Rettungskräfte kämpfen in Venezuela weiter gegen die Zeit
29.06.2026 14:55
Teams aus aller Welt suchen in Venezuela unter Trümmern nach
Vermissten. Gleichzeitig harren zahlreiche Menschen unter freiem
Himmel aus. Überall wird Hilfe benötigt.
Caracas (dpa) - Auch am fünften Tag nach den verheerenden Erdbeben
mit mehr als 1.400 Toten in Venezuela geben die Rettungskräfte nicht
auf. Die ganze Nacht hindurch suchten Einsatzkräfte aus Venezuela und
zahlreichen anderen Staaten unter eingestürzten Gebäuden nach
Zehntausenden Menschen, die noch unter den Trümmern vermutet werden.
«Falls es noch Überlebende unter den Trümmern geben sollte, zählt f
ür
sie jetzt jede Sekunde», sagte Simone Walter, Nothilfekoordinatorin
der Organisation Help, am Montag. «Aus unserer Erfahrung von früheren
Erdbeben wissen wir, dass nur circa zehn Prozent aller Vermissten
noch lebend geborgen werden können, die Zeit rennt also.»
Erschwert werden die Sucharbeiten durch zahlreiche Nachbeben. Am
Morgen (Ortszeit) erschütterte nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS
ein Beben der Stärke 4,6 vor der Küste Venezuelas die Region.
Spektakuläre Rettungen geben Hoffnung
In manchen Fällen seien Menschen zwar unter eingestürzten Gebäuden
eingeschlossen, hätten aber keine Verletzungen davongetragen, sagte
die Leiterin eines Einsatzteams aus Kolumbien dem venezolanischen
Staatsfernsehen in der Nacht. In diesen Fällen gebe es Hoffnung. Klar
sei aber auch, dass jede Stunde ohne Wasser und Essen die Chancen auf
eine Rettung verringere.
Immer wieder werden aber noch Menschen lebendig aus den Trümmern
gezogen - am Wochenende etwa eine 60-Jährige in Caraballeda in La
Guaira, die nach Angaben von El Salvadors Präsident Nayib Bukele nach
86 Stunden gefunden wurde. Sie habe zwischen zwei Wänden festgesteckt
und mit einem Stück Metall gegen die Steine geklopft, um die
Rettungsteams auf sich aufmerksam zu machen, berichtete die Frau dem
US-Sender CNN. Dann sei sie durch ein kleines Loch ins Freie gezogen
worden. «Ich kam Stück für Stück und unter großen Schwierigkeiten
heraus, wie ein Baby bei einer Geburt», sagte die 60-Jährige.
In der Nacht auf Montag sei ein Mann sogar noch nach 106 Stunden
lebend gefunden worden, schrieb Venezuelas geschäftsführende
Präsidentin Delcy Rodríguez auf der Plattform X.
Tausende werden noch vermisst
Offiziell liegt die Zahl der Todesopfer nach den Beben der Stärken
7,2 und 7,5 bislang bei 1.450, wie der Präsident der
Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, am Sonntag mitteilte. Rund
3.200 Menschen sind demnach verletzt worden.
Laut einer inoffiziellen Plattform für die Suche nach Vermissten
gelten derzeit mehr als 46.000 Menschen als vermisst - nachdem mehr
als 80.000 Vermisstenmeldungen eingegangen waren. Die Angaben lassen
sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Menschen suchen auch
nach den Namen ihrer Angehörigen auf Listen von Überlebenden, die
sich etwa in Notunterkünften befinden.
Hilfe auch aus Europa
Auch zwei deutsche Such- und Rettungsteams sind in Venezuela im
Einsatz - eines vom Technischen Hilfswerk (THW) und eines von der
Organisation @fire. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin gibt
es weiterhin keine Hinweise auf deutsche Opfer.
Die EU kündigte am Montag die Errichtung einer humanitären Luftbrücke
an. Von Kopenhagen aus sollten Anfang der Woche insgesamt 50 Tonnen
an Hilfsgütern in die betroffenen Gebiete geflogen werden, darunter
Material für Notunterkünfte, Wasser- und Sanitäranlagen und
Lehrmittel, teilte die EU-Kommission mit. Außerdem würden fünf
Millionen Euro für humanitäre Hilfe in den am stärksten betroffenen
Kommunen bereitgestellt.
Kinder besonders betroffen
Während die Sucharbeiten andauern, harren zahlreiche Menschen in
Notunterkünften oder unter freiem Himmel aus. «Wir sehen überall
Familien auf der Straße - Familien, die alles verloren haben und
nicht in die Trümmer ihrer Häuser zurückkehren können», sagte Fat
ima
Andraca, Länderdirektorin von Save the Children in Venezuela, in
einer Mitteilung.
Die Strom- und Wasserversorgung, Telekommunikation und Transportwege
seien in der Katastrophenregion nach wie vor stark beeinträchtigt.
Die ohnehin schlecht ausgestatteten Krankenhäuser seien überlastet
und die Schulen in den betroffenen Gebieten geschlossen. Besonders
Kinder benötigten langfristige Unterstützung, um mit den Folgen der
Katastrophe zurechtzukommen, hieß es.
Venezuela seit Jahren in der Krise
Venezuela befand sich vor den Erdbeben ohnehin schon in einer
schwierigen Lage. Seit Jahren leidet das Land unter politischen
Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der größten
Migrationskrisen der Welt. Im Januar führte Washington einen
Militäreinsatz im Land durch, bei dem der autoritäre Machthaber
Nicolás Maduro gefangen genommen wurde. Die geschäftsführende
Präsidentin Rodríguez war Vizepräsidentin in der Maduro-Regierung.
