueller Test von
Shein-Klamotten: EU-Grenzwerte werden teils massiv überschritten.
Berlin/Bremen (dpa) - Auf der Online-Plattform Shein verkaufte
Kleidung ist zum Teil stark mit Chemikalien belastet - und reißt
damit europäische Grenzwerte. Das geht aus Untersuchungen des Bremer
Umweltinstituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hervor.
Die Testergebnisse liegen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor.
7 von 18 getesteten Kleidungsstücken verstießen demnach gegen
EU-Grenzwerte.
Shein will Produkte vorerst aus Sortiment nehmen
«Wir nehmen die von der DUH vorgebrachten Vorwürfe sehr ernst»,
erklärte Shein auf dpa-Anfrage. Man prüfe den Sachverhalt nun. «Bis
die Untersuchung abgeschlossen ist, nehmen wir die betroffenen
Produkte, entsprechend unseren Produktsicherheitsrichtlinien weltweit
aus dem Angebot. Gleichzeitig führen wir eine unsere gesamte Seite
umspannende Prüfung vergleichbarer Produkte durch.»
Nicht nur Shein fällt bei Tests von Verbraucherschützern negativ auf.
Das betrifft auch andere Online-Billigplattformen wie Temu. Die
EU-Kommission brummte Temu zuletzt eine Strafe in Höhe von 200
Millionen Euro auf, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken bei
Ladegeräten und zu viel Chemikalien in Kinderspielzeug. Temu
kritisierte die Strafe in einem Statement als unproportional. Zudem
beziehe sich die Entscheidung auf die Risikoabwägung von 2024 und
spiegele nicht den aktuellen Stand der Systeme wider.
«Wir haben in letzter Zeit häufig Grenzwertüberschreitungen, auch
gerade was die PFAS angeht», sagt Ulrike Siemers,
Co-Geschäftsführerin des Umweltinstituts. «Häufig auch bei
Plattformen, wo man die Textilien und die Produkte eben auch online
bestellen kann.»
«Bunter Cocktail an Chemikalien»
Bei den aktuellen Labor-Untersuchungen der Shein-Produkte wurden laut
Labor teils erhebliche Überschreitungen von Grenzwerten festgestellt.
«Wir haben in den Produkten eine Vielzahl von verschiedenen
Chemikalien gefunden, von den Schwermetallen über die Weichmacher,
über einige PFAS», so Siemers. «Das ist ein bunter Cocktail an
Chemikalien, auch welche, die eben vielleicht nicht unbedingt
reglementiert sind, aber trotzdem eben auch ein
gesundheitsgefährdendes Potenzial aufweisen können.»
So wurde in einer getesteten Kinderjacke ein Grenzwert für eine
Chemikalie aus der PFAS-Gruppe um mehr als das 1.100-Fache
überschritten, in einer für Teenager angebotenen Jacke sogar um mehr
als das 12.000-Fache. PFAS steht für per- und polyfluorierte
Alkylsubstanzen. Diese Stoffe werden eingesetzt, um unter anderem
Kleidung wasser-, fett- und schmutzabweisend zu machen.
Massive Überschreitungen von Grenzwerten
Als sogenannte Ewigkeitschemikalien reichern sich PFAS in Mensch und
Umwelt an. Manche PFAS können laut Umweltbundesamt Effekte auf
Stoffwechsel, Hormonhaushalt und Immunsystem haben, manche stehen im
Verdacht, krebserregend zu sein.
In einem Paar Damen-Schnürstiefel wiederum wurde eine Konzentration
von 179.000 Milligramm pro Kilogramm des Weichmachers DEHP gefunden.
Erlaubt wären allenfalls Werte von unter 1.000 Milligramm. Die
Stiefel enthalten also das 179-Fache des zugelassenen Wertes.
Was Phthalate auslösen können
Sogenannte Phthalate - dazu gehört DEHP - haben hormonähnliche
Eigenschaften und können die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen.
Insgesamt verstießen von 18 untersuchten Produkten 7 gegen
EU-Grenzwerte. Shein vertreibt sowohl eigene Produkte als auch Waren
von anderen Anbietern. Alle getesteten Kleidungsstücke sind nach
Angaben der DUH Shein-Produkte.
Shein betonte, Händler und Lieferanten seien verpflichtet, sich an
interne Produktsicherheitsstandards sowie die jeweils geltenden
Produktsicherheitsstandards zu halten. Zudem arbeite man mit
international anerkannten Prüf- und Inspektionsunternehmen zusammen,
darunter der TÜV Süd.
Umwelthilfe schickt Abmahnung an Shein
Die Deutsche Umwelthilfe hat Shein nun eine Abmahnung geschickt. «Das
bedeutet erstens, dass wir eine Unterlassungserklärung einfordern,
also diese ganzen gefährlichen Chemikalien und Produkte müssen vom
Markt, und zwar weltweit», sagt Viola Wohlgemuth, Textilexpertin von
der DUH. Zudem werde man der EU-Kommission die Testergebnisse zur
Verfügung stellen.
Hintergrund ist ein Verfahren, das die EU-Kommission im Februar gegen
Shein einleitete. Die Brüsseler Behörde verdächtigt das Unternehmen,
nicht genug gegen den Vertrieb illegaler Produkte auf seiner
Plattform zu tun und den Verbraucherschutz zu vernachlässigen.
EU-Untersuchung läuft
Für Aufsehen hatte der Verkauf kindlich aussehender Sexpuppen
gesorgt, auch genehmigungspflichtige Waffen sowie Medikamente konnte
man auf dem Online-Marktplatz erwerben. Das Unternehmen hatte die
Angebote nach Kritik selbst von seiner Seite genommen.
Grundlage für das Verfahren der EU-Kommission ist das Gesetz über
digitale Dienste (Digital Services Act, kurz DSA). Große
Online-Plattformen müssen sich wegen des DSA an deutlich strengere
Vorschriften halten, die vor allem die Internetnutzer in der EU
schützen sollen.
Die Verfahren ziehen sich oft über Jahre. Gegen Shein laufen die
Ermittlungen noch. Im nächsten Schritt würde die EU-Kommission
vorläufige Ergebnisse präsentieren und erst danach - sollte Shein
nicht einlenken und sich bessern - würde Brüssel eine Strafe
verhängen.
Privatpersonen und Organisationen können auf Missstände hinweisen
Umweltaspekte stehen zwar nicht direkt im Fokus des DSA. Der Verkauf
von Produkten, die nicht dem EU-Recht oder dem nationalen Recht eines
Mitgliedslandes entsprechen, aber schon. Als illegal können also auch
Produkte verstanden werden, die gegen Umweltvorschriften verstoßen.
Das Gesetz sieht dabei explizit auch vor, dass Privatpersonen oder
zivilgesellschaftliche Organisationen die EU-Kommission auf
Missstände hinweisen können. Die Bremer Laborergebnisse will die
Umwelthilfe nun der EU-Kommission für ihr weiteres Vorgehen gegen
Shein als eben ein solches Beweismittel an die Hand geben.
Verbraucherschützer haben immer wieder etwas zu bemängeln
Auch Stiftung Warentest stellte bei Tests von Spielzeug, Schmuck und
elektronischen Geräten, die bei Temu und Shein verkauft wurden, fest,
dass 110 von 162 Produkten EU-Standards nicht erfüllten. Oekotest
fand bei Tests von über Shein verkaufter Kleidung bedenkliche
Chemikalien. Die Arbeiterkammer Oberösterreich kam bei von Temu und
Shein verkaufter Kleidung zu ähnlichen Ergebnissen.
Auch Tests, die die Verwaltung der südkoreanischen Hauptstadt Seoul
in Auftrag gab, fanden fragwürdige Substanzen bei Produkten, die
unter anderem über Temu und Shein vertrieben wurden. Zu all diesen
Tests äußerte sich Shein in seiner Antwort an die dpa nicht.
Was Experten raten
Online-Shoppern rät die Verbraucherzentrale Niedersachsen zu
besonderer Vorsicht beim Einkaufen auf Online-Marktplätzen, auf denen
vor allem chinesische Händler Produkte anbieten. Bei
sicherheitsrelevanten Waren wie Spielzeug, Elektrogeräten und
Kosmetika raten die Experten zum Kauf in der EU. Zudem solle man auf
komplette Angaben zu Hersteller, Importeur und Sicherheitskennzeichen
wie das CE-Zeichen achten. Bei extrem günstigen Angeboten könnten
schlechte Qualität oder mangelnde Sicherheit dahinterstecken.
Die Umwelthilfe wünscht sich generell ein stärkeres Vorgehen gegen
Fast Fashion, also gegen sehr günstige Mode mit extrem schnell
wechselnden Kollektionen. Bei der anstehenden Reform des
Textilgesetzes sollten Umweltkriterien eine Rolle spielen. Nach den
bisher bekannten Plänen von Umweltminister Carsten Schneider (SPD)
sollen sich Hersteller künftig an Organisationen für
Herstellerverantwortung beteiligen, die sich aus Beiträgen der
Hersteller finanzieren und um Sammlung und Verwertung von
Alttextilien kümmern sollen.
«Wenn Unternehmen giftige, kurzlebige und schwer recycelbare
Fast-Fashion-Produkte auf den Markt bringen, dann sollten diese
drastisch höhere Beiträge zahlen müssen als Hersteller langlebiger,
schadstoffarmer und kreislauffähiger Textilien», erklärte
DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz.
