Nur Übergangsnachfolger für Bosnien-Beauftragten Schmidt

30.06.2026 22:18

Nach dem Rücktritt des deutschen Oberaufsehers für das ehemalige
Bürgerkriegsland ist die Suche nach einem festen Nachfolger weiter
offen. Warum es bisher nur eine provisorische Lösung gibt.

Sarajevo (dpa) - Die internationale Gemeinschaft hat sich auf keinen
Nachfolger für ihren zurückgetretenen Bosnien-Beauftragten, den
Deutschen Christian Schmidt, einigen können. Der Lenkungsausschuss
des sogenannten Friedensumsetzungsrates (PIC) ernannte den
amerikanischen Karrierediplomaten Louis Crishock lediglich zum
interimistischen Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina, wie
das Gremium nach einer Sitzung in Sarajevo mitteilte. 

Eine permanente Lösung soll bis zum 14. Juli gefunden werden, hieß es
in der Mitteilung weiter. Crishock (55) amtierte bislang als erster
Stellvertreter von Schmidt im Sarajevoer Amt des Hohen Repräsentanten
(OHR). Er tritt die neue Funktion am Mittwoch (1. Juli) an. Der
deutsche Politiker, der aus der CSU kommt und deutscher
Landwirtschaftsminister war, hatte seinen Rücktritt auf
amerikanischen Druck im Mai angekündigt. Er übte das Amt seit 2021
aus. 

Medienberichten zufolge war Schmidt den Plänen der Administration von
US-Präsident Donald Trump in die Quere gekommen, die vorsehen, dass
mit Trump verbundene amerikanische Geschäftsleute eine Pipeline zur
Anlieferung von amerikanischem Flüssiggas nach Bosnien bauen lassen.
Schmidt wehrte sich gegen die übereilte Überlassung des im Besitz des
bosnischen Staates befindliche Baulands an die US-Investoren. 

Im Friedensumsetzungsrat sind rund 50 Länder und Organisationen
vertreten, die sich für die Umsetzung des Friedensabkommens von
Dayton (1995) einsetzen. Die aktivste Rolle spielen darin die
Europäische Union (EU) und ihre Mitgliedsstaaten sowie die USA. 

Hoher Repräsentant überwacht den Frieden

Das Dayton-Abkommen beendete einen von 1992 bis 1995 dauernden Krieg
mit mehr als 100.000 Toten, in dem sich im Gefolge des Zerfalls des
alten Jugoslawiens Muslime (Bosniaken), Serben und Kroaten
gegenüberstanden. Es sah auch die Schaffung des OHR vor, das die
Umsetzung des Friedens überwachen soll und dafür über weitgehende
Vollmachten verfügt.

In der aktuellen Situation führten die Auffassungsunterschiede
zwischen der EU und der USA dazu, dass sich der PIC auf keinen
ständigen Nachfolger für Schmidt zu einigen vermochten. Dabei ging es
nicht nur um die Pipeline, sondern auch um die künftige Rolle des OHR
in Bosnien. Die Trump-Administration will diese, im Gegensatz zu
früheren US-Regierungen, deutlich reduzieren, die Europäer sehen die
Zeit dafür noch nicht gekommen. 

Unterschiedliche Favoriten 

In der Schmidt-Nachfolgefrage favorisiert Washington den
italienischen Diplomaten Antonio Zanardi Landi (76), dem eine gewisse
Gefügigkeit gegenüber den amerikanischen Interessen in Bosnien
nachgesagt wird. Die Europäer würden wiederum lieber den Franzosen
René Troccaz (66) an der Spitze des OHR sehen. Er war zuvor
Sondergesandter der Pariser Regierung für den Westbalkan.